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Schwäbische Alb: Waren die ältesten Kunstwerke Europas beschriftet?

Kreuze, Punkte, Striche: Die 43 000 Jahre alten Figuren und Flöten aus Höhlen der Schwäbischen Alb sind mit Zeichen verziert. Nur verziert – oder sollten die Zeichen etwas bedeuten?
Eine kleine, steinzeitliche Tierfigur aus Elfenbein, die ein Mammut darstellt, liegt auf einem dunklen Hintergrund. Die Oberfläche der Figur ist mit mehreren eingravierten Linien verziert, die möglicherweise dekorative oder symbolische Bedeutung haben. Die Figur zeigt detaillierte Merkmale des Tieres, wie Kopf, Körper und Beine.
Der Körper dieser gut drei Zentimeter hohen Mammutfigur aus Elfenbein ist übersät mit Kreuzen. Ist das reiner Dekor oder doch eine Zeichenabfolge mit Bedeutung?

Es ist eines der ältesten bekannten Kunstwerke der Welt: eine Mammutfigur, die ein Steinzeitkünstler vor etwa 40 000 Jahren aus Elfenbein geschnitzt hatte. Das Figürchen kam in einer Höhle der Schwäbischen Alb zum Vorschein und ist auf Rücken, Flanken und Bauch mit Kreuzen und Punkten verziert. Die Bedeutung dieser geritzten Zeichen ist nicht geklärt – doch eine neue Analyse der Statuette und Dutzender weiterer Fundstücke aus derselben Region zeigt, dass die Zeichen für ihre Schöpfer womöglich eine Bedeutung hatten.

Die Fachleute analysierten mehr als 3000 Markierungen auf 260 Objekten, darunter auch das kleine Mammut, das in der Vogelherdhöhle auf der Schwäbischen Alb ausgegraben wurde. Wie die Forscher herausfanden, sind die Reihen aus Kreuzen, Strichen und Punkten statistisch gesehen genauso komplex aufgebaut wie die früheste Protokeilschrift, eine Vorform der Schrift, die auf etwa 5500 Jahre alten Tontafeln aus dem alten Mesopotamien überliefert ist.

Die Ergebnisse, die am Montag im Fachblatt »PNAS« erschienen sind, könnten demnach Aufschluss darüber geben, warum Menschen in weit vergangenen Zeiten Kunstwerke geschaffen haben und welchem Zweck solche Objekte dienen sollten.

Symbole, die Muster ergeben

Eine derartige Forschungsarbeit kann »eine Herausforderung« sein, auch weil die alten Zeichen praktisch nicht interpretierbar seien, erklärt Genevieve von Petzinger. Die Paläoanthropologin und Nachwuchsforscherin bei »National Geographic« beschäftigt sich mit dem Ursprung der Schrift, war aber nicht an der neuen Studie beteiligt. In den Symbolen nach Anzeichen für absichtsvolles Vorgehen und nach sich wiederholenden Mustern zu suchen, »sind zwei ausgezeichnete Ansätze, um zumindest versuchsweise zu bestätigen, ob diese Markierungen mehr als nur dekorative Kritzeleien waren«.

Die Studie beruhte auf zahlreichen Objekten der Altsteinzeit, die zwischen 43 000 und 34 000 Jahre alt sind – darunter die genannte Mammutfigur, der rätselhafte Löwenmensch aus dem Hohlenstein-Stadel, Knochen- und Elfenbeinflöten bis hin zu weniger bekannten Werkzeugen, erklärt Ewa Dutkiewicz vom Museum für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin. Viele der Stücke sind mit Kreuz-, Strich- und Punktreihen bedeckt, aber warum, war bislang ein Rätsel. Handelte es sich um reine Verzierungen, Listen erbeuteter Tiere oder etwas ganz anderes?

Punkte | Der sogenannte Adorant aus der Höhle Geißenklösterle ist ungefähr 38 000 Jahre alt. Für Markierungen wie die Punktreihen auf der Rückseite des Elfenbeinplättchens lässt sich das Maß der Informationsdichte berechnen und mit bekannten Schriftsystemen vergleichen.

Dutkiewicz arbeitete mit dem Linguisten Christian Bentz zusammen, der an der Universität des Saarlandes über Sprachgeschichte forscht. Gemeinsam digitalisierten sie die Zeichenabfolgen auf den Steinzeitstücken und verglichen deren Eigenschaften – beispielsweise wie verschiedenartig die Zeichen gestaltet sind oder wie sie sich wiederholen – mit denen anderer, jüngerer Zeichensysteme, darunter auch moderner Schrift.

Mit heutiger Schrift, die gesprochene Sprache abbildet, hätten die Kreuze, Striche und Punkte jedoch nichts gemein. Als Bentz die Ritzungen aber mit der frühen Protokeilschrift verglich, waren die statistischen Ähnlichkeiten unverkennbar, sagt Bentz. »Ich konnte es kaum glauben. Ich habe die Daten immer wieder überprüft«, berichtet der Linguist. Die steinzeitlichen Zeichen und die Protokeilschrift scheinen ähnlich komplex gestaltet zu sein, obwohl sie mehrere Zehntausend Jahre und eine beträchtliche Distanz auseinanderliegen.

Wo stehen Kreuze, wo Punkte?

Wie die Forscher an den 260 untersuchten Objekten feststellten, ist bei den Zeichen auf den Elfenbeinfiguren die Informationsdichte höher als bei jenen auf den Werkzeugen. Auch fiel ihnen auf, dass Kreuze praktisch nie auf Figuren vorkommen, die Menschen darstellen, sondern nur auf Tierbildern und Werkzeugen. Hingegen schabten die Künstler Punkte am häufigsten in menschliche Statuetten und auch in Tierfiguren, aber nie in Werkzeuge. Das legt nahe, dass die Zeichen für die Steinzeitmenschen, die sie anbrachten, eine symbolische Bedeutung gehabt haben müssen, sagt Bentz.

»Ihre Anordnung deutet auf die Übermittlung komplexerer Ideen hin«, ergänzt von Petzinger. Und ihre Bedeutung zu entschlüsseln, sei eine außerordentlich schwierige, wenn nicht gar unmögliche Aufgabe. Doch die Methoden von Bentz und Dutkiewicz könnten anderen Forschern helfen, die Bedeutung ähnlicher Zeichen auf anderen archäologischen Funden aus anderen Teilen der Welt zu analysieren – auch wenn sie diese nicht lesen können.

»Je mehr wir über die Auswahl von ›Schreibflächen‹ und die Wahl bestimmter Bilder und Zeichen wissen«, so von Petzinger, »desto besser können wir die Phase verstehen, aus der später die [Schrift] hervorgegangen ist.«

  • Quellen
Bentz, C., Dutkiewicz, E., PNAS 10.1073/pnas.2520385123, 2026

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