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Schulbeginn: »Korrekt wäre es, später mit der Schule anzufangen«

Viele Schüler kommen morgens kaum aus dem Bett. Das liegt an ihrer inneren Uhr, wie der Chronobiologe Henrik Oster im Interview erklärt. Sie umzustellen, ist schwierig.
Schulkinder sitzen gelangweilt und müde in einer Klasse. (Symbolbild)
»Schüler mit späteren Chronotypen schneiden bei frühen Prüfungen schlechter ab als ihre Mitschüler vom Typ Lerche«, sagt der Chronobiologe Henrik Oster.

In allen Bundesländern sind die Schülerinnen und Schüler ins neue Schuljahr gestartet. Für viele Familien heißt das: Stress am Morgen mit übermüdetem Nachwuchs. Oft sorge die innere Uhr dafür, dass sie erst später am Tag zur Bestform auflaufen, berichtet Henrik Oster, der Leiter des Instituts für Neurobiologie der Universität Lübeck. Im Interview erklärt der Chronobiologe, wie der Unterricht angepasst werden sollte.

»Spektrum.de«: Fängt die Schule zu früh an?

Henrik Oster: Aus chronobiologischer Sicht fängt die Schule für Mittel- und Oberstufenschüler tatsächlich zu früh an. Ihre innere Uhr, ihr zirkadianer Rhythmus, ist nach hinten verschoben. Deshalb sind sie in den ersten Stunden geistig einfach noch nicht so fit.

Gilt das für alle Altersgruppen gleichermaßen?

Kinder sind früher fit als Jugendliche. Es gibt deutschlandweite Erhebungen, die zeigen: Mit dem Beginn der Pubertät, also im Alter von elf, zwölf Jahren, verschiebt sich der innere Rhythmus eines Menschen im Durchschnitt um einige Stunden nach hinten. Das Maximum dieser Entwicklung ist mit Anfang 20 erreicht. Mit steigendem Alter werden Erwachsene eher wieder zu Frühaufstehern. Woran das genau liegt, weiß man nicht.

Henrik Oster | Der Professor für Chronophysiologie leitet das Institut für Neurobiologie der Universität zu Lübeck. Derzeit erforscht er, wie die Stresshormone Kortisol und Adrenalin im Tagesrhythmus reguliert werden.

In diesem Zusammenhang ist oft von »Chronotypen« zu hören. Was meint das genau?

Der Chronotyp ist ein genetisches Uhrwerk, das den Tagesrhythmus steuert: wann wir wach sind und wann wir schlafen, wann wir am besten denken oder körperliche Arbeit leisten können. Fast alle Körperfunktionen werden über dieses System reguliert. Es passt unseren Organismus an wiederkehrende Änderungen der Umweltbedingungen an.

Der Chronotyp ist individuell leicht verschieden: Menschen mit einem frühen Chronotyp, die »Lerchen«, wachen früher auf und sind morgens am fittesten. Späte Chronotypen, die »Eulen«, werden erst am Nachmittag oder vielleicht am frühen Abend zu Höchstleistungen fähig. Im Alltag werden wir hier zu Lande in ein festes Funktionsschema gepresst, das für Menschen mit einem frühen Chronotyp in der Regel besser geeignet ist als für Eulen.

Was bedeutet das für die Schüler und Schülerinnen?

Zum einen »funktionieren« sie in den frühen Stunden noch nicht: Ihnen fällt es schwerer, sich zu konzentrieren, den Unterrichtsstoff aufzunehmen und zu verarbeiten. Dazu kommt eine andauernde Schlafreduktion: Die Schüler gehen abends weiterhin relativ spät zu Bett, so dass sie im Lauf der Woche eine Art Schlafdefizit anhäufen – vielleicht jeden Tag eine halbe, in Extremfällen eine ganze Stunde. Am Wochenende kompensieren sie den Schlafmangel, indem sie bis mittags oder nachmittags im Bett liegen. Das bezeichnen wir als sozialen Jetlag.

»Ich würde nicht so weit gehen, zu sagen, dass man Deutsch immer in die erste Stunde legen sollte«

In Studien aus den Niederlanden und Skandinavien wurde gezeigt, dass Schüler mit späteren Chronotypen bei frühen Prüfungen schlechter abschneiden als ihre Mitschüler vom Typ »Lerche«. In den naturwissenschaftlichen Fächern schrieben sie bis zu einer ganzen Notenstufe schlechtere Klausuren. Sozial- und geisteswissenschaftliche Fächer waren notentechnisch etwas weniger abhängig von den Chronotypen. Das heißt aber nicht, dass der Chronotyp keinen Einfluss auf die Leistungen in diesen Fächern hat. Ich würde nicht so weit gehen, zu sagen, dass man Deutsch und Geschichte immer in die erste Stunde legen sollte.

