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News: Schritt für Schritt zur eigenständigen Art

Ein kleiner, grünlicher Singvogel, der in den gemäßigten Breiten Asiens lebt, hat für Evolutionsbiologen große Bedeutung: Er bezeugt, dass aus einer Ursprungsart durch kleine Veränderungen neue Spezies entstehen können - wie Darwin es einst beschrieb. Denn leichte Variationen im Paarungsgesang der Tiere führten schließlich dazu, dass sich die Angehörigen von zwei benachbarten Lebensgemeinschaften nicht mehr als Artgenossen erkennen. Und damit bleibt auch der gemeinsame Nachwuchs aus.
Als Charles Darwin seine Theorie zur Entstehung der Arten und der Rolle der natürlichen Auslese entwarf, fehlte ihm noch ein griffiges Beispiel dafür, wie sich aus einer Art zwei neue, eigenständige Spezies gebildet haben. Hätte er damals den Grünlaubsänger (Phylloscopus trochiloides) gekannt, wäre ihm seine Argumentation vor der Wissenschaftswelt womöglich einfacher gefallen.

Der Grünlaubsänger gilt als so genannter Artenkreis oder Superspezies. Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich dabei eine Urpopulation aufgespalten und – möglichst ringförmig – ausgebreitet hat. Die Angehörigen benachbarter Lebensgemeinschaften sind geringfügig unterschiedlich, doch noch so ähnlich, dass sie sich miteinander fortpflanzen. An der Stelle jedoch, an der sich der Kreis schließt, sind die Differenzen so groß, dass die beiden Randpopulationen keine gemeinsamen Nachkommen mehr haben. Der genetische Austausch ist also unterbrochen, und die Tiere gelten nach der biologischen Artdefinition als eigenständige Spezies.

Es gibt nur wenige bekannte Beispiele für solche Artenkreise, und auch die sind meist umstritten. Für den Grünlaubsänger konnten Darren Irwin und seine Kollegen von der University of California in San Diego nun jedoch nachweisen, dass er tatsächlich den Regeln für einen Artenkreis entspricht.

Die Wissenschaftler untersuchten die Paarungsgesänge einzelner Lebensgemeinschaften, die nebeneinander rund um das tibetanische Hochplateau vorkommen, das baumlos und somit unbewohnbar für die Vögel ist. Dieser Ring aus Populationen ist in Zentral-Sibirien, in der Nähe des Jenissei, unterbrochen, denn die dort auftretenden Lebensgemeinschaften pflanzen sich nicht miteinander fort. Die Forscher stellten fest, dass die Gesänge der südlichen Exemplare recht kurz und einfach strukturiert sind. Aber je weiter im Norden die Vögel leben, desto länger und komplexer werden die Lieder – wobei sich die Strukturen allerdings zunehmend unterscheiden. In Sibirien schließt sich letztendlich der Kreis. Hier jedoch erkennen die Angehörigen der einen Population die Paarungsgesänge ihrer eigentlichen Artgenossen nicht mehr und betrachten sie damit auch nicht als potenzielle Partner für Nachwuchs. Morphologische Daten und genetische Untersuchungen der mitochondrialen DNA unterstützen diese Ergebnisse (Nature vom 18. Januar 2001).

Damit ist der Grünlaubsänger laut Irwin der erste Fall, in dem alle Zwischenschritte sichtbar werden, die auftreten, wenn sich die Angehörigen einer Ursprungsart zu zwei eigenen Arten auseinander entwickeln: "Die Ergebnisse zeigen, wie kleine evolutionäre Veränderungen zu Unterschieden führen, die eine Fortpflanzungsbarriere zwischen Arten entstehen lässt – wie Darwin es sich ausgemalt hat."

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