Die großen Fragen der Wissenschaft: Wie sieht die Schule der Zukunft aus, Kai Maaz?

Im Podcast »Die großen Fragen der Wissenschaft« gehen wir den größten Rätseln des Lebens auf den Grund. Dieses Interview ist eine gekürzte und angepasste Fassung der Folge »Wie sieht die Schule der Zukunft aus, Kai Maaz?«.
Herr Maaz, was funktioniert schlechter in diesem Land: die Bahn oder die Schule?
Das ist schwer zu vergleichen, und es kommt auch darauf an, wen man fragt und auf welche Aspekte man schaut. Aber klar ist: Wir haben es in beiden Fällen mit Systemen zu tun, in die ein Großteil der Gesellschaft involviert ist. Das hat zur Folge, dass wir alle aus unterschiedlichen Perspektiven auf die Funktionalität schauen und entsprechend viel Verbesserungsbedarf sehen. Eine abschließende Antwort kann ich nicht geben, aber ich würde schon sagen, dass beide noch Luft nach oben haben.
Sowohl die Bahn als auch die Schule haben ihren Ursprung in der Kaiserzeit – und haben sich seitdem teils kaum verändert. Ist das das Problem?
Es ist auf jeden Fall mehr als ungünstig, wenn Systeme aus einer vergangenen Logik heraus agieren und daher weder den Anforderungen und den Erwartungen der Gegenwart, geschweige denn denen der Zukunft gerecht werden. Vor allem mit Blick auf die Schule ist ein weiteres großes Problem, dass wir häufig versuchen, auf genau diese gegenwärtigen Herausforderungen mit Aktionismus und kurzlebigen Projekten zu antworten. Das wird nicht funktionieren, weil all diese Lösungsversuche nie da ansetzen, wo die Probleme entstehen, sondern immer nur da, wo sie sichtbar werden.
Warum brauchen wir überhaupt Schulen?
Weil Bildung ein ganz zentrales Gut ist, unser wichtigster Rohstoff und ein ganz entscheidendes gesellschaftliches Bindeglied. Die Tatsache, dass alle Kinder und Jugendlichen in Deutschland zur Schule gehen dürfen, ja sogar müssen, ist die große Chance, Bildungsungleichheit abzubauen. Das gibt allen die Möglichkeit, am Wissenserwerb teilzuhaben, Potenziale zu entfalten sowie individuelle Neigungen und Interessen zu entdecken, um daraus Perspektiven für das eigene Leben zu entwickeln.
Was muss die Schule der Zukunft können?
Sie muss zunächst ein Mindestmaß an Basiskompetenzen sichern. Denn wir werden trotz aller technologischen Entwicklungen auch in Zukunft noch Texten Sinn entnehmen und uns selbst in Wort und Schrift ausdrücken können müssen. Darauf muss Schule vorbereiten. Sie muss aber auch die nötigen Kompetenzen vermitteln, um mit neuen Technologien informiert umzugehen, diese kritisch zu hinterfragen, zu reflektieren und zu filtern. Zugleich müssen Kinder und Jugendliche lernen, Herausforderungen zu erkennen, resilient mit ihnen umzugehen und kreativ und empathisch an Lösungen zu arbeiten.
»Wir brauchen weniger Stoff und mehr Zeit, um Kreativität, Problemlösen, Selbstständigkeit zu lernen«
Sollte Schule also stärker auf Kompetenzen statt auf Wissen setzen?
Sie muss auf beides setzen. Kompetenz wird ohne Wissen nicht funktionieren. Aber Wissen allein reicht auch nicht.
Was ist denn überhaupt noch sinnvoller Lernstoff im Zeitalter von künstlicher Intelligenz und überhaupt von digitalen Medien? Letztlich kann ich mir doch fast alles ergoogeln, oder?
Wir werden uns die Welt nicht ausschließlich ergoogeln können. Aber umso wichtiger ist es, dass jedes Kind einzuschätzen lernt, ob die Information, die es im Internet findet, valide ist. Deswegen brauchen wir weiter ein gewisses Grundlagenwissen. Ich bin aber überzeugt davon, dass nicht mehr alle Inhalte, die wir heute in mehr als 40 000 Schulen in Deutschland vermitteln, die sind, die wir wirklich brauchen. Wir brauchen weniger Stoff und mehr Zeit, um Kreativität, Problemlösen, Selbstständigkeit und so weiter zu lernen. Darüber hinaus fallen mir noch Kompetenzen wie Anpassungsfähigkeit und Teamfähigkeit ein.
