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Sexualhormone: Schützen Schwangerschaften vor Demenz?

Frauen leiden seltener unter Alzheimer, wenn sie mindestens drei Kinder zur Welt gebracht haben und spät in die Wechseljahre kommen. Woran das liegt, ist noch unklar.
Mädchen freut sich auf Geschwisterchen im Bauch der Mutter.

Bluthochdruck, Depressionen, Übergewicht und fehlende geistige oder körperliche Aktivität: Vieles ist schon bekannt darüber, was zu einer Demenz beiträgt. Jetzt mehren sich Befunde, die auf die Bedeutung eines weiteren Faktors hinweisen: der weiblichen Sexualhormone. Demzufolge schützen mehrere eigene Kinder sowie ein später Beginn der Wechseljahre Frauen davor, an einer Demenz zu erkranken.

Die erste große epidemiologische Studie zu diesem Thema, die jetzt auf der jetzt auf der »Alzheimer’s Association International Conference (AAIC)« in Chicago vorgestellt wurde, griff auf Angaben von mehr als 14 500 Frauen zwischen 40 und 55 Jahren zurück. Mütter mit drei oder mehr Kindern haben demnach ein um 12 Prozent geringeres Risiko, an Demenz zu erkranken, als Mütter mit lediglich einem Kind. Der Zusammenhang bleibe auch dann erhalten, wenn etwaige weitere gesundheitliche Einflüsse herausgerechnet würden, berichtet das Team um Rachel Whitmer von der University of California in Davis und Paola Gilsanz von der medizinischen Forschungseinrichtung Kaiser Permanente in Oakland.

Kommt es womöglich darauf an, wie viele Monate ihres Lebens eine Frau schwanger ist? So einfach scheint es nicht, denn nach einer Fehlgeburt steigt das Risiko um 9 Prozent. Und unabhängig von Schwangerschaften schützt eine lange reproduktive Phase Frauen ebenfalls vor Demenz. Setzte die Menopause beispielsweise erst mit 46 Jahren oder später ein, war das Risiko um 28 Prozent geringer als bei Beginn der Wechseljahre vor dem 45. Lebensjahr.

Unter Hormonersatztherapie zeigten Frauen ab 65 Jahren wiederum schwächere kognitive Leistungen; unter anderem litt das Arbeitsgedächtnis. Bei einer Behandlung im Alter zwischen 50 bis 54 sei das jedoch noch nicht der Fall. Das Risiko steige außerdem auch bei einer Hormonbehandlung wegen Typ-2-Diabetes.

Fast zwei von drei der 5,5 Millionen Demenzkranken in den USA sind weiblich, berichtete Maria Carrillo, leitende Wissenschaftlerin der US-amerikanischen Alzheimer’s Association. Bislang führte man dies vor allem darauf zurück, dass Frauen länger leben als Männer und damit ihr Risiko altersbedingt steige. Auf welchen Wegen Hormone dazu beitragen, ist trotz der neuen Datenlage noch unklar. Die Befunde widersprechen sich teils, wie unter anderem eine nahezu gleichzeitig in »Neurology« veröffentlichte koreanische Studie zeigt. Ihr zufolge erkranken Frauen mit mindestens fünf Kindern wiederum häufiger an Alzheimer als jene mit ein bis vier Kindern. Bei einer Fehlgeburt oder einem Schwangerschaftsabbruch sinke die Wahrscheinlichkeit – beides ist mit den oben genannten Befunden nicht so leicht zu vereinbaren. Die Studie der Seoul National University beruft sich allerdings auf Daten von lediglich gut 3500 Frauen aus Korea und Griechenland. So betrug beispielsweise die Zahl der demenzkranken Mütter von mindestens fünf Kindern nicht mal 60 und die der demenzkranken Frauen mit Fehlgeburt keine 50 – womit die Gruppen so klein waren, dass sich weitere Einflussfaktoren schwer herausrechnen ließen. Einig waren sich verschiedene Teams jedoch darin, dass der Östrogenspiegel im ersten Trimester eine besondere Rolle spielen dürfte.

Eine Schwangerschaft könne den mütterlichen Körper »umorganisieren«, die sie vor einer späteren Demenz schütze, vermutet die Anthropologin Molly Fox von der University of California in Los Angeles, die die Rolle der Hormone an einer kleinen Stichprobe von 133 Britinnen untersucht hatte. Ihre Befunde ließen vermuten, dass es sich nicht allein um einen einfachen Effekt der Östrogene handle, sondern um immunologische Prozesse während der ersten Schwangerschaftsmonate.

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