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Entomologie: Schnell durch die Welt gesummt

Bienen kommen gerne im Schwarm, Bienenforscher offenbar auch. Pünktlich zur Veröffentlichung der DNA-Sequenz ihres Studienobjektes tragen sie nun alle Wissensbrocken zusammen, die beim Gen-Entziffern sonst noch angefallen sind. Auch die ältesten Bienen sind zum Beispiel noch recht jung - und die uns bekanntesten afrikanisch.
Eine Biene aus der Karibik im BernsteinLaden...
Sie ist tot, hat sich aber sonst gut gehalten, meint George Poinar – zumindest für die enorme Zeitspanne, die der Rest von Melittosphex burmensis nun auf dem Buckel hat. Vor immerhin rund 100 Milllionen Jahren schloss ein Harztropfen das Insekt ein und machte es zu einem dekorativen Bernsteinexemplar. Nun ist es zur "ältesten je gefundenen Biene" erklärt worden – sie übertrifft den vormaligen Spitzenreiter um rund 40 Millionen Jahre. Poinar, ein Entomologe der Oregon-State-Universität, entdeckte den insektenhaltigen Bernstein mit Kollegen im nördlichen Myanmar.

Zu Lebzeiten von Melittosphex burmensis war die Biene an sich eine noch sehr junge Erfindung – sie hatte sich gerade erst aus einem wespenähnlichen Ahnen heraus entwickelt und trug noch einige Kennzeichen dieser Verwandtschaft. Insgesamt aber "ist sie mehr Biene als Wespe – und liefert uns einen ziemlich guten Eindruck vom Zeitpunkt, ab dem die beiden Insektentypen getrennte Wege gingen", erklärt Poinar [1].

Der Aufstieg des emsig Blütenstaub sammelnden Kerbtiers ging untrennbar mit dem der heute dominierenden blühenden Pflanzen einher: den Angiospermen, die für ihre Bestäubung nicht vom Wind, sondern eben von einem hin- und hereilenden Pollensammler abhängig sind. Just zu Lebzeiten von Melittosphex stand auch den "Bedecktsamern", als noch ganz junges Gemüse der Pflanzengesellschaft, die vollständige Eroberung der Welt noch bevor – sie haben vor etwa 110 Millionen Jahren ihren Siegeszug begonnen. Sie hätten ihn nie erfolgreich abschließen können, wären da nicht die damals noch jungen, heute zu den ältesten Fossilen gekürten Bienen gewesen: eine fruchtbare Zusammenarbeit.

Aus dem Kreidezeit-Myanmar ins heutige Europa, zur echten, uns bekanntesten Biene: der Spezies Apis mellifera. Und zu Charles Whitfield von der Universität von Illinois, der sich Evolution, Herkunft und Ausbreitung jener Jungschicht der Bienenfamilie genauer anschaute, in die auch unsere Feld-, Wald- und Wiesenblumenbestäuberin gehört. Whitfield und Kollegen zerlegten also im Auftrag der Wissenschaft 341 Bienen der Gattung Apis aus Afrika, Amerika und Europa und analysierten deren Verwandtschaft anhand von 1136 charakteristischen genetischen Markern, welchen die Entzifferung des Bienengenoms aufgezeigt hatte [2].

Der so erstellte Familienstammbau bestätigte einige schon vertraute Fakten – etwa die Existenz jener zwei Untergruppen von A. mellifera im westlichen beziehungsweise östlichen Europa. Beide sind miteinander aber weniger eng verwandt als mit afrikanischen Apis-Vertretern; eindeutig entstand die Honigbiene also wie der Mensch ursprünglich in Afrika. Von dort gelangten ihre Vorfahren auf zwei verschiedenen Wegen nach Eurasien: Die heute westliche Gruppe drang über die Iberische Halbinsel und von dort weiter nach Zentraleuropa und Russland vor, während die östlichen Vertreter über Asien und Osteuropa einwanderten.

Die kleine Pollensammlerin, die schon ein 7000 Jahre alten Höhlenbild als Honiglieferant des Menschen abbildet, begleitet bis in die Neuzeit die Wege des Menschen, wie die Genomanalysen zeigten: Eine dritte Auswanderwelle aus Afrika begann im 17. Jahrhundert, als europäische Apis-mellifera-Stöcke in die Neue Welt überführt wurden. In Brasilien etwa ist aber heute kaum noch etwas von diesen Alt-Neuweltlern zu sehen – sie werden ihrerseits seit den 1950er Jahren von den damals eingeführten afrikanischen Apis-mellifera-Formen zunehmend hybridisiert oder verdrängt. Die afrikanischen Bienenkonquistadoren sind wegen ihrer Aggressivität, nicht zuletzt aber ihres Namens berüchtigt – sie traktieren die Europäern in Amerika unter dem Etikett "Killerbienen".
26.10.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 26.10.2006

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