Direkt zum Inhalt

Kognitionsleistungen: Schönwetterfans

Schwül heute, nicht wahr? Jaja, wenn ein Thema zum Einstieg fehlt, tut es immer noch das gute alte Wetter. Und dabei ist selbst diese Themenwahl nicht einmal abgeschmackt, sondern vielmehr ein Folgeprodukt evolutiv hoch entwickelter Intelligenz, meinen Forscher nun herausgefunden zu haben - an Affen.
Grauwangen-Mangabe nascht Indische Glyzinie
Es dreht sich letztlich alles um Intelligenz. Und dafür, findet Klaus Zuberbühler, kann man ruhig einmal auch ein paar Sachen tun, die von außen betrachtet gar nicht clever wirken. Eher, ehrlich gesagt, ziemlich doof. Zum Beispiel 210 Tage lang bei Regen und Sonnenschein hinter einer Horde Grauwangen-Mangaben durch die Wälder Ugandas hetzen, um herauszufinden, ob die Tiere an Bäumen vorbei oder auf Bäume hinauf klettern – und das ganze Hin und Her penibel per GPS-Satellitennavigationsdaten zu begleiten. Was tut man eben nicht alles, als Affenforscher mit einer Mission und einer unbeantworteten Frage.

Wie und warum, fragten sich nämlich Zuberbühler und sein Affenbeschattungsteam von der Universität von St. Andrews, konnte Intelligenz bei Primaten inklusive Mensch eigentlich entstehen? Die Wissenschaftler ärgerten sich darüber, dass die Antwort vom forschenden Mainstream als längst beantwortet gilt. Sie lautet bei fast allen Experten: Primaten wurden besonders deshalb intelligent, weil sie sich als Individuen in einem sozialen Geflecht interagierend entwickelten. Soziale Fähigkeiten hervorzubringen, fordert die grauen Zellen – nicht nur bei Mensch und Affe. Nahe liegend. Aber ist das alles?

Eben nicht, so die Hypothese von Zuberbühler und Kollegen: Sicher bildet auch die rasch wechselnde unbelebte Umwelt eine Herausforderung, die nur durch stets wachsende kognitive Fähigkeiten besser und besser beherrschbar wird.

Lophocebus albigna auf Futtersuche | Eine weibliches Grauwangen-Mangabe (Lophocebus albigna) delektiert sich besonders gerne an Feigen oder den darin wuselnden Insektenlarven. Sie verschmäht aber auch Wasserpflanzen nicht, wie diese in einem Tümpel des ugandischen Kibale Nationalparks.
Etwa die Fähigkeit, sich an das Wetter der vergangenen Woche zu erinnern und gewitzte Schlüsse daraus zu ziehen. Es war diese Hypothese, die Zuberbühlers Team schließlich in den ugandischen Wald trieb. Hier begannen die Forscher zunächst damit, den Standort aller Feigenbäume, der Mangaben-Lieblingsnahrungsquelle, in einem 600 Hektar großen Beobachtungsareal des Kibale Nationalparks per GPS zu vermessen – und den Reifegrad der Früchte von 80 verorteten Baumexemplaren laufend aktualisiert zu bestimmen. Dann folgte die Beschattung der Mangaben – genauer, einer Gruppe von 24 Lophocebus-albigna-Exemplaren, deren Tun und Streifen täglich von zehn Minuten nach Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang satellitenunterstützt auf den Meter genau registriert wurde. Sinn der Übung war herauszufinden, welchen Bäumen mit welchem Fruchtstand sich die Tiere wann zum Fressen näherten – und welches Wetter zur Essenszeit und den Stunden und Tagen zuvor geherrscht hatte [1].

Aus dem gewonnenen Datenmaterial destillierten die Forscher anschließend ein paar erstaunliche Zusammenhänge: Die Mangaben, so ihr Fazit, besuchen einzelne Bäume mit vielen Feigen besonders häufig nach einigen Tagen genau dann wieder, wenn zwischen erstem und zweitem Besuch gutes Wetter geherrscht hatte. Damit, erklären die Forscher, erhöhten die Affen die Chance, möglichst viele möglichst reife Früchte zu finden – denn gutes Wetter lässt die Früchte schnell reifen. Deswegen lohne es sich für die Affen, das Wetter der vergangenen Tage in ihre Nahrungssuche planerisch einfließen zu lassen. Und das, da muss man den Forscher Recht geben, wäre wirklich ziemlich clever. Wechselnde Wetter schaffen also intelligente Strategien.

Kann schon sein, gibt auch Michael Platt von der Duke-Universität zu [2]. Zugleich hat er aber auch einige Fragen. Vielleicht sind Affen bei gutem Wetter einfach länger unterwegs, treffen dann häufiger auf Feigenbäume und stürzen sich dann eben auch häufiger, wo vorhanden, auf die süßesten Früchte? Tatsächlich stützen die Bebachtungsdaten zunächst auch diese Interpretation – höhere Tagestemperaturen und längerer Sonnenschein führten tatsächlich zu längeren Streifphasen, wie die Affenbeobachter aufzeichneten. Reife Feigen könnten dann doch vielleicht einfach am Geruch bemerkt werden. Und Bäume mit vielen Feigen würden dann eben häufiger aufgesucht, weil die Horde dort statistisch gesehen einfach öfter vorbeikommt als bei Schmuddelwetter. Also alles ganz profan? Reine situationsbedingte Instinktsteuerung, nichts da von wegen Intelligenz?

Nein, so die Forscher um Zuberbühler. Sie glauben, aufkommende Zweifel mit einem Folgeexperiment ausgeräumt zu haben: Schließlich würden auch Bäume mit vielen unreifen Feigen nach Schönwetterphasen häufiger wieder aufgesucht – auch dann, wenn die Früchte beim Folgebesuch dann immer noch unreif seien und nachweislich auch von feinsten Affenspürnasen nicht erschnuppert oder sonst wie wahrgenommen werden können. Auch dies lohnt sich für die Mangaben, denn solche nicht reifen Früchte enthalten ebenfalls ein wertvolles Nahrungsangebot für die Affen: Sie stecken voller Insektenlarven, die sich auch bei gutem Wetter schneller entwickeln, als Proteinzusatz bei den Mangaben äußerst begehrt sind und von ihnen aus einzeln überprüften Früchten herausgepuhlt werden.

Am Ende sind sowohl Zuberbühler als auch Platt überzeugt: Die mühevoll gewonnenen Daten belegen tatsächlich, dass sich die Affen irgendwie die Wetterentwicklung der zurückliegenden Tage ebenso merken wie den Standort viel versprechender Feigenbäume – um diese genau dann anzusteuern, wenn dies am vielversprechendsten ist. Wie das Mangabenhirn dies leistet, bleibt unklar. Rein mechanistisch betrachtet, werden wohl irgendwie Belohnungsreize bei der Nahrungsaufnahmen mit gesammelten Temperatur- und Sonnenscheinintensitätsdaten der letzten Tage integriert, um daraus strategische Entscheidungen für die Futtersuche in der näheren Zukunft abzuleiten – was im Laufe der Zeit wohl wirklich zur Selektion immer größerer, komplexerer Denkorgane hätte führen können. Einfach gesagt: Angewandte Meteorologie macht wirklich clever. Vielleicht ist es da auch nur eine Frage überraschend kurzer evolutiver Zeiträume, bis die Mangaben zum Zeitvertreib bei Regen Wetterkonversation machen.

Lesermeinung

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte