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Paläontologie: Seeräuber mit Giraffenhals

Über 200 Millionen Jahre währte die Dynastie der Reptilien, bevor ihr großes Zeitalter am Ende der Kreide jäh erlosch. Zu diesen altertümlichen Wirbeltieren gesellt sich nun eine weitere Kreatur, die mit außergewöhnlichen Körperproportionen die Gewässer durchstreifte.
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Als Tanystropheus longobardicus in den 1850er Jahren in Europa entdeckt wurde, warfen seine sterblichen Überreste derart viele Fragen auf, dass sie ihm bald den unrühmlichen Titel "biomechanischer Albtraum" eintrugen. Denn der Angehörige der Protorosauria – einer Gruppe von diversen Räubern, die bereits vor 280 Millionen Jahren lebten – verblüffte mit einem "Giraffenhals" aus zwölf extrem verlängerten Wirbeln, der die Rumpflänge etwa um das Zweifache übertrumpfte. Seine genaue Funktion? Bislang vermochten Wissenschaftler sie nicht zu ergründen. Vor Jahren folgerten sie schließlich, dass es sich wohl eher um die Konsequenz von Wachstumsmustern als um eine spezielle Anpassung handelte.

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Fossilien von Dinocephalosaurus orientalis | Von der Existenz des langhalsigen Reptils Dinocephalosaurus orientalis zeugen ein nahezu vollständig erhaltenes Skelett (großes Foto) sowie ein isolierter Schädel (Foto links unten). Die Struktur der hinteren Gliedmaße (Foto rechts oben) deutet auf eine aquatische Lebensweise hin.
Neue sachdienliche Hinweise liefern nun die Fossilien einer ebenfalls zu den Protorosauria zählenden Kreatur, die vor über 230 Millionen Jahren existierte: Dinocephalosaurus orientalis, was übersetzt "schrecklich-köpfige Echse aus dem Orient" bedeutet. Bereits im Herbst 2002 spürten Forscher um Chun Li von der chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking im heutigen Südosten Chinas einen isolierten 23,5 Zentimeter langen Schädel des Reptils auf, in dessen oberem Kiefer noch drei Reißzähne steckten. Später im Jahr bargen sie dann im selben Kalkstein mariner Entstehung ein nahezu vollständig erhaltenes Skelett.

Mit relativ kurzen, breiten Gliedern aus wenigen Knochen scheint die Echse optimal für das Leben im Wasser konstruiert gewesen zu sein, doch zur Eiablage hat sie sich vielleicht an Land gewagt. Ihr herausragendes Kennzeichen: Der 15,5 Zentimeter kleine Schädel zierte einen extrem gestreckten, steifen Hals, der mit 1,7 Meter Länge den weniger als einen Meter langen Rumpf nahezu um das Doppelte übertraf – wie bei T. longobardicus.

Im Gegensatz zu diesem bestand der Hals von D. orientalis aber aus 25 Wirbeln, deren Zwischenräume verlängerte, rippenähnliche Knochen überbrückten und die Bewegungen des Halses einschränkten.

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Dinocephalosaurus orientalis | Vor über 230 Millionen Jahren jagte der Meeresräuber Dinocephalosaurus orientalis vermutlich Fische und andere aquatische Beutetiere. Sein relativ steifer, 1,7 Meter langer Hals übertraf seinen Rumpf nahezu um die zweifache Länge.
Da die beiden Lebewesen nicht eng miteinander verwandt sind, muss sich der ausgedehnte Hals zweimal unabhängig innerhalb der Protorosauria entwickelt haben. Wahrscheinlich spielte er bei der neuen Kreatur eine funktionelle Rolle, spekulieren die Wissenschaftler. Um zu atmen, richtete das Tier seinen Hals vermutlich parallel zur Wasseroberfläche aus. Hätte er tiefer im Wasser gestanden und seinen Kopf und Hals beim Luftschnappen senkrecht nach oben strecken müssen, hätte der Druck des umgebenden Mediums das Aufblähen der Lungen verhindert.

Und auch bei der Jagd in seichten, küstennahen Gewässern sollte sich der "Auswuchs" als hilfreiches Instrument erwiesen haben: Denn mit dem langen, schlanken Hals sowie dem kleinen Kopf vermochte sich der Räuber heimlich nahe an Fische oder andere aquatische Beutetiere wie Tintenfische heranzuschleichen und auf sie zu stürzen, bevor seine volle Silhouette die anvisierte Mahlzeit verscheuchte.

Zusätzlich ist D. orientalis womöglich mit einer sehr effektiven Methode auf die Jagd gegangen: Kontrahierte er seine Halsmuskeln, so hätten sich der Hals schnell "begradigt" und die Halsrippen gleichzeitig nach außen gespreizt. Das vergrößerte Rachenvolumen könnte einen Sog erzeugt haben, sodass die Echse die eigene Druckwelle verschlucken konnte, die ihr Kopf beim Vorpreschen durch das Wasser erzeugte – eine Welle, die das Beutetier als frühes Alarmsignal vor einem sich anpirschenden Jäger gewarnt hätte. Fing der Angreifer sie selber auf, könnte er nahezu perfekte Anschläge auf ahnungslose Opfer ausgeführt haben.

"Die ungewöhnliche Halsmorphologie von Dinocephalosaurus mag ihm die Futteraufnahme durch Ansaugen erlaubt haben – eine Ernährungsart, die von fossilen aquatischen Reptilien zuvor unbekannt war", betont Michael LaBarbera aus dem Forscherteam. Das Rätsel um den seltsamen Hals scheint damit endgültig geknackt.

Und der Vergleich der jüngst entdeckten Kreatur mit den berühmten langhalsigen Echsen und Tanystropheus liefert nicht nur neue Einblicke in die Jagdstrategien der Protorosauria, sondern auch in ihre Evolution und Vielfalt während der Trias.
24.09.2004

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 24.09.2004

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