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News: Sehen heißt nicht wahrnehmen

Irgendwann hilft selbst das Augen zusammenkneifen nicht mehr: Zwei Linien sind einfach zu nahe beieinander, als dass man sie noch einzeln wahrnehmen könnte - sie liegen unterhalb der Grenze des Auflösungsvermögens. Doch es ist nicht allein die Netzhaut dafür verantwortlich, was wir im Einzelnen noch erkennen können und was nicht mehr. Offenbar hat auch der visuelle Cortex, der die eintreffenden Signale verarbeitet, noch ein Wörtchen mitzureden.
Wir haben keine Adleraugen. Wenn feine Strukturen zu eng nebeneinander liegen, können wir sie mit unserem Sehsinn nicht mehr auflösen und erkennen nur noch ein verwischtes Bild. Bisher gingen Wissenschaftler davon aus, dass die Netzhaut die Grenze unseres Auflösungsvermögens bestimmt: Was sie nicht mehr weitergeben kann, können wir nicht mehr bewusst auseinanderhalten.

Doch Sheng He von der University of Minnesota und Donald MacLeod von der University of California in San Diego kommen zu einem anderen Schluss. Sie projizierten ihren Versuchspersonen mehrere Sekunden lang mit einem Laser verschiedene Streifenmuster direkt auf die Netzhaut, die entweder vertikal oder horizontal orientiert waren. Nach einer kurzen Pause präsentierten sie ihnen entweder dasselbe Muster oder das dazu senkrecht orientierte. Erwartungsgemäß erkannten die Probanden die Ausrichtung des zweiten Musters besser, wenn es die andere Richtung aufwies. Das ist ein altbekannter Effekt: Die Neuronen im visuellen Cortex sind jeweils für eine Ausrichtung verantwortlich. Mussten sie aufgrund des ersten Bildes feuern, sind sie zunächst "erschöpft" und können daher nicht so schnell wieder reagieren wie ihre Nachbarn, die auf eine andere Orientierung antworten.

Interessant wurde es jedoch, als He und MacLeod im ersten Bild Muster präsentierten, die knapp unterhalb der Auflösungsgrenze lagen. Die Versuchspersonen konnten nur eine verschwommene Aufnahme wahrnehmen, ohne zu erkennen, in welcher Richtung die Linien orientiert waren. Auf dem zweiten Bild waren die Streifen hingegen wieder eindeutig zu unterscheiden. Doch die Nervenzellen im visuellen Cortex registrierten ganz spezifisch, was das Bewusstsein der Personen nicht melden konnte: Je nachdem, welche Ausrichtung die Linien in den Mustern des ersten Bildes hatten, reagierten sie beim zweiten Bild entweder verzögert oder nicht. Sie waren also durchaus in der Lage, die feinen Striche zu unterscheiden – gaben die Information aber offenbar nicht an das Bewusstsein weiter.

Andere Wissenschaftler vermuten schon seit längerem, dass Menschen optische Informationen erst richtig wahrnehmen können, wenn diese den frontalen Cortex erreicht haben. Die Ergebnisse des Experiments unterstützen diese Annahme. Das Verschwimmen der Linien geschieht demnach nicht durch eine physikalische Grenze auf der Netzhaut, sondern bei der Informationsverarbeitung im Gehirn. Oder, wie He es formuliert: "Ihr visueller Cortex sagt Ihnen nicht alles."

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  • Quellen
Nature 411: 473–476 (2001)

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