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Sozialverhalten: Schon gehört?

Tratsch kann ruinieren, Klatsch kann hinrichten. Aber vielleicht könnten wir ohne das Urthema des sozialen Plausches - jenem über den Charakter des nicht anwesenden Dritten - gar nicht auf Dauer zusammenarbeiten.
Pst!
Ohne die Sprache, dem vortrefflichen Medium der Informationsweitergabe, wären wir wahrscheinlich nicht "wir" – also keine kooperierende Gemeinschaft, in der der eine dem anderen Dinge verrät, die allen gemeinsam zugute kommen. Je komplexer und vielschichtiger aber unser "wir", desto komplizierter werden die Funktionen unseres Geredes, Fehlinformation nicht ausgeschlossen.

Ein herbstliches Beispiel: Was, wenn etwa die unübertroffene Pilzspürnase Herr Hubert Schulze nicht will, dass der heißhungrige Pilzschlemmer Hans Meyer weiß, unter welcher Eiche Schulze gerade die besten Pfifferlinge gefunden hat? Klar, in der besten aller Welten erweicht der soziale Schulze, sieht ein, dass Pfiffer alleine essen nicht alles ist und sammelt deswegen mit Meyer gemeinsam; am Ende kocht der geschickte Hobby-Bocuse dann eine unübertreffliche Pilzpfanne für Schulzes, Meyers und alle Nachbarn. Diese beste aller Welten ist zugegeben zu selten.

Auch dazu trägt Sprache bei: Sie stützt Manipulation und Desinformation und sorgt dafür, dass ein geschickter Schulze auch den argwöhnenden Meyer nach Norden schickt, um in Ruhe im Süden selbst sammeln zu gehen. Das klappt vor allem dann, wenn Schulze als Ehrenmann bekannt ist – auf diese Weise wird er es allerdings aber nicht lange bleiben.

Damit willkommen im Forschungsgebiet von Ralf Sommerfeld vom Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön und seinen Kollegen. Den Forschern geht es um den sozialen Kitt im Dreieck von Kommunikation, Reputation und Kooperation der Mitglieder einer Gruppe. Realistischerweise besteht die nicht nur aus Schulze und Meyer, sondern eben noch einer nur schlecht überschaubaren Anzahl von Nachbarn.

Und das ändert nun manches: Je größer die Gemeinschaft, desto weniger gut die Chance des Einzelnen, wirklich eigene verlässliche Erfahrungen mit einem Anderen gemacht zu haben. Um im Bild zu bleiben: Nur Meyer wüsste ja genau darüber Bescheid, dass Schulze nicht zu trauen ist – Müller müsste es dem schimpfenden Meyer schlicht glauben, und Schmidt dann dem tratschenden Müller. Je größer eine Gruppe, so die Hypothese von Sommerfelds Team, desto wichtiger also das, was Dritte aus zweiter Hand über Vierte erzählen.

Klatsch, Tratsch und Gerüchteköchelei sollten demnach mehrere wichtige Aufgaben in der Gemeinschaft haben, so die Wissenschaftler: Zunächst einmal informieren sie schlicht über die Charaktere der Gemeinschaft – was allerdings nur funktioniert, wenn man dem schlechten Image des Gerüchtes zuwider doch meist die Wahrheit über Dritte spricht. Dadurch baut sich dann eine breit akzeptierte Reputationshierarchie auf – wichtig vor allem deswegen, weil sie den Einzelnen per Sozialkontrolle fordert und fördert, denn nur als verlässlich bekannte bekommen Hilfe, Verrufene werden sanktioniert.

Ob beides wirklich zutrifft, hat Sommerfelds Team mit Hilfe einiger freiwilliger Meyers und Müllers im Experiment überprüft. Die Probanden, aufgeteilt in 14 Gruppen mit je neun Mitgliedern, sollten ein kooperatives Spiel miteinander spielen, bei dem sie mehr oder weniger einsetzen konnten, um, je nach Verhalten ihres Mitspielers, viel zu gewinnen oder zu verlieren. Anschließend durften sie schriftlich Auskunft darüber geben, ob ihr Gegenüber dabei kooperiert hatte oder eher als Schmarotzer aufgefallen war. Solche Bewertungen bekamen andere Testteilnehmer dann zu lesen, bevor sie mit den Beschriebenen selbst spielten.

Dabei stellte sich zunächst heraus, dass tatsächlich fast alle Teilnehmer ehrlich waren – kaum jemand log absichtlich über Dritte, die Grundvoraussetzung für eine positive Rolle des Gerüchts in der sozialen Gemeinschaft. Dies mag daran liegen, dass der Kritiker mit seiner Kritik auch seine eigene Reputation formt. Sehr negative Nörgeleien kommen zum Beispiel nicht gut an – und werden im Extremfall von den Kritiklesern sogar als wenig verlässlich einsortiert und reputativ abgestraft. Ansonsten aber zeigte sich, dass Gerüchte ihre Wirkung nicht verfehlten: Mit positiv Beschriebenen spielte man lieber als mit negativ eingestuften.

Welche Macht das Gerücht hat, zeigte sich schließlich in einem letzten Vergleich. Eigentlich, so dachten die Forscher anfangs, sollte Klatsch ja nur als Notnagel zur Einschätzung eines Gegenübers dienen, mit dem man bisher keine eigenen Erfahrungen gesammelt hatte. Spannenderweise aber wird dem über einen Mitspieler gestreuten Gerücht auch dann noch Glauben geschenkt, wenn man das Verhalten der betratschten Person durchaus selbst hatte begutachten können.

Ganz offenbar sind wir es im Sozialkontakt gewohnt, den kollektiven Einschätzungen Dritter mehr Gewicht einzuräumen als unserer eigenen Erfahrung. Ein solches Verhalten, so Sommerfeld, ist Erfolg versprechend in einem gemeinschaftlichen Umfeld, in dem wir als Einzelner viel seltener zu brauchbaren eigenen Informationen kommen, als sie uns von allen anderen geliefert werden. Nur gemeinsam stärkt sich offenbar unser "wir".

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