Direkt zum Inhalt

News: Schlankheitskur für Sternhaufen

Mit dem Very Large Telescope des European Southern Observatory haben Astronomen beobachtet, wie ein Kugelsternhaufen im Halo unserer Galaxis 'verdampft' und bereits einige seiner schwächeren Sterne verloren hat. Es ist die erste Beobachtung diese Art und bestätigt die Vorstellungen, die Wissenschaftler derzeit vom Entwicklungsprozeß unserer Galaxis haben.
Der Halo der Milchstraße ist ein ungefähr kugelförmiges Gebiet, welches die flache, an herkömmlicher Materie reichere Spiralstruktur unseres Sternensystems umgibt. Den größten Anteil an seiner Masse hat die geheimnisvolle "dunkle Materie", von der man nichts weiß, außer daß sie existiert. Die hellsten Objekte im Halo sind die uralten Kugelsternhaufen. Sie entstanden vor zwölf bis 14 Milliarden Jahren, kurz nachdem sich aus der "Ursuppe" aus Wasserstoff die ersten Strukturen herausbildeten.

Man glaubt, daß unsere Galaxis im Verlauf ihrer Entwicklung nach und nach benachbarte kleinere Sternensysteme "aufgefressen" hat und das auch noch weiterhin tut. Eine große Rolle kommt bei diesem räuberischen Verhalten der dunklen Materie zu, die mit ihrer enormen Gravitationskraft alles einfängt, was sich in der Umgebung befindet. Einige Astronomen nehmen an, viele der Kugelsternhaufen seien die "unverdauten" Reste einstiger Galaxien, die im Laufe der Jahrmilliarden in den Einflußbereich des Halo gezogen wurden.

NGC 6712 (Bild, 344 kB) ist einer von den etwa 150 Kugelsternhaufen, die wir bis jetzt kennen. Er liegt ungefähr 23 000 Lichtjahre von uns entfernt, etwa in Richtung auf den Mittelpunkt der Galaxis. Er enthält etwas weniger als eine Million Sterne, die alle leichter als die Sonne sind. Wie alle Kugelsternhaufen hat NGC 6712 eine ausgedehnte elliptische Bahn, die ihn gelegentlich in die dichtbevölkerte Spiralebene bringt, und dann wieder hinaus in den eher leeren Halo. Sein letzter Besuch in der Ebene liegt erst ein paar Millionen Jahre zurück. NGC 6712 ist also verhältnismäßig schnell unterwegs.

Die Astronomen vom European Southern Observatory mit Hauptsitz in Garching bei München fanden bei Aufnahmen mit dem Very Large Telescope heraus, daß NGC 6712 einen viel kleineren Anteil schwach strahlender – also leichterer – Sterne hat als andere Kugelsternhaufen. Da er aber mit ziemlicher Sicherheit zu einer ähnlichen Zeit und auf ähnlichen Wegen wie diese entstanden ist, bleibt als Erklärung nur, daß man ihn im Laufe seines Lebens um einen Teil seiner Masse im wahrsten Sinne des Wortes erleichterte. Kleinere Sterne lassen sich durch den Einfluß der Milchstraßengravitation einfacher aus dem Verband des Sternhaufens herauslösen als schwerere. Sie werden dann Teil des Halo. Wissenschaftler bezeichnen diesen Prozeß als "Verdampfen" des Sternhaufens beziehungsweise aus der Sicht der Galaxis als Akkretion (Zunehmen) .

Warum es NGC 6712 so besonders schlimm erwischte, liegt wohl an seinen kleinen Orbit. Er kommt sehr oft nahe am Zentrum der Galaxis mit seinen übermächtigen Gravitationskräften vorbei und wird dann Opfer von Gravitationsschocks, die seinen inneren Zusammenhalt durcheinanderbringen und dafür sorgen, daß er immer wieder ein paar Sterne abgeben muß.

Die Aufnahmen wurden mit dem Very Large Telescope des Paranal Observatory gemacht, das von der ESO in der chilenischen Atacama-Wüste gebaut wurde. Sie waren Teil des Science Verification Programme des Telescopes, mit dem der wissenschaftliche Wert des Teleskopes evaluiert wurde. Die offizielle Einweihung der Anlage findet am 5. März 1999 statt.

Lesermeinung

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte