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Insekten: Schmetterlingssterben schreitet voran

Deutschland verliert weiterhin an Tierleben und Arten. Eine neue Studie bestätigt den Insektenschwund selbst in günstigen Gebieten.
Totes Tagpfauenauge

Seit 1992 weitet sich ein ein europäischen Flächensystem namens Natura 2000 aus, das Tiere und Pflanzen der Europäischen Union und ihre natürlichen Lebensräume bewahren soll. Heute umfasst es fast ein Fünftel der Landfläche der Mitgliedsstaaten. Doch zumindest was Schmetterlinge anbelangt, ist ihre Bilanz durchwachsen, wie ein Studie von Stanislav Rada vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung UFZ in Halle und seinem Team in »Diversity and Distributions« zeigt. Die Wissenschaftler haben dazu die Artenvielfalt von Schmetterlingsgemeinschaften in und außerhalb deutscher Natura-2000-Flächen erfasst und über elf Jahre hinweg verfolgt. Insgesamt untersuchten sie dazu 245 Transekte und 122 Falterarten.

Tatsächlich wiesen die Schutzgebiete, die prinzipiell auch landwirtschaftlich genutzte Flächen umfassen können, die höchste Artenvielfalt dieser Insekten auf; je weiter man sich von diesen Arealen entfernte, desto geringer wurde sie. Dieser Befund überraschte Rada und Co nicht, zeigt er doch, dass zumindest bei den für die Studie ausgewählten Regionen die richtigen Habitate erfasst und geschützt werden. Durchschnittlich wiesen die Biologen pro Fläche rund 20 Arten auf, in acht Kilometer Entfernung zu diesen Kerngebieten sank die Zahl dagegen auf 13 Spezies ab. Natura-2000-Areale weisen oft eine vielfältige Struktur auf, die eine entsprechend höhere Artenzahl erlauben, während außerhalb davon liegende Räume in der Regel eintöniger sind. Allerdings ging die gesamte Artenzahl im Verlauf der elf Jahre unabhängig vom Schutzstatus um zehn Prozent zurück – wo Rada und Co im Jahr 2005 im Mittel beispielsweise noch 20 Arten nachwiesen, fanden sie zum Ende hin 2015 nur noch 18.

Diese Zahlen passen laut den Wissenschaftlern zu Entwicklungen, wie sie in anderen Teilen Europas wie Belgien oder Dänemark beobachtet werden. Die stärksten Verluste fanden dort zwischen 1960 und 1980 statt, doch ging die Artenvielfalt der Schmetterlinge dort auch nach der Jahrtausendwende mit etwas langsameren Tempo weiter zurück. Und die Daten untermauern die stark diskutierten Ergebnisse der so genannten Krefelder Studie aus dem Jahr 2017, die im Nordwesten Deutschlands einen Verlust von 75 Prozent bei bestimmten Insektengruppen in Naturschutzgebieten aufgezeigt hat. Warum die Falter schwinden, ist allerdings noch nicht geklärt. Neben der intensiven Landwirtschaft kommen noch weitere Faktoren wie Klimaveränderungen in Frage.

Rada und seine Kollegen verweisen vor allem auf den schlechten Zustand von europäischen Graslandschaften: Sie werden zu oft gemäht und gedüngt oder zu Ackerland umgewandelt, so dass artenreiche Wiesen verloren gehen – was viele Insekten negativ betrifft. Natura 2000 sorge zwar dafür, dass dort die Schmetterlingsvielfalt höher bleibe als im Umfeld, doch verhindere es nicht, dass die Artenzahl allgemein zurückgeht, so die Forscher. Das Konzept sei deshalb vielleicht nicht genügend ausgereift, um weiterem Artenschwund entgegenzuwirken.

48/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 48/2018

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