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Naturschutz: Schimpansen in die Zukunft retten

50 Jahre nach ihrem ersten Besuch in Gombe fordert Jane Goodall dringend neue Maßnahmen, um unsere nächsten noch lebenden Verwandten vor dem Aussterben zu bewahren. Naturschützer und die Bevölkerung vor Ort müssen dabei zusammenarbeiten.
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Als ich vor genau 50 Jahren im Nationalpark Gombe Stream im heutigen Tansania eintraf, hatte ich kaum mehr dabei als einen alten Feldstecher und Notizblöcke. Das war 1960 – just in dem Jahr, in dem ein US-Satellit das erste Foto der Erde aus dem Weltraum schoss. Tag für Tag saß ich auf einem Hügel, der mir eine gute Aussicht über Gombe und seine Schimpansen bot. Im Süden lag unser Camp im Tal, im Norden erstreckte sich der dichte Wald des unteren Kasekela Valleys.

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Dieser Beitrag
erschien unter dem Titel "Securing a future for chimpanzees" in Ausgabe 466, 2010 von Nature.
Durch mein Fernglas sah ich den Schimpansen beim Verspeisen von Früchten und Blättern zu und entwickelte eine erste Vorstellung ihrer Lebensgewohnheiten. Dass ich solche Verhaltensstudien die kommenden 50 Jahre hindurch betreiben würde, ahnte ich damals genauso wenig wie meine kommende Karriere als Tierschützerin, Tierschutzaktivistin und Spendensammlerin.

Nicht zuletzt dank immer besserer Analysemethoden verstehen wir heute das Verhältnis von Mensch und Tier besser als je zuvor. So gibt es erstaunliche Parallelen in der nonverbalen Kommunikation: Sich zu umarmen, an den Händen zu halten oder jemandem auf die Schulter zu klopfen, bedeutet bei ihnen im Wesentlichen dasselbe wie bei uns. Wir haben ihre geistigen Fähigkeiten einzuschätzen gelernt und kennen die Komplexität ihrer Gefühlswelt, die der unseren bemerkenswert ähnlich zu sein scheint.

Erstaunliche Parallelen

Zahlreiche Forschungsprojekte haben Ähnlichkeiten in Gehirn und Immunsystem der Primaten gefunden. Genetisch gesehen unterscheiden uns gerade einmal 1,5 Prozent der DNA-Bausteine. Und schließlich können Forschungen am Simianen Immundefizienz-Virus (SIV), der Affenvariante von HIV, nützliche Einsichten über dessen menschliche Form liefern. Auch in Gombe werden solche Studien durchgeführt.

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Jane Goodall | Die am 3. April 1934 in London geborene Verhaltensforscherin hat sich mit ihren Studien und Naturschutzbemühungen im Nationalpark Gombe Stream international einen Namen gemacht. Viele Erkenntnisse über das Verhalten von Schimpansen gehen auf ihre Langzeitbeobachtungen zurück.
Vervielfacht hat sich seitdem aber auch die existenzielle Bedrohung der Menschenaffen. Bewusst wurde mir dies erstmals, als ich 1986 in Chicago an einer Konferenz mit dem Titel "Understanding Chimpanzees" ("Schimpansen verstehen") teilnahm – gemeinsam mit vielen anderen Feldforschern, die einer nach dem anderen berichteten, wie rasant die Zahl ihrer Forschungsobjekte geschrumpft war. Noch während ich in dieser Konferenz saß, wuchs in mir der Entschluss, die Not der Schimpansen weltweit bekannt zu machen.

Einige Jahre später konnte ich mich an Bord eines kleinen Flugzeugs hoch über der zerklüfteten Landschaft Tansanias mit eigenen Augen vom Ausmaß eines der größten Probleme der Affen überzeugen: Der 35 Quadratkilometer große Gombe-Park war zu einer bewaldeten Insel inmitten einer baumlosen Fläche geworden.

Abholzung schreitet rasant voran

Überall in Afrika wird aus ehemaligem Schimpansengebiet Farmland gewonnen; es wird Platz geschaffen für gigantische Ölpalmenplantagen oder Siedlungsgebiete. Die Abholzung im großen Maßstab schreitet mit Besorgnis erregender Geschwindigkeit voran.

Doch damit nicht genug. Anders als andere Tiere leiden Schimpansen auch unter Menschenkrankheiten wie Polio oder Grippe. Eine weitere Bedrohung ist die Nachfrage nach bushmeat. Der illegale, aber lukrative Handel mit Wildtierfleisch macht die Jagd auf geschützte Arten immer attraktiver.

Diese und viele weitere Gefahren haben die Populationsgröße der Gombe-Schimpansen von 150 Tieren im Jahr 1964 auf rund 100 Individuen schrumpfen lassen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es noch eine geschätzte Million wild lebender Schimpansen in Afrika, heute dürfte ihre Zahl unter 300 000 liegen. Viele davon leben in zerstückelten und isolierten Gebieten. Einige Tierschützer meinen sogar, dass die Art in den nächsten 30 Jahren in der freien Natur vollständig ausgestorben sein wird.