Wie lassen sich solche Zukunftskompetenzen in die Schule integrieren?
Sicherlich nicht durch neue Fächer. Wir sollten eher versuchen, da, wo es noch nicht geschehen ist, den Lehrplan zu entschlacken, und uns fragen: Wie viele literarische Werke müssen in welchem Schuljahr gelesen werden? Wie viele Lehrsätze muss man in der Mathematik wirklich lernen, um das Beweisen und Argumentieren verinnerlichen zu können? Die Zukunftskompetenzen, auch Future Skills genannt, lassen sich sehr implizit in die Schule integrieren. Warum zum Beispiel nicht über Gruppenabiturprüfungen nachdenken? In der Arbeitswelt setzt sich auch niemand allein in sein Zimmerchen und überlegt, wie er ein Problem löst. Stattdessen wird immer versucht, die Expertise verschiedener Leute heranzuziehen, diese zu bündeln und aus allen Stärken zusammengenommen etwas zu entwickeln, das viel, viel bedeutsamer ist als das, was ich als Einzelperson schaffen kann. Darauf bereitet aber Schule in der Art und Weise, wie Erlerntes abgeprüft wird, nicht vor. Auch im Schullalltag gibt es hierbei Verbesserungsbedarf.
Wie verändert das die Rolle der Lehrkräfte? Sind die Lehrer der Zukunft nicht mehr Wissensvermittler, sondern eher Lernbegleiter?
Es geht nicht darum, entweder nur Wissen zu vermitteln oder junge Menschen ausschließlich zu begleiten. Wichtig ist das Selbstverständnis derjenigen, die diesen Beruf ausüben: Haben sie die Möglichkeiten, die Kinder wirklich so zu unterstützen, dass jedes Kind seine eigenen Potenziale entwickelt? Das eine Kind wird sehr viel Struktur, sehr viel Hilfestellung benötigen, und das andere Kind wird allein loslaufen. Und genau in dieser Variabilität müssen die Lehrkräfte oder Lernentwicklungsbegleiter – oder wie auch immer man sie nennen möchte – qualifiziert werden und die Kinder in ihrer Individualität annehmen. Die Schule der Zukunft muss das können.
Also weg mit dem Frontalunterricht?
Frontalunterricht ist nicht per se falsch. Man kann sehr guten Frontalunterricht machen, aber es darf dann nur eine Einheit sein, die ergänzt wird um andere Einheiten des Lernens und des Erfahrens, die dann stärker projekt- oder gruppenorientiert sind. Es muss einerseits die Anleitung durch die Lehrperson möglich sein, aber andererseits auch das individuelle Selbstlernen, das Lernen in Paaren und in Gruppen. Es muss die Möglichkeit geben, sich im Schulgebäude zu bewegen, um die Lernorte aufzusuchen, die man braucht.
»Wir verwenden noch zu oft die gleichen Methoden, die in der Vergangenheit vielleicht mal funktioniert haben, aber eben im Hier und Jetzt nicht mehr funktionieren«
Das heißt, es lässt sich nicht die eine Lehrmethode über alle Schülerinnen und Schüler und über alle Inhalte gießen, sondern die Lehrkraft muss flexibel sein, das entsprechend anzupassen?
Ja, absolut. Natürlich wird es nie die eine Lösung für alle Schüler, Probleme oder Fächer geben. Und das ist genau die Herausforderung, die in den zurückliegenden 25 Jahren seit der ersten PISA-Studie meines Erachtens nicht bewältigt wurde. Die Schülerschaft ist heterogener geworden, doch die Art und Weise, wie man pädagogisch darauf reagiert, hat sich nicht in der gleichen Weise verändert. Wir verwenden noch zu oft die gleichen Methoden, die in der Vergangenheit vielleicht mal funktioniert haben, aber eben im Hier und Jetzt nicht mehr funktionieren. Verschiedene Kinder brauchen verschiedene Zugänge und Ansprachen. Wenn es nicht gelingt, das zu erkennen, dann kann Schule auch nicht darauf reagieren. Die einzelne Lehrperson wird davon allerdings mit großer Wahrscheinlichkeit überfordert sein. Das bedeutet: Die Schule der Zukunft muss vernetzt und kooperativ arbeiten und die unterschiedlichen Expertisen innerhalb eines Kollegiums, über mehrere Kollegien hinweg und sogar außerhalb der Schule in der Kinder- und Jugendhilfe bündeln.
Was heißt hier genau »kooperativ arbeiten«?
Dass zum Beispiel nicht jede Lehrkraft jede Unterrichtsstunde selbst entwickelt. Es gibt Grundschulen, in denen keine Lehrerin mehr für sich allein arbeitet. Stattdessen hat das gesamte Kollegium das gesamte Curriculum gemeinsam entwickelt und damit sehr viele Ressourcen gespart und – fast noch wichtiger – Resilienz aufgebaut. Wenn jemand krank wird, kann jemand anderes einspringen, weil klar ist, woran die Klasse gerade arbeitet. Die Lehrkräfte sind sicherer und entspannter, weil sie immer ein Back-up haben.
Und welche Expertise von außerhalb der Schule sollte noch angezapft werden?
Wir wissen beispielsweise, dass im Durchschnitt in jeder Grundschulklasse zwei bis drei Kinder sitzen, die eine Lese-Rechtschreib-Schwäche oder eine Dyskalkulie haben. Die Lehrkräfte werden von der Universität nicht darauf vorbereitet, damit umzugehen. Es gibt jedoch exzellente lerntherapeutische Institute, die genau darauf spezialisiert sind. Die erkennen die Lernbeeinträchtigung und können therapeutische Maßnahmen ergreifen. Aktuell ist es aber beinahe zufällig, ob überhaupt festgestellt wird, dass ein Kind eine solche Lerntherapie braucht. Und selbst wenn es erkannt wird, stellt sich die Frage, was die Schule dagegen machen kann. Vielleicht ein bisschen Förderunterricht, vielleicht ein bisschen Nachteilsausgleich. Dann sind die Möglichkeiten aber auch schon erschöpft. Das Paradoxe ist dann, dass das Kind häufig am Vormittag aus dem Unterricht geholt wird, um außerhalb der Schule in die Lerntherapie zu fahren. Warum kommt die Lerntherapie nicht in die Schule? Und dann stellt sich natürlich noch die Frage, wie das eigentlich finanziert wird …
Das ist eine sehr große Frage, oder?
Ja, aber in diesem Fall ist es besonders absurd, weil die Zuständigkeit hier bei der Kinder- und Jugendhilfe liegt. Und diese zahlt in aller Regel erst, wenn Persönlichkeitseinschränkungen oder Störungen identifiziert sind oder sich andeuten. Ansonsten müssen die Familien selbst zahlen. Viele können sich das aber gar nicht leisten. Also produzieren wir mit genau diesem Mechanismus soziale Ungleichheit. Und das wirklich Erschreckende an diesem Beispiel ist, dass sowohl das System Schule als auch die Familien als auch die Kinder- und Jugendhilfe in ihren eigenen Logiken korrekt handeln, am Ende dem Kind jedoch nicht geholfen wird.
Kommen wir auf eine Herausforderung für sämtliche Kinder und Jugendliche zu sprechen: ausufernde Mediennutzung, speziell Kurzvideos auf TikTok, YouTube und so weiter. Welchen Einfluss hat diese Art des Medienkonsums auf die Aufmerksamkeit von Schülerinnen und Schülern?
Ich würde sagen: maximalen. Diese Formate sind ja so konzipiert, dass sie Aufmerksamkeit quasi aufsaugen. Das kann man jetzt schlimm finden – man wird es aber nicht einfach so ändern können. Besser wäre es aus meiner Sicht, diese Realität zum Gegenstand des schulischen Handelns zu machen. Ich würde deshalb gar nicht mit den Gefahren anfangen, sondern mit den Möglichkeiten. Man kann das in den Unterricht integrieren und die Schülerinnen und Schüler zum Beispiel Kurzvideos erstellen lassen, um Themen zu bearbeiten. Ich glaube, wir täten gut daran, zu überlegen, wie wir die sozialen Medien in der Schule nutzbar machen können, damit Kinder sehen, dass sie nicht nur ein Zeitfresser sind, sondern dass man damit auch Inhalte gestalten kann. Das halte ich im Übrigen auch für viel wichtiger als die Frage, ob wir das Handy verbieten oder nicht.
Aber was bedeutet es für Lehrkräfte, wenn Schülerinnen und Schüler gar nicht mehr gewohnt sind, lange zuzuhören?
Wir müssen den Unterricht daran anpassen. Wir müssen viel mehr aktivierende Elemente in den Unterricht einbauen und die Unterrichtseinheiten didaktisch so aufbauen, dass sie kurzweilig sind. Die Möglichkeiten dazu haben wir ja, nur nutzen wir sie meines Erachtens bislang nicht hinreichend.
Das klingt sehr anspruchsvoll.
Absolut. Und deshalb muss sich zunächst die Art und Weise ändern, wie wir Lehrkräfte ausbilden, damit sie genau das anwenden können, was ich beschrieben habe.
Muss sich dann auch die Überprüfung von Leistungen an die neue Unterrichtsrealität anpassen?
Ja, und auch die Form der Leistungsbewertung. Noten sind nicht objektiv, sondern hochgradig subjektiv. Wir haben längst alternative Instrumente, mit denen man nicht nur Wissen zu einem bestimmten Zeitpunkt abfragt, sondern mit denen man Verläufe sichtbar machen kann: Wie entwickelt sich ein Kind? Stagniert es? Macht es Fortschritte oder gar Rückschritte? Solche Bewertungen und Rückmeldungen sind mit der derzeitigen Prüfungspraxis nur schwer möglich.
Können Sie das an einem Beispiel verdeutlichen?
Ich war als Schüler nie gut in Chemie. Zwar habe ich meine Klausuren bestanden, aber ich konnte nichts. Schüler entwickeln Strategien, um sich mit den vorhandenen Prüfungen zu arrangieren. Der Erfolg ist auf dem Papier da, doch es bleibt nichts hängen. Hier müssen wir neue Wege gehen – was mich zu einem Grundgedanken bringt, wenn ich an die Schule der Zukunft denke.
Nämlich?
Wir müssen überlegen, an welchen Stellen wir das System Schule weiterentwickeln und an welchen wir es komplett neu denken müssen. Das ist keine Glaubensfrage, dazu gibt es Daten. Konzepte, die sich bewährt haben, entwickeln wir stetig im Sinne einer Evolution weiter. An anderen Stellen brauchen wir aber die Revolution. Denn wenn wir sehen, dass sich bestimmte Dinge über eine lange Zeit nicht bewährt haben, braucht es eine radikale Veränderung.
»Prüfungen und Notengebung sind für mich Beispiele, wo wir die Revolution brauchen«
Wo brauchen wir die Revolution?
Prüfungen und Notengebung sind für mich Beispiele, wo wir die Revolution brauchen. Als Eltern finden wir es total toll, wenn unser Kind eine 1 oder 2 mit nach Hause bringt. Doch wenn es eine 3 ist, fragen wir schon: »Na, hast du nicht richtig gelernt?« Nehmen wir zwei Kinder mit derselben 3: Das eine hat enorme Fortschritte gemacht und viel verstanden, kämpft aber noch mit einzelnen Anforderungen. Das andere hat kaum etwas durchdrungen, sich aber kurzfristig durch die Klassenarbeit »gerettet«. Auf dem Zeugnis steht dieselbe Ziffernnote, pädagogisch bedeuten sie etwas völlig Unterschiedliches. Hier stimmen also schon die Grundannahmen nicht.
Und ein Beispiel für Evolution?
Wir wissen aus der Lehr- und Lernforschung, wie guter Unterricht funktioniert. Das müssen wir nicht immer wieder neu erarbeiten. Wir müssen aber das System weiterentwickeln: Die Lehrkräfte müssen dieses Wissen auch in der Praxis anwenden können. Und meine Hypothese ist, dass sie es oftmals nicht anwenden können, weil die Rahmenbedingungen in der Klasse nicht gegeben sind. Ein Beispiel: Möglicherweise können die Kinder dem Unterrichtsstoff nicht folgen, weil sie in ihrer psychosozialen Befindlichkeit überhaupt nicht in der Lage sind zu lernen. Darauf müsste eigentlich entsprechend reagiert werden.
Mancherorts gibt es inzwischen ganze Klassen, in denen die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler kein Deutsch spricht. Wie kann da überhaupt Unterricht stattfinden?
Das Problem liegt auch hier in der Vergangenheit. Wir haben zugelassen, dass eine substanzielle Anzahl von Kindern eingeschult wurde, die nicht hinreichend Deutsch spricht. Wenn das geschehen ist, lässt es sich nicht mehr umkehren. Dann muss man auch so ehrlich sein und sagen: Vielleicht muss der Fachunterricht an der einen oder anderen Stelle zurückgefahren und stattdessen Sprachunterricht angeboten werden. Mit anderen Worten: Wir müssen uns der Situation stellen und dürfen nicht so tun, als hätten wir eine Durchschnittsklasse vor uns.
Kann es helfen, das Schuleintrittsalter flexibler zu gestalten?
