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Biologie: Sind Schnecken wirklich so schlimm?

Schnecken fressen Gärten leer und hinterlassen glänzende Schleimspuren. Ihr Ruf ist derart schlecht, dass selbst naturliebende Personen sie einsalzen, zerschneiden oder vergiften. Grundkenntnisse der Schneckenbiologie ermöglichen ein friedlicheres Miteinander.
Schnecke

Abends, wenn es dämmert und kühler wird, kommen sie aus ihrem Unterschlupf und ziehen in die Blumen- und Gemüsebeete, um zu fressen: Schnecken. Besonders lieben sie zartes, junges Grün, nicht selten raspeln sie Sämlinge bis auf die Stängel kahl. Gefallen finden sie aber auch an Blütenblättern oder Früchten wie Erdbeeren, und so verwundert es nicht, dass Gartenbesitzer ihnen den Krieg erklären. In milden und feuchten Jahren scheint der Kampf allerdings aussichtslos: Schneckenkorn, Bierfallen und selbst das Zerschneiden der Tiere, hilft höchstens kurzfristig. Was also tun, um den lästigen Plagegeistern Einhalt zu gebieten?

Zunächst einmal sollte man wissen, mit wem man es zu tun hat. In Deutschland kommen mehr als 300 Schneckenarten vor. »Nur etwa fünf Nacktschneckenarten richten nennenswerte Schäden in Landwirtschaft und Privatgärten an«, sagt die Biologin Katrin Schniebs von den Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen Dresden. Zu nennen sind vor allem die Gemeine Wegschnecke (Arion distinctus), die Genetzte Ackerschnecke (Deroceras reticulatum) und ganz besonders die Spanische Wegschnecke (Arion vulgaris).

»Schneckenkorn tötet nicht nur die Spanische Wegschnecken, sondern auch jene Schnecken im Garten, die gar nicht schädlich sind«(Katrin Schniebs)

Nacktschnecken gehören wie die Gehäuseschnecken zu den Lungenschnecken, also zu den wenigen Weichtieren, die das Festland erobert haben. Die Spanische Wegschnecke nimmt eine Sonderstellung ein: Sie ist ein bedeutender Schädling und in großen Teilen Mitteleuropas zu einer der häufigsten Weichtierarten geworden, die einheimische Schneckenarten verdrängt. »Die Spanische Wegschnecke hat hier so gut wie keine natürlichen Feinde. Das heißt, sie vermehrt sich ungehindert und bei einer Anzahl von 300 bis 500 Eiern pro Gelege hat sie eine sehr hohe Reproduktionsrate. Zum Vergleich: Eine Weinbergschnecke bringt es auf maximal 60 Eier pro Gelege. Das sind völlig andere Dimensionen«, erklärt Schniebs. Hinzu kommt, dass sie besser an Trockenheit angepasst ist und dadurch einen weiteren Überlebensvorteil besitzt. Zudem verbreitet sie sich in Deutschland: »Vor dem Mauerfall kam sie in Ostdeutschland so gut wie nicht vor«, stellt der Biologe Stefan Kühne vom Julius Kühn-Institut fest, dem Bundesforschungsinstituts für Kulturpflanzen, »danach hat sie sich dort rasend schnell ausgebreitet.«

Doch der Siegeszug der Spanischen Wegschnecke ist kein Freibrief für Schneckenkorn, Standard in Sachen Schneckenbekämpfung. Die blauen Körner gibt es mit verschiedenen Wirkstoffen. Für den Ökolandbau und Privatgärten ist Eisen(III)-phosphat zugelassen, das einen schnellen Fraßstopp bewirkt. Für Haustiere, Igel und viele andere Tiere ist der Wirkstoff ungefährlich, weil er im Boden in die natürliche Bestandteile Eisen und Phosphat umgewandelt wird. Das Problem: »Schneckenkorn tötet nicht nur die Spanische Wegschnecken, sondern auch jene Schnecken im Garten, die gar nicht schädlich sind«, erläutert Schniebs.