TACARE – Kümmere dich!

In den Jahren nach der Chicagoer Konferenz und meinem Flug über Gombe wurde mir allerdings zusehends klar, dass wir zuallererst die Probleme der Menschen in direkter Nachbarschaft der Affen würden lösen müssen: Armut, Mangel an sauberem Trinkwasser, unzureichende medizinische Versorgung und Bildung sowie nicht nachhaltige Anbaumethoden, die häufig zu schlimmer Erosion und Dürre führen.

1994 begann daher das Jane Goodall Institute (JGI), das ich 1977 ursprünglich für Forschungs- und Bildungsaufgaben gegründet hatte, mit einem der umfassendsten Programme zur community conservation in Afrika: TACARE, das wie das englische take care (sinngemäß: Kümmere dich!) ausgesprochen wird, folgt genau jener Auffassung, dass wirksamer Naturschutz nur über die Belange der Menschen vor Ort erreicht werden kann.

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Schimpansenwaisen | Im Tchimpounga-Tierasyl spielen zwei Schimpansenwaisen unter Aufsicht. Das kongolesische Tchimpounga Chimpanzee Rehabilitation Center wurde 1992 gegründet und wird seit 1999 vom Jane Goodall Institute betrieben. Auch hier verfolgen die Tierschützer das Ziel, Einheimische in ihre Projekte einzubeziehen.
Der Ansatz des von George Strunden, dem Vize-Präsidenten des JGI für Afrikaprogramme, geleiteten Projekts ist es, ältere Naturschutzbemühungen mit neuen Strategien einer umweltgerechten ländlichen Entwicklung zu kombinieren. Von Beginn an hörten die Mitarbeiter den Menschen zu und gaben Hilfestellung beim Bau von Kliniken, Schulen und anderen Einrichtungen oder unterstützten den Aufbau einer sicheren Nahrungsversorgung. Aus der Arbeit im Rahmen von TACARE haben wir gelernt, wie wichtig es ist, den Menschen die ganz konkreten Vorteile einer intakten Umwelt vor Augen zu führen und dann diese Gelegenheiten zu nutzen, um weitere Naturschutzaufgaben zu planen und zu vermitteln.

Fördern und Fordern – auch in der Natur

Besonders die älteren Dorfbewohner verstehen sehr wohl, warum der Verlust an geeignetem Lebensraum für Schimpansen gleichbedeutend ist mit einem Verlust an den Dingen und Leistungen, die das Ökosystem für sie selbst bereithält.

Gleichzeitig sind sie sich auch im Klaren darüber, dass alle diese Verwüstungen eine direkte Folge der Armut sind. TACARE kombiniert daher seine Umweltschutzziele mit dem Bemühen, die Lebensumstände vor Ort zu verbessern, und versucht dabei ein Bewusstsein dafür zu schaffen, welchen Wert eine intakte Natur hat.

Besonderes Gewicht legten wir dabei auf das enorme Potenzial des Miombos. Diese ortstypische, locker mit Bäumen bestandene Savannenlandschaft gibt nicht nur vielen Tierarten einen Lebensraum, sondern versorgt auch die Menschen unter anderem mit Honig und Arzneipflanzen. Obwohl sich die Bevölkerungszahl und die Abholzungsrate zwischen 1991 und 2003 verdoppelten, geben neueste Satellitenaufnahmen Anlass zur Hoffnung, dass sich das Verschwinden des Waldes endlich verlangsamt.

Moderne Technik

Neue Technologien aus den Geowissenschaften können einen substanziellen Beitrag vor Ort leisten. Gemeinsam mit unseren Partnern an den Universitäten und in der Industrie werden Wege erprobt, Geoinformationssysteme (GIS) und Fernerkundungswerkzeuge nutzbringend einzusetzen. Seit mehreren Jahren kooperieren Forscher in Gombe etwa mit der University of Minnesota in St. Paul und privaten Unternehmen, wie dem Environmental Systems Research Institute im kalifornischen Redlands.

Das Spektrum reicht von historischen Luftbildern vom Ende der 1940er Jahre bis hin zu aktuellen QuickBird-Satellitenaufnahmen mit einer Auflösung von 60 Zentimetern. Das Bildmaterial ergänzt auf dem Boden gemachte Beobachtungen mit Informationen über die Beschaffenheit der Vegetation und der Waldstruktur.

Wo fressen die Tiere, wo jagen sie und wie bewegen sie sich durch ihr Territorium? Solche Fragen lassen sich dank der Technik deutlich leichter beantworten. So zeigten beispielsweise mit Hilfe von Luft- und Satellitenfotos erstellte Vegetationskarten, dass Schimpansen in offenen oder halbimmergrünen Wäldern größere Jagderfolge zu verzeichnen haben als in Regenwäldern. Der Vorteil dieser Systeme besteht darin, Informationen verschiedener Herkunft zu kombinieren und in einer Karte übereinanderzulegen.