Ja, Kinder haben unterschiedliche Veranlagungen. Sie lassen sich nicht in ein strenges Raster packen. Es gibt aus allen Bundesländern Rückmeldungen von Grundschullehrkräften, die sagen, dass manche Kinder mit sechs Jahren nicht 45 Minuten ruhig auf dem Stuhl sitzen können und nicht in der Lage sind, einen Stift, geschweige denn eine Schere zu halten – oder gar nicht verstehen, was ihnen gesagt wird. Wenn wir also in Schuleingangsuntersuchungen feststellen, dass ein Kind die Instruktionssprache der Schule nicht hinreichend versteht, müssen wir die Schule entweder so gestalten, dass sie mit Mehrsprachigkeit umgehen kann. Das ist zeitnah relativ unrealistisch. Oder wir ermöglichen dem Kind eine Sprachförderung, damit es in absehbarer Zeit die Anforderungen erfüllt.
Hieße das, den Schuleintritt in solchen Fällen nach hinten zu schieben?
Im Grunde ja. Das mag sich jetzt hart anhören, aber wir können einen nennenswerten Anteil der Kinder so nicht einschulen – in deren Sinne. Das heißt nicht, dass wir sie einfach in die Familien zurückschicken. Wir müssen ihnen stattdessen die nötige Unterstützung obligatorisch zur Verfügung stellen. Hamburg macht das schon. Dort gibt es einen Pflichttermin für Viereinhalbjährige, bei dem festgestellt wird, ob das Kind seinem Alter entsprechend entwickelt ist und ob es die deutsche Sprache sprechen und verstehen kann. Wenn nicht, dann bekommt es Förderangebote.
Müssen wir auch das Schulsystem als solches verändern?
Ja, aber das ist in Deutschland ein Tabuthema. Dabei sehen wir in internationalen Studien: Je früher selektiert wird – bei uns in den meisten Bundesländern nach der vierten Grundschulklasse –, desto größer ist am Ende die Ungleichheit beim Kompetenzerwerb. Man könnte daher darüber nachdenken, später zu selektieren oder im Idealfall sogar gar nicht, also alle bis zum Abschluss gemeinsam zu beschulen. Das wird in Deutschland aber nicht möglich sein, weil wir kaum das Gymnasium abschaffen werden.
Wie würde unser Schulsystem aussehen, wenn Sie es sich backen könnten?
Mit der Einschränkung, dass wir das Gymnasium wohl behalten werden, wäre es ein Modell, das nur zwischen dem Gymnasium und einer weiteren Schulform unterscheidet. Es wäre ein System, das insgesamt durchlässig ist, keine Sackgassen produziert und den Kindern und Jugendlichen auch ermöglicht, einmal getroffene Entscheidungen zu revidieren. Aus einer rein pädagogischen Perspektive spricht sehr viel für ein Schulsystem, das nicht äußerlich differenziert, sondern stattdessen Binnendifferenzierungen vornimmt.
Das bedeutet?
Wenn wir von einem eingliedrigen Schulsystem sprechen, heißt das nicht, dass zehn Jahre lang alle Kinder in einer Klasse unterrichtet werden. Natürlich gibt es da auch Leistungsgruppierungen in bestimmten Fächern, und ein Kind kann in dem einen Fach in der leistungsstarken Gruppe sein und im anderen Fach vielleicht in einer leistungsschwächeren Gruppe. Und in wiederum anderen Fächern gibt es leistungsheterogene Gruppen.
»Daten dienen nicht der Kontrolle, sondern dem Verständnis: Wo steht meine Klasse? Worin sind die Kinder gut? Wobei haben sie Probleme?«
Können mehr Daten und kann künstliche Intelligenz den Unterricht besser machen?
Viele Bundesländer sind bereits auf dem Weg in diese Richtung. Daten zu erheben, ist aber erst einmal Arbeit und bringt auch Unruhe ins System. Hinzu kommt: Wir haben in Deutschland eine große Skepsis gegenüber Datenerhebungen, weil sie oft als Kontrollmittel verstanden werden. Hier brauchen wir einen Kulturwandel. Daten dienen nicht der Kontrolle, sondern dem Verständnis: Wo steht meine Klasse? Worin sind die Kinder gut? Wobei haben sie Probleme? Und wenn die Daten regelmäßig erhoben werden, dann kann ich im Längsschnitt verfolgen, wie sich ein Kind entwickelt und was positiv wirkt. Natürlich kann KI hier in Zukunft zusätzliche Möglichkeiten eröffnen. Nicht nur bei der Datenerhebung, sondern auch für die Art und Weise, wie Daten für Lehrkräfte, für Eltern und für Schulaufsichten nutzbar gemacht werden. Darauf müssen wir uns aber auch einlassen.
