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Medizingeschichte: Schwindsucht im Sattel

Sie genießen wahrlich keinen guten Ruf: Tod und Vernichtung sollen die "wilden Horden" aus dem Osten über Europa gebracht haben. Doch jetzt werden Dschingis Khan und seine Mongolen einer weiteren ruchlosen Tat bezichtigt - der Ausbreitung der Tuberkulose.
Dschingis Khan
Nowgorod, im Jahre 1223: "In dem Jahr kamen um unserer Sünden willen unbekannte Volksstämme, von denen niemand genau weiß, wer sie sind und woher sie kamen." In der Tat müssen die mongolischen Reiterscharen, die 1223 – wie in der Nowgoroder Chronik eindrücklich geschildert – ein zahlenmäßig weit überlegenes russisches Heer vernichtet haben und damit erstmals europäischen Boden betraten, wie eine "Geißel Gottes" aus dem Nichts aufgetaucht und zugeschlagen haben.

Nur wenige Jahre zuvor, 1206, hatte ein eher unbedeutender Häuptling namens Temüdschin die zerstrittenen mongolischen Stämme geeint, um anschließend unter den Namen Dschingis Khan ein Weltreich zu erobern, das doppelt so groß wie die heutige USA werden sollte. Zunächst schickte er seine Reiter nach China, später kam das ferne Europa an die Reihe. 1241, nach dem Tod seines Sohns Ögödei Khan, endete der Spuk für die Europäer genauso plötzlich wie er begonnen hatte.

Dschingis Khan | Trug er zur weltweiten Verbreitung der Tuberkulose bei?
Der mongolische Eroberer Dschingis Khan (1162-1227)
Der mittelalterliche Mongolensturm hat sich tief in das Gedächtnis der Völker eingebrannt. Das Bild Dschingis Khans als blutrünstiger Schlächter wird vermutlich der historischen Wahrheit kaum gerecht, und seine Reiterscharen sollten nicht für alle Übel der Welt verantwortlich gemacht werden. Doch wenn es nach Igor Mokrousov geht, dann könnten die Mongolen zumindest eine Mitschuld daran tragen, dass sich eine Geißel der Menschheit ausbreitete: Tuberkulose.

Zusammen mit seinen Kollegen versuchte der russische Mikrobiologe vom St. Petersburger Pasteur-Institut die Geschichte der Schwindsucht zu rekonstruieren. Hierzu verglichen die Forscher die genetischen Profile eines bestimmten Stamms des Tuberkel-Bakteriums, dem so genannten Peking-Genotyp, mit Variationen im menschlichen Y-Chromosom. Denn seltsamerweise zeigt Mycobacterium tuberculosis, dem Jahr für Jahr heute noch schätzungsweise zwei Millionen Menschen zum Opfer fallen, eine geschlechtliche Vorliebe: Etwa siebzig Prozent der Tuberkulose-Patienten sind männlich. Y-Chromosom und Tuberkulose-Erreger werden also – grob gesprochen – durch Männer verbreitet und sollten daher ein vergleichbares genetisches Schicksale teilen.

Tatsächlich konnten die Forscher die Spur des Tuberkels weit zurückverfolgen: Vor schätzungsweise 40 000 bis 30 000 Jahren tauchte in Zentralasien eine Homo-sapiens-Population auf, in deren Y-Chromosom sich der so genannte K-M9-Polymorphismus widerspiegelt. Vermutlich hat sich bei ihnen schon Mycobacterium tuberculosis wohl gefühlt.

Zusammen mit seinem menschlichen Wirt wanderte der Keim vor 30 000 bis 20 000 Jahren nach Nordosten Richtung Sibirien und breitete sich vor 10 000 bis 4000 Jahren über ganz Ostasien aus. Vor etwa 800 Jahren – als Dschingis Khan seinen Blick gen Westen richtete – tauchte der Peking-Genotyp des Bakteriums in Europa auf. Innerhalb der letzten 300 Jahre erreichte er schließlich auch Südafrika – vermutlich im Reisegepäck chinesischer und indonesischer Seefahrer.

Ob Dschingis Khan tatsächlich die weltweite Verbreitung der Schwindsucht gefördert hat, sei dahingestellt. Eine besondere biologische Bedeutung wird dem Mongolenfürst jedoch nicht abgesprochen: Während seiner Eroberungszüge soll er so viele Kinder gezeugt haben, dass sich mindestens acht Prozent der männlichen Bevölkerung zwischen Pazifischen Ozean und Kaspischen Meer als seine direkten Nachkommen sehen können.

Er selbst starb übrigens weder an Tuberkulose noch im Schlachtengetümmel, sondern erlag 1227 einem kleinem Mißgeschick: Bei der Jagd fiel der große Herrscher vom Pferd.

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