So fressen viele Schnecken nicht nur lebendiges Grün, sondern auch Aas und abgestorbene Pflanzenreste und helfen so bei der Humusbildung. Einige fressen auch die Eier anderer Schnecken und sollten deswegen auf keinen Fall bekämpft werden, etwa der Tigerschnegel, auch Tigernacktschnecke genannt, wohl die schönste ihrer Art, in braun-grau-schwarzem Punkt- und Streifenlook mit einem wahrhaft artistischen Liebesspiel: Die beiden Tiere seilen sich an einem Schleimfaden von einem Ast ab und paaren sich in der Luft.

Moralisch korrektes Schneckentöten: Kaum möglich

Mit Schneckenkorn vergiftete Schnecken verkriechen sich im Boden. »Die Schnecken sterben langsam und qualvoll. Das ist Tierquälerei, genauso wie das Zerschneiden, in Bier ertränken oder mit Salz bestreuen«, so Schniebs. Damit ist klar: Einen schnellen und bequemen und dabei moralisch und ökologisch korrekten Weg der Schneckenvernichtung gibt es nicht. Wer alles richtig machen will, muss ein wenig Zeit investieren. Bei einer starken Schneckenplage kommt man um das Absammeln der Tiere erst einmal nicht herum. Hilfreich ist ein Brett oder eine Plane in der Nähe des Beets. Die Schnecken verstecken sich gerne darunter und können früh morgens eingesammelt werden.

Auch die einzig vertretbare Tötungsmethode ist nicht wirklich etwas für zarte Gemüter: »Wenn man Schnecken denn töten will, sollte man sie mit kochendem Wasser überbrühen. Das geht schnell, und man quält die Tiere nicht«, sagt Kühne, empfiehlt aber generell andere Methoden der Eindämmung: »Man sollte seinen Garten für Schnecken unfreundlich gestalten.«

Am einfachsten geht das mit der richtigen Pflanzenauswahl. Es gibt jede Menge Pflanzen, die Schnecken nicht interessieren. Entweder haben sie flaumige oder ledrige Blätter, giftige oder bittere Inhaltsstoffe oder der Stängel ist mit Dornen bewehrt, etwa Flockenblume, Tomate, Geranie oder Rose. Wer diese Pflanzen kennt und ihnen im Garten den Vorzug gibt, verringert die Schneckendichte langfristig und erspart sich und den Schnecken viel Ärger.

Schneckenmagnet Salat

Wer dennoch nicht auf Schneckenmagneten wie Salat, Bohnen oder Sonnenblumen verzichten möchte, muss auf andere Tricks zurückgreifen: Die Beete sollten an sonnigen Standorten liegen und möglichst weit entfernt von Wiesen und Kompost liegen. Außerdem sollten nur morgens und nicht großflächig gewässert werden. Sinnvoll sind auch Schneckenbarrieren, also trockene Wege, auf denen Schnecken nicht gut vorankommen, oder Beeteinfassungen aus Kupfer: »Der feuchte Schleim der Schnecken reagiert mit dem Metall, und es entsteht ein leichter Strom, den die Tiere nicht mögen«, erklärt Kühne. Allerdings sind solche Metallzäune kosten- und pflegeintensiv: »Kupfer oxidiert mit der Zeit und muss immer wieder poliert werden.« Eine andere Möglichkeit sind Hochbeete, die mit schneckenabweisenden Anstrichen versehen sind.

Oftmals verstärken Gartenbesitzer das Schneckenproblem aus Unwissenheit: Wer etwa ökologisch bewusst eigenen Kompost herstellt und diesen im Frühjahr in die Beete einharkt, verteilt unter Umständen auch Schneckeneier, da Schnecken ihre Eier ab dem Spätsommer gerne in Komposthaufen ablegen. Abhilfe schaffen abgeschlossene Komposttonnen und das Aufspüren und Vernichten von Schneckengelegen. Anders als Gehäuseschnecken überwintern viele Nacktschnecken nicht, sondern sterben im Herbst. Im Frühjahr schlüpft dann die nächste Generation.

Schneckeneier sind weißliche, weiche Kügelchen von der Größe eines Stecknadelkopfes. Nacktschnecken legen sie bevorzugt in kleinen Erdhöhlen ab, oft sind die Gelege auch im Kompost, unter Laub, Regentonnen, Holzstücken oder losen Steinen zu finden. Hilfreich ist es auch, das Beet erst im Spätherbst, nach den ersten Frösten, umzugraben. Dadurch werden die Schneckeneier freigelegt, die dann von Vögel gefressen oder durch Frost zerstört werden.

