Schnecken: Was ist blind, farblos und lebt in Hades' Reich?

Als Götterbote und Sohn des Zeus genoss Hermes hohes Ansehen in der Antike, sein Geburtsort soll auf dem griechischen Berg Kyllini auf der Peloponnes gelegen haben. Um beides zu ehren, benannte ein Team um Canella Radea von der Universität Athen eine dort neu entdeckte Schneckenart Cyllena hermes. Sie bildet sogar eine neue Gattung und lebt in unterirdischen Quellgewässern der Region, wie die Arbeitsgruppe mitteilt.
Im Laufe der Zeit haben sich die Weichtiere perfekt an die lichtlosen Bedingungen ihres Ökosystems angepasst: Sie sind nicht nur klein, sondern auch farblos und blind – ihre Augen bildeten sich in der Dunkelheit komplett zurück. Damit ähnelt die Entwicklung der Schnecken jener vieler anderer höhlenbewohnender Tiere, die unpigmentiert sind und sich nicht mehr optisch orientieren können.
Entdeckt wurden die Schnecken in einer Karstquelle auf 610 Metern Höhe über dem Meer: Sie entwässert in einen kleinen Bach, der zum Stymphalia-See führt, der sich in einem geschlossenen Karstbecken befindet. Bislang konnten die Mollusken auch nur in dieser Quelle nachgewiesen werden. Sie dürfte höchstwahrscheinlich endemisch sein und nur hier vorkommen, vermuten Radea und Co. Dadurch sei die Art prinzipiell gefährdet, da ausgedehnte Dürreperioden oder absinkende Grundwasserspiegel das Ökosystem trockenlegen könnten. Die Menschen in der Region zapfen dieses Wasser für Landwirtschaft und Eigenbedarf an. Die Hermes-Schnecke stehe symbolisch für die in weiten Teilen unerforschte Höhlenfauna der Region, schreiben die Forscher.
Der Mythologie nach soll Hermes in einer Höhle auf dem Kyllini geboren worden sein, wo ihn die Nymphe Kyllene gestillt haben soll. Schnecken gelten nach den Krustentieren als die artenreichsten Höhlenbewohner, die bislang entdeckt und beschrieben wurden. Ein Hotspot für ihre Artenvielfalt liegt auf dem Balkan, von Slowenien und Kroatien bis zu den südlichsten Ausläufern in Griechenland. Viele tropische Höhlenökosysteme sind jedoch noch schlechter erforscht als die europäischen, sodass sich dies zukünftig noch verschieben kann.
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