Wie kann KI dem einzelnen Kind konkret helfen?
Stellen Sie sich wieder ein Kind mit einer extremen Lese-Rechtschreib-Schwäche vor, das sich gar nicht mehr traut, im Klassenkontext laut vorzulesen. Es gibt schon heute wunderbare KI-gestützte Tools, die als digitale Lesepaten dienen, denen das Kind vorliest. Da ist die Scham viel geringer als vor der Lehrkraft oder den Mitschülern. Die KI analysiert das Leseverhalten und adaptiert den Folgetext genau auf das Anforderungsniveau, welches das Kind braucht.
KI kann also individuelle Lernstände erheben und passende neue Aufgaben vorschlagen. Sie könnte aber auch nachlassende Aufmerksamkeit, entstehende Langeweile oder abschweifende Blicke registrieren. Wollen wir das?
Sicher muss man nicht jede technologische Entwicklung in den schulischen Kontext einbringen. Doch es kann sein, dass das für einige Schüler hilfreich ist. Insofern würde ich auch hier erst einmal sehr offen in die Weiterentwicklung gehen, aber die Systeme nicht allen »verordnen« und natürlich auch ethisch immer hinterfragen.
Wir haben über viele Möglichkeiten gesprochen, Schule und Lernen weiterzuentwickeln. Projektunterricht, Binnendifferenzierung, KI-Tutoren … Aber viele Lehrerinnen und Lehrer werden fragen: Wovon reden die da? Die Realität an unserer Schule ist himmelweit von diesen Idealen entfernt. Was antworten Sie darauf?
Sie haben recht. Wir haben viele Einzelbeispiele besprochen, die in der Praxis zwar auch schon punktuell zur Anwendung kommen und funktionieren, aber längst nicht überall. Das kann übergreifend nur eine gute Steuerung ermöglichen. Die Schule der Zukunft braucht klare Ziele, wohin sie sich entwickelt. Sie braucht die Verlässlichkeit, dass nicht andauernd neue Experimente gestartet werden. Und insgesamt braucht es Zeit und Erwartungsmanagement. Dinge, die wir heute entwickeln und versuchen zu implementieren, werden möglicherweise erst in einigen Jahren auf der Systemebene Wirkung zeigen.
Leider gibt es Schulen, die ein echtes Gewaltproblem haben: Vandalismus, Bedrohung von Lehrern und Schülern, Waffen. Ein besonders drastisches Beispiel, das 2025 und 2026 für Schlagzeilen sorgte, ist die Karolina-Burger-Realschule Plus in Ludwigshafen. Dort plane man als Lehrer seinen Tag mit dem Ziel, dass »alle unverletzt rauskommen und irgendwie beschäftigt sind«. So hat es eine Lehrkraft gegenüber dem SWR zu Protokoll gegeben. An normalen Unterricht sei nicht zu denken. Wie kann man solchen Situationen begegnen?
Indem wir in solchen Kontexten Schule völlig anders gestalten. Es wird nicht funktionieren, den Unterricht dort genauso zu denken wie an einem Elitegymnasium. Wir werden ebenso wenig weiterkommen, wenn wir noch restriktiver vorgehen und die Polizei auf dem Schulhof dauerhaft präsent ist. Hier gilt es vor allem, an den Ursachen anzusetzen.
Was müsste stattdessen geschehen?
In solchen Kontexten braucht es erstens deutlich mehr multiprofessionelle Teams, also Schulsozialarbeit, Psychologie, Sonderpädagogik und eine enge Kooperation mit der Jugendhilfe. Zweitens müssen klare, verlässliche Strukturen geschaffen werden: kleine Lerngruppen, stabile Bezugspersonen, transparente Regeln. Und drittens braucht es Zeit – für Beziehungsarbeit, für Prävention, für individuelle Förderung.
»In diesem Moment entstand etwas, was viele dieser Jugendlichen im Schulalltag selten erleben: das Gefühl, etwas zu können und gehört zu werden«
Und dann funktioniert es?
Ich habe im Forschungsverbund »Schule macht stark« erlebt, was das konkret heißt. Bei einer Netzwerktagung standen Jugendliche auf der Bühne und performten einen Rap. Musikalisch war das nicht perfekt, aber darum ging es nicht. Entscheidend war: Sie erfuhren Resonanz, Anerkennung und Selbstwirksamkeit. Man konnte sehen, wie sie sich gegenseitig stärkten. In diesem Moment entstand etwas, was viele dieser Jugendlichen im Schulalltag selten erleben: das Gefühl, etwas zu können und gehört zu werden. Ein Schulleiter sagte damals zu mir: Die Jungs müssen singen – dann lernen sie auch lesen.
