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News: Schützender Speichel

Obwohl Millionen Menschen auf der ganzen Welt mit dem HI-Virus infiziert sind, gibt es erstaunlich wenig Berichte darüber, daß es sich durch Küssen, Zahnbehandlung, Beißen oder Husten ausbreitet. Sogar der Speichel von Menschen, in deren Körper das Virus aktiv ist, enthält gewöhnlich nur dessen nicht ansteckende Bestandteile. Wissenschaftler fanden heraus, inwieweit der Speichel tatsächlich eine Schutzfunktion besitzt.
Drei Forscher der University of Texas Medical Branch in Galveston (UTMB) führten zu diesem Thema eine Reihe von Experimenten durch. Nun können sie eine überraschende Erklärung anbieten. Menschlicher Speichel scheint deshalb in so hohem Maße schützend zu wirken, weil er so wenig Salz enthält. Die Studien der Wissenschaftler deuten darauf hin, daß Speichel mehr als 90 Prozent der HIV-infizierten Blutzellen inaktiviert, das Virus in nicht ansteckende Einzelteile zerlegt und die Produktion von HIV und anderen Viren in diesen Zellen auf ein 10 000stel reduziert (Archives of Internal Medicine vom 8. Februar 1999, Abstract).

Samuel Baron, Joyce Poast und Miles W. Cloyd gingen von Ergebnisse aus früheren Studien aus, die gezeigt haben, daß Proteine im Speichel das HI-Virus nur um den Faktor zwei bis fünf neutralisieren oder ausschalten können. Wenn das der ganze Schutz wäre, fragten sie sich, warum fehlt dann HIV fast vollständig im Speichel infizierter Menschen?

Die Konzentrationen Virus-bekämpfender Antikörper schienen zu gering zu sein, um diesen "Virenmangel" zu erklären. Auf der Suche nach anderen Faktoren, die das nahezu vollständige Fehlen von HIV im Speichel erklären könnten, stellten die Forscher die These auf, daß der Hauptgrund für das Fehlen des Virus die Tatsache wäre, daß Speichel nur zu einem Siebtel so salzig ist wie die meisten anderen Körperflüssigkeiten.

Salz wird benötigt, um die Zellen am Leben zu halten, erklärt Dr. Baron, Professor für Medizin und Immunologie an der UTMB. Gibt man rote Blutkörperchen, die Salz enthalten, in ein Glas Trinkwasser, so absorbieren sie die Flüssigkeit sofort, schwellen an und explodieren. Mit den Leukocyten, die das HIV oder andere Viren beherbergen, passiert praktisch dasselbe.

Während man dank des niedrigen Salzgehaltes im Speichel Menschen mit AIDS eigentlich bedenkenlos küssen kann, gibt es starke Hinweise darauf, daß bei einigen anderen Aktivitäten, zum Beispiel Oralsex oder Stillen durch eine infizierte Mutter, der Erreger mit hoher Wahrscheinlichkeit weitergegeben wird. Warum schützt Speichel die Menschen in diesen Fällen nicht?

Nach Meinung der Wissenschaftler könnte Muttermilch, Kolostrum (Vormilchflüssigkeit bei stillenden Frauen), Samenflüssigkeit oder eine ausgewogene Salzlösung (eine Lösung, die den im Körper vorhandenen Salzen ähnelt) das im Speichel fehlende Salz ersetzen. Dadurch würde den infizierten Zellen eine Umgebung geboten, die salzhaltig genug ist, um überleben und das Virus übertragen zu können. Sowohl Samen als auch Muttermilch scheinen zu verhindern, daß Speichel HIV-infizierte Zellen abtötet, sagt Baron.

"Gibt man die infizierten Zellen in eine große Menge Blut, Samen oder Muttermilch und fügt dann Speichel hinzu, so schützt jede dieser drei Flüssigkeiten die infizierten Zellen davor, vom Speichel abgetötet zu werden", sagt Baron. "Dies steht im Einklang mit anderen Hinweisen, daß diese drei Flüssigkeiten HIV übertragen können. In Anwesenheit von Speichel und Abwesenheit jener drei Flüssigkeiten scheint HIV nur selten übertragen zu werden."

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