Einheimisches Wissen

Das lieferte uns beispielsweise wertvolle Anhaltspunkte, als wir gemeinsam mit Partnern in der örtlichen Regierung und anderen Tierschutzorganisationen wie The Nature Conservancy einen Aktionsplan ausarbeiteten, für den wir besonders geeignete Schimpansenhabitate außerhalb unseres Parks identifizierten. So konnten wir die Belastung der ortsansässigen Bevölkerung so gering wie möglich halten und gleichzeitig den potenziellen Nutzwert der Erhaltungsbemühungen maximieren. Das kann etwa gelingen, indem man dort Lebensraum wiederherstellt, wo fortschreitende Erosion die Wasserqualität verschlechtert hat.
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Schimpansen in Gombe | Die Schimpansin Glitter beobachtet, wie ihre große Schwester Gaia mit einem Stöckchen als Angel nach Termiten fischt. Jane Goodall gilt als eine der Ersten, die dieses Verhalten bei unseren nächsten lebenden Verwandten beschrieb.


Mit hoch aufgelösten Satellitendaten wird es auch einfacher, das Wissen der Einheimischen in die Überlegungen einzubeziehen. Ortsansässige können auf Bildern Quellen oder Holzsammelstellen markieren und sogar ihre Häuser, Schulen, Kirchen und Moscheen identifizieren.

In einem Fall entdeckten wir einen einzelnen Baum, unter dem eine Mutter häufig ihr Baby ablegte, während sie selbst zur Feldarbeit ging. Dank solcher Informationen verstehen wir besser, warum beispielsweise ein kleines Waldstück in der Nähe des Dorfs Zashe erhalten blieb, während das umliegende Gebiet der Axt zum Opfer fiel: Dieser Ort hatte für Einheimische religiöse Bedeutung und war im Landnutzungsplan des Dorfs zur Erhaltung vorgesehen. Von größtem Wert sind solche Kenntnisse in Gegenden mit hohem Bevölkerungswachstum. In der Vergangenheit lebten weit weniger Menschen auf der gleichen Fläche, was ihnen ein nachhaltiges Wirtschaften erlaubte. Auf Grund der unaufhörlich steigenden Einwohnerzahl ist es heute umso wichtiger, die Ansprüche der Menschen an ihre unmittelbare Umgebung in Bahnen zu lenken, die das Ökosystem nicht über Gebühr belasten.

Familienplanung bedeutet auch Naturschutz

Die Dorfbewohner, die am TACARE-Programm teilnehmen, verstehen mittlerweile diesen Zusammenhang und suchen bei den Mitarbeitern Rat bei der Familienplanung.

Satellitenbilder erlauben auch eine Erfassung des Ist-Zustands, an dem wir den Erfolg oder Misserfolg unserer Bemühungen objektiv überprüfen können. Wollte man 1986 seine Ergebnisse diskutieren, mussten Forscher aus aller Welt noch nach Chicago reisen. Heute können wir jedes Fleckchen Erde vom Schreibtisch aus betrachten.

Und was sehen wir? Dass Schimpansen überall in Afrika in erschreckendem Tempo verschwinden, dass sie und ihre Lebensräume in allen 21 Ländern, in denen sie noch vorkommen, durch Armut und politische Unruhen bedroht sind und dass die Nachfrage der städtischen Oberschicht nach Buschfleisch ungebrochen ist. Auch der Hunger nach Holz wächst – in Europa, den USA und den stark expandierenden Volkswirtschaften Chinas und Indiens. Es gibt keine Zeit zu verlieren.

Hoffnung auf Bewusstseinswandel

Dennoch: Die wunderbaren Fortschritte in der Wissenschaft und im praktischen Tier- und Naturschutz machen mir Hoffnung. In Gombe sind Schimpansenforschung, geowissenschaftliche Technologien und Naturschutzmethoden, die auf das Wohl der ortsansässigen Bevölkerung Wert legen, eine fruchtbare Verbindung eingegangen.

Nur wenn wir die Bedürfnisse von Menschen und Schimpansen gleichermaßen im Blick behalten, können wir die großen Menschenaffen vor dem Aussterben bewahren. Es bestehen bereits erste Ansätze, in anderen afrikanischen Staaten wie der Demokratischen Republik Kongo und Uganda Programme nach dem Vorbild von TACARE aufzulegen. Wie in Gombe wird man sich auch dort mit schwierigen Fragen nach Landnutzung und Besitzansprüchen auseinandersetzen müssen und nach Alternativen zu den zerstörerischen Praktiken suchen.

Schimpansen vor dem Aussterben zu retten, erfordert nicht allein eine neue Sicht auf Natur und Tier. In mindestens gleichem Maß ist auch ein Umdenken im Verhältnis zu den Mitgliedern unserer eigenen Spezies gefragt. Wenn wir wollen, dass die Nachbarn unserer engsten Verwandten auch weiterhin ihre Heimat mit den Schimpansen teilen, müssen wir ihnen gute Gründe dafür geben.
27. KW 2010

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 27. KW 2010

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