Direkt zum Inhalt

News: Schlummernde Gedächtnishilfe

Das Gedächtnis spielt schon manchen Streich: Just am Morgen Gelerntes ist am Nachmittag schon wieder spurlos verschollen. Vielleicht sollten Sie Ihrem Gedächtnis mit einem kleinen Nickerchen auf die Sprünge helfen.
Schlaf
Es war schon ein Graus – das Vokabelnlernen. Mühsam musste man sich in der Schule die fremden Wörter eintrichtern, doch nur die wenigsten wollten im Gedächtnis haften bleiben. Und auch der alte Trick, das Vokabelheft unters Kopfkissen zu legen, half nicht wirklich.

Dabei war die Idee mit dem Kopfkissen vielleicht gar nicht so schlecht. Nicht, dass die Nachtruhe das lästige Auswendiglernen ersetzen könnte, aber dass ausreichender Schlaf für das Gedächtnis eine wichtige Rolle spielt, wissen Forscher schon länger. Und das gilt nicht für Sprachschüler, wie Daniel Margoliash bereits festgestellt hatte. Denn der Biologe von der Universität Chicago hatte Ende der neunziger Jahre herausgefunden, dass selbst Vögel ihren Gesang im Schlaf noch einmal rekapitulieren und damit das Gedächtnis festigen.

Jetzt tat sich Margoliash mit Kimberly Fenn und Howard Nusbaum zusammen, die ebenfalls in Chicago forschen, um die Rolle des Schlafes für das menschliche Gedächtnis näher zu ergründen [1]. Hierfür schickten die Wissenschaftler mehrere Gruppen von Studenten zum Vokabelnlernen per Computer: Eine synthetische Stimme spielte den gelehrigen Schülern Wörter vor, die allerdings schwer verständlich waren. Die Versuchspersonen sollten die Wörter auf Anhieb erkennen, was ihnen zunächst nur bei weniger als einem Drittel gelang.

Nach einiger Übung verbesserte sich das Verständnis für die Computerstimme. Obwohl jedes Wort nur einmal erklang, verstanden die Probanden zunehmend mehr – sie hatten den "Akzent" der synthetischen Stimme gelernt. Eine Stunde nach dem Training erkannten sie über die Hälfte des Gehörten.

Doch nach 12 Stunden – das Training war um 9 Uhr morgens, der Test um 21 Uhr – schien fast alles wieder vergessen: Die Wiedererkennung der Wörter war nur geringfügig besser als ohne Training.

Ganz anders sah es aus, wenn das Vokabelnlernen um 21 Uhr abends, das Abfragen dagegen nach einer durchgeschlafenen Nacht am nächsten Morgen um 9 Uhr stattfand: Die Wiedererkennungsrate stieg signifikant an. Selbst die Studenten, die ihre am Morgen gelernte Lektion am Nachmittag bereits vergessen hatten, konnten sich am darauf folgenden Morgen an das Gelernte wieder erinnern. Der Schlaf hatte offensichtlich Verlorengeglaubtes wieder reaktiviert.

Der Schlaf hilft jedoch nicht immer, wie Matthew Walker und seine Kollegen von der Harvard Medical School mit einem etwas anderen Experiment herausfanden [2]: Hier mussten die Versuchspersonen nicht Vokabeln lernen, sondern wurden zu Fingerübungen gebeten. Sie erlernten, in einer bestimmten Reihenfolge ihre Finger auf einer Tastatur einzusetzen – und das Erlernte verbesserte sich zunächst ebenfalls nach einer Mütze Schlaf.

Wenn die Probanden unmittelbar nach der ersten Lektion eine zweite Übung absolvierten, war das Schlafen allerdings vergebens. Die Testpersonen erinnerten sich nur an Fingerübung Nummer 2; das davor Erlernte war verdrängt. Lag jedoch zwischen Lektion 1 und Lektion 2 eine Pause von sechs Stunden, konnte der Schlaf das Gedächtnis für beides wieder reaktivieren.

Offensichtlich benötigt das Gehirn eine gewisse Zeit, um das Gedächtnis zu konsolidieren. Der Schlaf kann nur diese fixierten, später vielleicht nicht mehr abrufbaren Gedächtnisspuren wieder reaktivieren. Findet das Erlernte nicht den Weg vom Kurzzeit- zum Langzeitgedächtnis – oder wird es unmittelbar danach durch Neues wieder überschrieben –, dann nützt auch der tiefste Schlaf nichts mehr. Insofern sollte man vielleicht doch erst einen konzentrierten Blick ins Vokabelheft riskieren, bevor es unter dem Kopfkissen verschwindet.

Lesermeinung

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte