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Panzer mit Zusatznutzen: Schnecken lassen ihre Schale auf Würmer los

Weichtiere haben ihre harte Schale vielleicht gar nicht als Panzer gegen große Feinde, sondern als Abwehrwaffe gegen winzige Würmer entwickelt.
Gut geschützte Hain-Bänderschnecke

Schnecken gehören zu den erfolgreichsten Tieren der Welt. Sie existieren seit sehr langer Zeit und leben in vielerlei Gestalt fast überall. Ein Grund für die Erfolgsgeschichte ist der einzigartige Bauplan der Tiere, zu dem die Schneckenschale als besonders auffälliges Merkmal zählt. Diese dient dabei aber nicht allein als Panzer gegen Feinde oder als Stützstruktur für die Eingeweidemasse der Weichtiere, wie Robbie Rae von der Liverpool John Moores University eher durch Zufall herausgefunden hat: Sogar ganz gewöhnliche Gartenschnecken setzen ihr Gehäuse aktiv als Immunwaffe gegen feindliche Fadenwürmer ein, berichtet Rae im Magazin "Scientific Reports".

Der Forscher – eigentlich ein Genetiker – ist der Frage nachgegangen, warum viele Gehäuseschnecken gegen Fadenwürmer fast völlig resistent sind, die bei anderen Schnecken dagegen verheerend wüten. Tatsächlich töten Würmer wie Phasmarhabditis hermaphrodita manche Weichtiere so effektiv, dass sie im Gartenfachhandel zur biologischen Bekämpfung von Nacktschnecken-Schädlingen wie dem Kleinschlegel angepriesen werden.

Rae testete nun zunächst im Labor, indem er Fadenwürmer auf Hainbänderschnecken (Cepeae nemoralis) ansetzte. Diese Art ist bekanntermaßen resistent gegen die Würmer – viele andere Schnecken, vor allem Nacktschnecken, sterben dagegen rasch, nachdem die Fadenwürmer in den Weichtierkörper eingedrungen und Bakterien freigesetzt haben. Nach zwei Wochen unentwegter und scheinbar völlig folgenloser Wurmattacken im Labor sezierte der Forscher die bis dahin gesunden Testschnecken und suchte nach dem Verbleib der Würmer. Fündig wurde er dabei an der Innenseite der Gehäuse: Hier waren oft Hunderte von Würmern in Kalkkapseln fixiert und unschädlich gemacht worden, die die Gehäuse produzierenden Zellen der Schnecken offensichtlich abgeschieden hatten.

Rae machte sich nun auf die Suche nach C.-nemoralis-Schnecken aus freier Wildbahn und sammelte eine Vielzahl von frei lebenden Tieren, die ebenfalls Fadenwurmkapseln in großer Zahl aufwiesen. Zudem entdeckte er dasselbe Phänomen an gut 1300 Schalen von 43 Schneckengattungen der Landlungenschnecken, die er eigens aus Museumssammlungen lieh. Tatsächlich scheinen sogar die von außen nicht mehr sichtbaren Reste der Schale, die bei vielen Nacktschnecken unter der Haut verbleiben, noch ihre Immunfunktion behalten zu haben, meint Rae: Nach Infektionsversuchen entdeckte er auch am reduzierten Schild von Wegschnecken und anderen Nacktschneckenspezies eingekapselte Wurmparasiten.

Offenbar ist die Wurmabwehr per Schalenkapsel also ein sehr alter, weit verbreiteter Mechanismus, der womöglich bereits beim ältesten Schalen tragenden gemeinsamen Vorfahren aller Weichtiere vor 550 Millionen Jahren angelegt worden sein könnte. Dieser hatte einst wohl eine eher kleine Schale, die als Panzer gegen große Feinde eigentlich wenig Sinn gehabt haben dürfte. Vielleicht, so spekuliert der Forscher, schützte sie aber schon die Urweichtiere vor feindlichem Gewürm – so wie die Fadenwürmer, die es womöglich auch schon im späten Kambrium gab.

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