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Sozialverhalten: Schlechte Zeiten für Trittbrettfahrer

Wo leben Sie lieber? In einer Welt frei von Zwang und Strafen? Oder in einer Gesellschaft, die unliebsame Mitglieder hart sanktioniert? Für die meisten ist die Entscheidung klar. Und wird dann schnell bereut.
Trittbrettfahrer
Der allgemeine Aufschrei ist immer groß, wenn mal wieder einer der "bösen Politiker" ein wenig in die eigene Tasche wirtschaftete: Dienstwagen, Flugmeilen oder Aufsichtsratsposten eines Energiekonzern – die Liste ließe sich endlos verlängern. "Die da oben" denken halt nur an sich!

Aber Hand aufs Herz: Sicherlich haben auch Sie irgendwann einmal falsch geparkt. Und sich vielleicht über den Strafzettel geärgert. Ein Schlupfloch in der Steuergesetzgebung werden Sie ebenfalls nur allzu gerne nutzen. Auch wenn es halblegal oder nur ein bisschen illegal ist. Schließlich trifft es ja niemanden. Nur den Staat. Und damit jeden – einschließlich Sie selbst.

Das ist die Krux von großen Gesellschaftssystemen, in denen der Einzelne anonym bleibt und sich einer sozialen Kontrolle mehr oder weniger entziehen kann: Jeder weiß, dass es für alle besser ist, wenn alle an das Gemeinwohl denken. Aber wenn der eigene Vorteil winkt, dann ist es schnell vorbei mit der Solidarität.

Was tun? Lassen sich unliebsame Schmarotzer mit drastischen Strafen zur Räson bringen? Ein unschöner Gedanke. Özgür Gürerk und Bettina Rockenbach wollten es wissen. Zusammen mit Bernd Irlenbusch von der London School of Economics dachten sich die Wirtschaftsforscher von der Universität Erfurt ein kleines Spiel aus.

Der Sinn des Spiels war – wie so oft –, möglichst viel Geld zu verdienen. Hierzu bekam jeder Mitspieler ein Startkapital von 20 "Geldeinheiten" – nennen wir sie Euro –, von dem ein beliebiger Teil entweder in ein gemeinsames Gruppenprojekt investiert oder auf ein Privatkonto zur Seite gelegt werden konnte. Das Gemeinschaftskonto wurde satt verzinst und der Gewinn gleichmäßig an alle Mitspieler – unabhängig von ihrem Kooperationswillen – ausgeschüttet. Das privat gesparte Geld durfte natürlich ebenfalls eingesackt werden. Ein verlockendes Angebot für jeden Trittbrettfahrer.

Doch unsozialen Elementen drohten Sanktionen: Nach jeder Runde erfuhren die Spieler, wer in unkooperativer Weise keinen oder nur einen sehr geringen Obolus an die Gemeinschaftskasse abgetreten hatte. Jeder Spieler durfte einen solchen Übeltäter mit einem Bußgeld von drei Euro bestrafen – allerdings nicht kostenlos. Der Ankläger musste hierfür selbst eine Gebühr von einem Euro entrichten.

Zu Beginn des Spiels hatten 84 Erfurter Studenten die Wahl, ob sie in einer Gruppe mitspielen möchten, die diese Strafmaßnahmen einsetzen darf, oder ob sie eine Spielversion vorziehen, die ganz auf Sanktionen verzichtet. Den meisten viel die Entscheidung leicht: Das Wort "Strafe" klingt wenig attraktiv; nur ein Drittel der Teilnehmer wollte sich darauf einlassen. Die überwiegende Mehrheit zog eine freie Welt ohne hässliche Sanktionen vor.

Für diejenigen Spieler, die es mit dem Gemeinwohl nicht so genau nahmen, zahlte sich die Wahl zunächst aus – sie zogen satte Gewinne ein. Doch mit jeder Spielrunde sank der Ertrag, da immer weniger Spieler bereit waren, in den großen Topf zu investieren.

Dagegen fanden sich in der zweiten Gruppe Spieler, welche die erlaubten Strafmaßnahmen gegen Trittbrettfahrer auch tatsächlich einsetzten – obwohl sie selbst dafür bezahlen mussten – und damit den Schmarotzern das Leben schwer machten. Runde für Runde ging das asoziale Verhalten zurück, der Gewinn für alle stieg entsprechend an.

"Hier wurde auf Gewinne verzichtet, um sich der kooperativen Norm anzupassen"
(Bettina Rockenbach)
Die Spieler aus der straffreien Gesellschaft konnten diesen Erfolg neidisch beobachten und zogen die Konsequenz: Sie wechselten zur Gemeinschaft mit Strafkultur. Das sanktionierende System wuchs so auf Kosten der sanktionsfreien Gruppe, die sich mit jeder weiteren Spielrunde immer mehr entvölkerte. Da zunächst die kooperationswilligen Spieler überliefen, brach die straffreie Gesellschaft bald zusammen. Nach zwanzig Runden blieben nur noch wenige hartgesottene Egoisten übrig, deren Gewinn auf null sank.

Interessanterweise passten sich die Überläufer schnell den Gepflogenheiten ihrer neuen Gesellschaft an: Statt wie gewohnt in die eigene Tasche zu wirtschaften, investierten sie zunehmend ins Gemeinwohl – und bestraften selbst fleißig jeden, der sich nicht an die Regeln der Gemeinschaft hielt.

"Ich war überrascht, dass so viele der ehemaligen Trittbrettfahrer andere bestraften, nachdem sie sich der Gruppe mit Strafmöglichkeit angeschlossen hatten", meint Irlenbusch. Und Rockenbach ergänzt: "Da Strafe kostspielig ist, kann man diesen dramatischen Verhaltenswandel nicht damit erklären, dass sich Menschen einfach nur an möglichst hohen Gewinnen orientieren. Hier wurde auf Gewinne verzichtet, um sich der kooperativen Norm anzupassen."

Die Forscher wollen jetzt nicht gleich nach dem starken Staat rufen, der seine Bevölkerung mit drakonischen Strafen gängelt. Doch nach ihrer Überzeugung ist eine Gesellschaft im Vorteil, die soziales Fehlverhalten sanktionieren kann. Dazu reicht schon eine gewisse soziale Kontrolle – schließlich möchte niemand als Schmarotzer gelten – sowie die Zivilcourage von Menschen, die auch unter Inkaufnahme eigener Nachteile bereit sind, Missstände anzuprangern.

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