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News: Schlechte Schwimmer als Ozeanüberquerer

Vorsichtig pirscht sich das Chamäleon auf dem Ast nach vorn, mit einem Auge fixiert es die Heuschrecke, mit dem anderen achtet es auf Feinde von hinten. Hier, die Krone des Baums, ist sein Element - und nicht etwa der Ozean. Doch müssen sich seine Vorfahren irgendwann näher mit der wässrigen Umgebung beschäftigt haben: Anders ist das heutige Verbreitungsmuster nicht zu erklären.
Chamäleons sind vor allem dafür bekannt, dass sie ihre Farbe dem Hintergrund anpassen können. Ansonsten ist noch vieles rätselhaft um diese Baum- oder Bodenbewohner, die mit ihren unabhängig voneinander beweglichen Augen Insekten und andere Kleintiere aufspüren und mit ihrer langen, vorschnellenden Zunge erbeuten. Eines allerdings können sie nun wirklich nicht sonderlich gut: schwimmen.

Doch müssen sie den Sprung ins Wasser gemacht haben, wenn auch nicht unbedingt freiwillig. Das folgt aus den Verwandtschaftsanalysen, die Christopher Raxworthy vom American Museum of Natural History und seine Kollegen durchführten. Die Forscher verglichen etliche morphologische und genetische Merkmale von 52 Arten und erstellten daraus einen Stammbaum der Familie. Dann legten sie eine geologische Zeittafel daneben und versuchten, die Ausbreitungsgeschichte dieser Tiergruppe zu entschlüsseln.

Denn Chamäleons sind nicht nur faszinierende Tiere, sie sind auch hervorragende Testobjekte für verschiedene Hypothesen zur Artentstehung. Zwei grundlegend verschiedene Ansätze sind hier zu unterscheiden: Zum einen bilden sich neue Arten, wenn vorher zusammenhängende Fortpflanzungsgemeinschaften durch eine neue, meist geographische Barriere getrennt werden – ein Meeresarm, ein Gebirge, eine Trockenzone oder ähnliches.

Solche Aufspaltungen fanden unter anderem aufgrund driftender Landmassen statt, und die Fauna und Flora von Afrika und Südamerika bieten zahlreiche Beispiele getrennter Entwicklungswege verwandter Gruppen nach der Trennung der Kontinente in der Kreidezeit. Der zweite Ansatz geht hingegen davon aus, dass Gruppen von Populationen sich ausbreiten, einen neuen Lebensraum besiedeln und sich dort zu eigenständigen Arten entwickeln.

Nun liegt der Ursprung der Tiere gemäß der Stammbaumanalyse in Madagaskar – einer Insel. Chamäleons sind heute aber darüber hinaus auch in Afrika, Indien, verschiedenen pazifischen Inseln und sogar Europa zuhause. Die ältesten bekannten Fossilien sind 26 Millionen Jahre alt und damit weit jünger als die Abspaltung Madagaskars von Afrika, von dem es sich zusammen mit Indien vor 165 Millionen Jahren löste. Und sie sind auch jünger als die Trennung von Indien, die vor 88 Millionen Jahren erfolgte. Die Aufsplitterung bis hin zu den heutigen Vertretern musste also später stattgefunden haben.

Bleibt nur der Weg über das Meer, schließen Raxworthy und seine Kollegen. Die einfachste Erklärung für den Stammbaum beinhaltet mindestens drei Ozeanüberquerungen nach Afrika sowie jeweils eine nach Indien und den Seychellen. Würde man diese Sprünge für das Verbreitungsmuster ausschließen und allein Barrieren zulassen, wären einige Aussterbeereignisse nötig, um zum selben Ergebnis zu kommen.

Wie die Tiere die wässrige Barriere überwanden, bleibt vorerst noch Spekulation. Vielleicht gab es vor 45 bis 26 Millionen Jahren tatsächlich die vermutete Landbrücke zwischen Afrika und Madagaskar, die ihnen zumindest den ersten Schritt ermöglicht hätte. Schwimmen jedenfalls ist wohl eher unwahrscheinlich, doch könnten sie auch festgeklammert an Äste oder anderes Treibgut die Reise angetreten haben – in guter Gesellschaft mit Spinnen, Ameisen, Geckos und anderem Getier, von denen solche Verdriftungen bereits bekannt sind.

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