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Verhaltensforschung: Sehen oder nicht sehen

Beim Stehlen gilt es auf der Hut zu sein, um nicht ertappt zu werden. Auch Rhesusaffen beherzigen offenbar diese Vorsichtsmaßnahme: Sie betätigen sich nur als Diebe, wenn ihr Gegenüber die begehrte Leckerei nicht im Blick hat.
<i>Macaca mulatta</i>
Sich zu erschließen, was andere denken, wünschen und sehen, ist eine herausragende kognitive Fähigkeit des Menschen. Inwiefern Homo sapiens diese Leistung mit seinen Verwandten teilt, blieb indes jahrzehntelang schleierhaft. Rhesusaffen (Macaca mulatta) und weitere Primaten vermögen lediglich dem Blick von anderen zu folgen, legten frühere Studien nahe. Typischerweise versagten die Tiere aber, sobald sie in Versuchen vermuten sollten, was andere Individuen von ihren jeweiligen Standpunkten aus sehen könnten. In einem berühmten Fall erwiesen sich Rhesusaffen als unfähig, Futter an einem verborgenen Ort aufzuspüren – selbst wenn der menschliche Experimentator bevorzugt das Versteck anvisierte.

Doch offenbar wurden die wahren Fähigkeiten der Rhesusaffen bisher unterschätzt, deckten Jonathan Flombaum und Laurie Santos von der Yale-Universität auf. Im Brennpunkt ihrer Forschungsarbeit standen Rhesusaffen mit freiem Auslauf auf der Insel Cayo Santiago in Puerto Rico. Die Angehörigen dieser Population sind von Natur aus neugierig auf die Nahrungsmittel, welche die Menschen auf das Eiland bringen. Gelegentlich versuchen die Tiere sogar, die Leckereien zu entwenden, obwohl sie ein wenig ängstlich sind, sich Menschen zu nähern.

Macaca mulatta | Rhesusaffen (Macaca mulatta) betätigen sich nur als Diebe, wenn Konkurrenten die begehrten Leckereien nicht im Blick haben. Offenbar können die Tiere folgern, was andere sehen und wissen – allein basierend auf der Wahrnehmung, wohin diese Individuen schauen.
Die Wissenschaftler entwarfen sechs raffinierte Experimente um zu überprüfen, inwieweit die Affen berücksichtigen, was ein Konkurrent möglicherweise sehen oder nicht sehen könnte. In jedem Versuch bot sich den einzelnen Probandenaffen die Möglichkeit, Weintrauben zu entwenden. Die Früchte befanden sich jeweils auf einer Plattform zu Füßen von zwei menschlichen Experimentatoren. Diese beiden unterschieden sich dabei – im ersten Versuch – in ihrer Körperausrichtung zum Affen: Während der eine sich mit dem Gesicht den Weintrauben und dem Tier zuwandte, kehrte der andere beidem den Rücken zu.

Sollten die Affen nur motiviert zum Diebstahl sein, wenn sie dabei nicht entdeckt würden? Offenbar: Verlässlich näherten sie sich jenen Früchten, die der Besitzer nicht im Blick hatte. Demnach vermögen die Tiere Unterschiede in der Position Anderer zu berücksichtigen, bevor sie zur Tat schreiten.

Vielleicht meiden die äffischen Probanden generell ihnen zugewandte Experimentatoren? Um dies zu überprüfen, ersannen die Forscher einen zweiten Versuch: Dieses Mal richteten sich die menschlichen Mitstreiter in einem Winkel von 90 Grad zu den Affen aus. Wiederum lagen die Weintrauben entweder vor oder hinter dem Besitzer. Obwohl die Tiere nur das Profil ihres Gegenübers wahrnehmen konnten, bevorzugten sie erneut jenen Konkurrenten, der seinen Früchten den Rücken zuwandte.

Und wie die nächsten beiden Experimente offenbarten, berücksichtigen die Affen sogar noch scharfsinnigere Hinweise auf ihren Diebestouren. So erbeuteten sie vorzugsweise die Weintrauben von Menschen, die nur ihren Kopf um 90 Grad zur Seite gedreht hatten. Oder deren Augen allein um 45 Grad zur Seite orientiert waren. Die stets präsente zweite Person, deren ganzer Körper frontal zum Tier ausgerichtet war, ließen sie indes links liegen. Somit vermögen die Tiere spontan und erfolgreich Informationen über die Blickrichtung ihres Gegenübers in ihre Entscheidung enzuarbeiten, welchem Beutegut sie sich ungestört nähern können.

In den beiden letzten Versuchen erkundeten die Forscher, ob die Affen auch Barrieren berücksichtigen können, die das Sichtfeld der traubenanbietenden Experimentatoren auf die eine oder andere Weise blockieren – oder eben nicht. Dabei kamen jeweils 20 mal 80 Zentimeter große, undurchsichtige Pappstücke zum Einsatz: Während ein Experimentator den Karton waagerecht vor seinem Oberkörper platzierte, hielt der andere ihn senkrecht vor sein Gesicht. Gezielt schlichen sich die Versuchstiere nun an die Weintrauben heran, die zu Füßen der sichtblockierten Personen lagen. Häufiger bestahlen sie auch jene menschlichen Konkurrenten, die mit einem kleineren Kartonstück ihre Augen verdeckten – Personen mit der gleichen Pappe vorm Mund wurden dagegen selten zu Diebstahlsopfern.

Wie die Versuchsergebnisse enthüllen, bevorzugen die Rhesusaffen es, Futter von einem Menschen zu entwenden, der sie nicht sehen kann. Und dabei wissen sie zudem anscheinend genau, wie das Verdecken oder Abwenden der Augen jemanden "blind" macht. Folglich sind sie selbst ohne jegliches Training in der Lage, die visuelle Perspektive von anderen bei ihrer Entscheidung zu berücksichtigen, wem sie Nahrung stehlen.

Rhesusaffen vermögen also wesentlich mehr, als nur dem Blick von anderen zu folgen. Sie können auch folgern, was diese sehen und wissen – allein basierend auf ihrer Wahrnehmung, wohin die Individuen schauen, betonen die Forscher. Vielleicht also, so legen die Daten nahe, entstand unsere eigene Fähigkeit, die Gedanken anderer von deren Augen abzulesen, in der Evolution doch früher als gedacht.

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