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Lesen: Schnelllese-Apps hemmen das Textverständnis

Augenbewegungen beim Lesen sind wichtig, um den Textinhalt zu verstehen.
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Beim Lesen springen wir mit den Augen von Wort zu Wort – und manchmal auch wieder zurück. Die Schnelllese-App Spritz für Smartphones soll helfen, diese Augenbewegungen zu vermeiden und so Zeit zu sparen. Dazu präsentiert sie jedes Wort einzeln auf dem Bildschirm. Jeweils ein Buchstabe ist dabei rot markiert und dient als Fixationspunkt. Trotz einer rund viermal höheren Lesegeschwindigkeit bleibe das Textverständnis dabei gleich, schreiben die Entwickler. Schließlich könne man sich ganz auf die Inhalte konzentrieren und verschwende keine Energie auf die Augenbewegung.

Forscher um Elizabeth Schotter von der University of California in San Diego widersprechen dem jedoch. Sie haben die Augenbewegungen von Versuchspersonen verfolgt, während diese unterschiedlich komplizierte Sätze lasen – in gewohnter Manier von links nach rechts. Bei einigen der kurzen Texte verschwanden die Wörter, sobald der Proband sie gelesen hatte, so dass er keine Möglichkeit hatte, noch einmal zurück zu springen. Den Inhalt dieser Sätze erfassten die Versuchspersonen schlechter, wie ein anschließender Verständnistest zeigte. Das galt nicht nur für komplizierte, zweideutige Formulierungen, sondern auch für simple Satzstrukturen. Blieb der Text dagegen sichtbar, verstanden ihn die Probanden besser – egal, ob ihr Blick während des Lesens tatsächlich zurück sprang oder nicht.

Die Forscher schließen daraus, dass Menschen immer dann Textteile noch einmal lesen, wenn sie einen Denkfehler korrigieren möchten, der sie beim ersten Mal verwirrt hat. Solange das nicht notwendig ist, weil man den Sinn des Satzes ohnehin schon erfasst hat, schadet auch eine Schnelllese-App nicht. Frühere Studien haben gezeigt, dass Legastheniker davon sogar profitieren können und Texte besser aufnehmen, wenn sie unter Zeitdruck stehen.

Kommt es allerdings zu Verständnisproblemen, lassen sich diese durch erneutes Lesen leicht beheben – sofern die Worte dann nicht schon verschwunden sind. Auch wenn Schotter und ihre Kollegen eine andere Technik verwendet haben als die Spritz-App – ihre Ergebnisse zeigen, dass es durchaus nützlich sein kann, die Augen im Text hin und her zu bewegen, auch wenn das Zeit kostet.

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