Das klingt jetzt ziemlich einfach. Zu einfach?
Das klingt einfach, trifft aber den Kern. Bevor wir fachliche Leistungen erwarten, müssen wir Bedingungen schaffen, unter denen Kinder sich sicher fühlen und sich etwas zutrauen. Wer glaubt, man könne ein gewaltbelastetes Umfeld allein durch mehr Kontrolle oder härtere Sanktionen befrieden, unterschätzt die Ursachen. Gewalt ist meist kein isoliertes Schulproblem, sondern Ausdruck sozialer Spannungen, die sich in der Schule bündeln. Wenn Kinder permanent im Alarmmodus sind, lernen sie nicht. Wenn sie hingegen Anerkennung, Stabilität und verlässliche Beziehungen erfahren, entsteht überhaupt erst die Grundlage für Unterricht. Schulen können solche Orte sein, aber nur, wenn wir ihnen die strukturellen Voraussetzungen dafür geben.
Laut einer aktuellen Hochrechnung des »DAK-Gesundheitsreports« sind allein 23 000 Mädchen im Teenageralter wegen Essstörung in Behandlung, 75 000 wegen einer Angststörung und sogar 84 000 wegen einer Depression. Die Zahlen bei den Jungs sind ein bisschen geringer. Im Vergleich zu 2019 sind diese Zahlen deutlich gestiegen. Woher kommen die Probleme? Aber vor allen Dingen: Wie helfen wir den Kindern? Und was kann Schule an dieser Stelle machen?
Die Ursachen für diese Probleme sind vielfältig und ich kann sie auch nicht in aller Detailtiefe aufschlüsseln. Einige würden vielleicht behaupten, dass die Essstörungen durch den unangemessenen Gebrauch von Social Media begünstigt werden, weil Jugendliche, insbesondere Mädchen, dort in bestimmte Richtungen gedrängt werden. Das ist mir zu einfach gedacht. Ich glaube, dass Unsicherheiten in der emotionalen Entwicklung und Angststörungen ein Stück weit auch dadurch entstehen, dass wir in einer Zeit leben, die von einem extremen Wandel, einer Unstetigkeit des politischen Agierens und von anderen Unsicherheiten gekennzeichnet ist. Je nach individueller Veranlagung und kombiniert mit ungünstigen familialen Randbedingungen kann das dazu führen, dass Kinder schneller aus der Bahn geworfen werden. Das Eingebundensein in Netzwerkstrukturen – Musikverein, Sportverein, Kirchengemeinde et cetera –, all das erodiert in vielen Kontexten und zwingt Kinder und Jugendliche oftmals dazu, als Einzelpersonen zu agieren. Das ist unschön, aber wir müssen uns dieser Realität stellen und entsprechende Angebote machen.
Nämlich welche?
Wir brauchen niederschwellige Angebote. Und an vielen Stellen nicht nur für die Schülerinnen und Schüler, sondern auch für deren Eltern. Es hilft wenig, wenn das Kind nach der Schule in eine häusliche Umgebung kommt, wo alles sofort konterkariert wird. Die Familie muss mit ins Boot geholt werden.
»Wenn Jugendliche bei Angst- oder Depressionssymptomen zunächst in ein vertrautes Setting gehen können, sinkt die Hemmschwelle enorm«
Wie kann das geschehen?
Ein Beispiel sind Familiengrundschulzentren oder schulische Familienzentren. Sie öffnen Schule in den Sozialraum hinein, bieten Beratung, Elterncafés, Unterstützung bei Erziehungsfragen oder bei Behördenkontakten an – ohne lange Wartezeiten und ohne Etikettierung. So entsteht Vertrauen, und Probleme werden früher sichtbar. Ein zweites Beispiel sind fest verankerte schulische Beratungs- und Gesundheitsangebote oder Sprechstunden externer Fachkräfte direkt im Schulgebäude. Wenn Jugendliche bei Angst- oder Depressionssymptomen zunächst in ein vertrautes Setting gehen können, sinkt die Hemmschwelle enorm. Es geht darum, Hilfe dorthin zu bringen, wo die Kinder ohnehin sind, nicht darauf zu warten, dass sie den Weg ins Hilfesystem allein finden. Das Thema ist wirklich ernst und auch vorrangig gegenüber dem Lernen. Wer in einer Angststörung gefangen ist, wird nicht nachhaltig lernen können. Deshalb müssen wir psychische Stabilität als Voraussetzung von Bildung verstehen, nicht als Nebenschauplatz.