Warum ändert man den Schulbeginn nicht einfach?

Es besteht die Tendenz, beim Status quo zu bleiben, nach dem Motto: »Das hat mir früher auch nicht geschadet.« Hinzu kommen Probleme mit dem öffentlichen Nahverkehr, wie Busse, die nach 8.30 Uhr nicht mehr regelmäßig fahren. Im ungünstigsten Fall müssten die Kinder zur Schule gefahren werden. Viele Familien, in denen beide Elternteile berufstätig sind, stünden dann vor der Frage: Was mache ich mit meinen Kindern, wenn ich schon auf der Arbeit bin?

Korrekt wäre es, später mit der Schule anzufangen oder in den ersten Stunden den Stoff zu behandeln, der nicht prüfungsrelevant ist. Eine weitere Lösung wäre es, Prüfungen nicht in die ersten Stunden zu legen. Dann gibt man den Schülern immerhin die Chance, in ihre aktive Phase zu kommen.

Es gibt Modellschulen mit einem späteren Unterrichtsbeginn. Was sind die Lehren?

Bundesweit existieren mehrere solcher Schulinitiativen. Manchmal ändert sich vorrangig der Stundenplan der Schülerinnen und Schüler, manchmal fängt die Schule für einige Gruppen tatsächlich später an. Das Aachener Gymnasium Alsdorf hat zum Beispiel eine Art Gleitzeit eingeführt: In den ersten beiden Stunden beschäftigen sich die Schüler und Schülerinnen selbst, können betreut Hausaufgaben machen. Am Hamburger Gymnasium Marienthal fängt der Unterricht dagegen morgens um halb neun an, und bei uns in Lübeck gibt es eine Waldorfschule, die eine Stunde später startet als üblich. Bisher gibt es keine wissenschaftlich fundierte Analyse dieser Initiativen. Zumindest Anekdoten zufolge scheinen sie gut zu klappen – nachdem die logistischen Probleme überwunden wurden. Ich habe noch nicht gehört, dass eine Schule wieder zum alten System zurückgegangen ist.

Lässt sich frühes Aufstehen trainieren?

Es gibt ein paar Mechanismen, über die man den Chronotyp ein klein bisschen nach vorne verschieben kann: indem man abends das Schlafhormon Melatonin einnimmt oder mit gezielter Lichtexposition. Forschungsteams haben festgestellt, dass Menschen in ländlichen Regionen im Schnitt einen etwas früheren Chronotyp haben als in Städterinnen und Städter. Das liegt wahrscheinlich an zwei Dingen: Auf dem Land sind die Menschen häufiger draußen und bekommen mehr Sonnenlicht ab. Außerdem ist die Gefahr geringer, dass sie in den Abend- und Nachtstunden wach haltendem Kunstlicht ausgesetzt sind.

Die innere Uhr reagiert nämlich auf blaues Licht. Das kommt im Sonnenlicht sowie auch in kalt-weißen LEDs oder Leuchtstoffröhren vor. Deswegen machen sie deutlich wacher als traditionelle Glühbirnen mit gelblichem Licht. Vor allem im Winter kann es sich auch lohnen, Lichtduschen oder Tageslichtlampen zu benutzen. Insgesamt hält sich die Wirkung aber in Grenzen. Der Chronotyp lässt sich um eine, maximal um anderthalb bis zwei Stunden umstellen. Sie werden aus einer Eule also niemals eine Lerche machen.

»Im Hinblick auf den kommenden Winter rate ich, mehr rauszugehen und das Sonnenlicht zu suchen. Jedes bisschen Sonne hilft«
Wie lange dauert es, den Rhythmus umzustellen?

Eine effektive Verschiebung des Rhythmus sollte innerhalb von zwei bis drei Tagen spürbar sein. Sie ist aber ebenso schnell wieder reversibel, wenn die Lichtexposition wegfällt. Wer Melatonin einnimmt, muss mit einer Vorlaufzeit von ein bis zwei Wochen rechnen. Das ist ein Problem, da Melatonin in Deutschland nur für die kurzfristige, maximal dreimonatige Behandlung von Schlafstörungen zugelassen ist.

Die meisten Schüler und Schülerinnen werden vorerst weiterhin früh aufstehen müssen. Wie können sie trotzdem entspannt in den Tag starten?

Im Hinblick auf den kommenden Winter rate ich, mehr rauszugehen und das Sonnenlicht zu suchen. Jedes bisschen Sonne hilft. Umgekehrt sollte man sich abends möglichst wenig blauem Licht aussetzen. Damit sind besonders Tablets und Handys gemeint. Wer nicht später als notwendig zu Bett geht und nicht bis zur letzten Sekunde am Bildschirm hängt, kann das Schlafdefizit unter der Woche senken.

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