Fressfeinde einladen

Vor allem hat eine Schneckenplage aber immer mit dem Fehlen natürlicher Gegenspieler zu tun. Schafft man im Garten Lebensräume für Fressfeinde, verringert man die Schneckendichte. Effiziente Schnecken- oder Schneckeneiervertilger sind etwa Igel, Spitzmäuse, Blindschleichen, Eidechsen, Frösche und viele Vogelarten. Sie siedeln sich gerne in Hecken, Laub- und Steinhaufen und Totholz an. Auch hier verstärkt der Mensch oft unbewusst das Schneckenproblem: »Katzen jagen Eidechsen, Vögel und Spitzmäuse, und Igel halten sich aus Gärten mit Hunden fern«, so Kühne.

Bleiben Hühner und Enten, die Schnecken ebenfalls fressen. Ihre Haltung sollte aber gut überlegt sein, denn man muss sich um sie kümmern: »Sie müssen abends in den Stall, sonst holt sie der Fuchs, der heute auch in Städten lebt«, gibt Kühne zu bedenken.

»Warum interessiert es offenbar niemanden, dass in Deutschland in den letzten 100 Jahren schon 14 Schneckenarten ausgestorben sind?«(Katrin Schniebs)

Schniebs, die sich seit 30 Jahren mit Schnecken und Muscheln beschäftigt, liegen die Tiere am Herzen und so fragt sie: »Warum berichten Medien immer nur von Schadschnecken? Warum interessiert es offenbar niemanden, dass in Deutschland in den letzten 100 Jahren schon 14 Schneckenarten ausgestorben sind, 106 Arten extrem selten, 43 Arten sehr selten und 56 selten sind? Nur 78 Arten gelten überhaupt noch als ungefährdet und nur noch sechs als häufig.«

Viele Schneckenarten sind durch die Zerstörung ihres Lebensraums gefährdet, und die Liste ist lang: Äcker und Wiesen werden überdüngt und sind mit Pestiziden belastet, Sumpfwiesen werden trockengelegt, das Grundwasser sinkt ab, Gewässerufer werden begradigt. »Einige seltene Schneckenarten haben nur sehr kleine Bestände, die beispielweise an alten Schloss- und Burgmauern manchmal nur auf zwei bis drei Quadratmeter begrenzt sind. Wird die Mauer saniert, ist die ganze Population an diesem Ort ausgerottet«, sagt Schniebs.

Die Forscherin macht mit Hilfe des Kuratoriums »Weichtier des Jahres« auf die vielen bedrohten, einheimischen Weichtierarten aufmerksam, aber auch Begeisterung für die Vielfalt der wenig beachteten Tiergruppe wecken möchte. Auch Kühne plädiert für ein insgesamt entspannteres Verhältnis zwischen Mensch und Weichtier, gerade im Garten: »Schließlich ist keiner von uns auf die eigene Ernte angewiesen, um zu überleben.«

Schnecken-Roboter in der Landwirtschaft

Auch in der Landwirtschaft können Schnecken beträchtlichen Schaden anrichten: »Schnecken können in einer einzigen Nacht zum Beispiel ein frisch eingesätes Rapsfeld so schädigen, das der komplette Bestand umgebrochen und neu eingesät werden muss, sagt der Agrartechniker Oliver Hensel von der Universität Kassel.

Für den Einsatz in der Landwirtschaft sind zwar weitere Schneckenkornwirkstoffe zugelassen, doch Schneckenkorn ist teuer, wirkt nur zeitverzögert, und generell findet ein Umdenken statt, was den Pestizideintrag in den Boden anbelangt, Stichwort Insekten- und Vogelsterben.

Aus diesem Grund entwickeln der Fachbereich Agrartechnik der Universität Kassel, die Firma KommTek und das Julius Kühn-Institut einen Roboter, der Schnecken aufspüren und mechanisch vernichten soll. »Das Projekt ist bei der halben Laufzeit angekommen. Die Einzelaufgaben wie Suchmodus, Fahrwegoptimierung, Hotspot-Verfahren und digitale Bildauswertung sind fertiggestellt«, sagt Hensel, »Nun arbeiten wir an der Optimierung und dem Zusammenspiel.«

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26/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 26/2018

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