Auch die Lehrkräfte stehen unter seelischer Belastung. Psychische und psychosomatische Erkrankungen kommen bei ihnen überdurchschnittlich häufig vor. Auch Erschöpfung, Kopfschmerz, Angespanntheit – das zeigen Daten. Wie können Lehrkräfte besser unterstützt werden, damit sie nicht ausbrennen?
Wir haben in der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission dazu ein Gutachten verfasst und versucht, das zu adressieren. Doch auch hier gibt es keine einfachen Lösungen. Einerseits müssen wir Lehrkräfte in ihrem Alltag stärken, indem wir stabile Rahmenbedingungen schaffen. Kleinere Klassen und mehr Geld würden natürlich helfen, aber auch simplere Maßnahmen wie Fortbildungen und mentale Unterstützungsangebote. Und wir müssen uns überlegen, wie wir Lehrkräfte in ihren Tätigkeiten so entlasten können, dass sie Zeit haben, auch wirklich zu unterrichten. Es wird zwar nicht sehr gern gehört, aber ich bin für eine Abkehr vom Deputatsmodell, das sich nur auf die zu leistenden Unterrichtsstunden fokussiert, hin zu einer ganz gewöhnlichen 40-Stunden-Woche. Die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts, Korrekturen und Verwaltungsangelegenheiten finden dann in der regulären Arbeitszeit statt und nicht zu Hause. Und – ganz wichtig – wir müssen jetzt anfangen, über die Zeit nach Ende des Startchancenprogramms nachzudenken, das Schulen und Lehrkräften in besonders herausfordernden Lagen Hilfestellungen an die Hand gibt. Die Kommunen sind nicht in der Lage, all diese Unterstützungsleistungen selbst zu finanzieren.
»Alle glauben zu wissen, wie Schule zu sein hat. Das erschwert Weiterentwicklung und erfordert einen kontinuierlichen Dialog«
Wenn man Ihnen zuhört, bekommt man den Eindruck, die Wissenschaft wisse im Großen und Ganzen längst, wie Schule funktionieren könnte. Warum tut sich dann vergleichsweise wenig?
Schule und Bildung haben den großen Nachteil, dass jeder von uns irgendwann mal Teil dieses Systems war und jeder von uns möglicherweise direkt oder indirekt jemanden kennt, der noch Teil dieses Systems ist. Entsprechend glauben immer alle zu wissen, wie Schule zu sein hat. Das erschwert Weiterentwicklung und erfordert einen kontinuierlichen Dialog, zu dem Wissenschaft sicherlich wichtige Impulse beisteuern kann. Und dann kommt noch hinzu, dass politische Entscheidungen im Kontext von Bildung nie dann ihre Wirkung entfalten, wenn sie getroffen werden. Ich habe das für mich mal so beschrieben: Bildungspolitik muss in der Gegenwart Maßnahmen für die Zukunft beschließen und gestalten, deren Entstehungszusammenhänge in der Vergangenheit liegen.
Wie kann eine gute Qualitätssicherung von Unterricht aus Ihrer Sicht aussehen?
Das fängt mit einer soliden und qualitätsvollen Ausbildung der Lehrkräfte an. Außerdem wäre es von großem Vorteil, wenn wir uns auf bestimmte Konzepte einigen könnten, mit denen Fähigkeiten vermittelt werden sollen. Brauchen wir wirklich von Flensburg bis Oberammergau unzählige unterschiedliche Ansätze, wie wir den Kindern das Alphabet beibringen? Oder können wir das nicht ein Stück weit vereinfachen? Die frei gewordenen Ressourcen könnte man dann in die entsprechende Qualifizierung von Lehrkräften und des außerschulischen Personals stecken.
Sie betonen gern, dass Schule immer auch ein Teil der Gesellschaft ist. Beide sind aufeinander angewiesen. Wie können wir alle die Schule stärken?
Wir sollten der Schule vor allem nicht das abverlangen, was wir als Gesellschaft oder Familie nicht mehr imstande sind zu leisten – etwa soziale Benachteiligung auszugleichen, Integrationsprobleme zu lösen oder instabile familiäre Situationen aufzufangen. Zumal wir gleichzeitig die Ressourcen und die Rahmenbedingungen, die Schule dafür bräuchte, nicht zur Verfügung stellen. Wenn wir das beherzigen und die Anspruchshaltung gegenüber der Schule auf ein gesundes Maß reduzieren, könnten wir allen Schulen und Lehrkräften dieses Landes einen ganz großen Dienst erweisen.
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