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Ornithologie: Schlechte Karten für Spätflieger

Zugvögelmänner sollten bei der Aufzucht ihres Nachwuchses nicht allzu sehr rumtrödeln, wenn sie auch im kommenden Jahr bei den Weibchen Erfolg haben wollen. Denn wer das Brutgebiet zu spät verlässt, wartet im Folgejahr nur mit blassen Federn auf – und Vogeldamen stehen nun mal auf ein farbenprächtiges Gefieder.
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Im Alltag der Schnäpperwaldsänger (Setophaga ruticilla) geht es hektisch zu. Im Frühjahr, kaum angekommen in ihrer kanadischen Heimat nach einer langen Wanderung aus tropischen Gefilden, machen sie sich auf Brautwerbung. Später hilft das Männchen seiner Partnerin bei der Aufzucht der Küken. Gleichzeitig muss es aber dafür sorgen, genügend Energie zu sammeln für die herbstliche Reise ins Winterquartier sowie für die Mauser. Denn einmal im Jahr braucht der Schnäpperwaldsänger rund eine Woche Zeit, um sein schwarz-orangefarbiges Federkleid zu wechseln.

Wie der kleine Zugvogel mit dieser Zwickmühle umgeht, interessierte jetzt Ryan Norris von der Queen's University im kanadischen Kingston und seine Kollegen. Sie untersuchten, inwiefern sich die Brutpflegehilfe der Schnäpperwaldsänger-Männer auf deren Mauser auswirkt.

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Schnäpperwaldsänger-Männchen | Schnäpperwaldsänger-Männchen bei der Brutpflege
Die Ornithologen zupften 30 Männchen von Setophaga ruticilla, die in ihr Brutgebiet vom Vorjahr zurückgekehrt waren, ein paar Federn aus und analysierten deren Gehalt an stabilen Wasserstoffisotopen. Die Idee dahinter: Die Menge dieser Isotope folgt auf dem nordamerikanischen Kontinent einem Gradienten von Nord nach Süd. Deswegen – und weil die Federn nur einmal im Jahr wachsen und sich dann nicht mehr verändern – lässt sich anhand dieses Parameters die Gegend lokalisieren, in welcher die Mauser stattgefunden hat. Diese Befunde setzten die Wissenschaftler dann noch in Beziehung zu dem Termin, an dem die einzelnen Tiere gen Süden aufbrachen.

Dabei stellte sich heraus, dass diejenigen Vögel, deren Nachwuchs frühzeitig flügge geworden war, über genügend Zeit und Energie verfügten, um ihre Federn gleich im Brutgebiet auszutauschen. Sie trennten also Brutpflege, Mauser und Migration fein säuberlich voneinander. Dies gelang vierzig Prozent der untersuchten Vögel jedoch nicht: Diese Männchen beendeten die Aufzucht der Jungen so spät im Jahr, dass sie ihren Federwechsel nicht vor dem Aufbruch ins Winterquartier über die Bühne brachten. Stattdessen legten sie unterwegs Pausen ein, um sich zu mausern. Je später sie aufbrachen, umso weiter im Süden wechselten sie erst die Federn.

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Schnäpperwaldsänger | Erwachsenes Schnäpperwaldsänger-Männchen nach vollständiger Mauser
Das blieb nicht ohne Folgen: Den Männchen, welche die Mauser auf der Reise erledigten, wuchsen weniger prachvoll gefärbte Federn. Statt leuchtend orange waren diese nur gelblich-blass gefärbt. Ein klarer Nachteil bei der Brautwerbung im folgenden Jahr: Die weiblichen Schnäpperwaldsänger bevorzugen prächtig gefärbte Bewerber.

Zusätzlich könnte die Kombination von Mauser und Migration stärker an den Kräften zehren und so den Zug in den Süden erschweren. Wegen des verzögerten Starttermins und des zusätzlichen Zwischenstopps erreichen die Tiere außerdem ihr Ziel später als ihre Artgenossen und müssen dann mit weniger guten Revieren vorlieb nehmen. Die Qualität des Winterquartiers wirkt sich aber wiederum auf die Fitness und den Rückflugtermin aus.

Die Konsequenz für die Männchen: Wer viel in den Nachwuchs investiert, hat im folgenden Jahr schlechtere Karten, was die Chancen auf Reproduktion angeht.

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