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Psychologie: Sehen wir unsere Zukunft durch die rosarote Brille?

Seit Langem vermuteten Forscher, dass wir bei der Einschätzung persönlicher Risiken zu unrealistischem Optimismus neigen. Nun melden britische Wissenschaftler Zweifel an.
Rosarote Brille

In den vergangenen Jahren fanden zahlreiche Studien Hinweise darauf, dass wir tendenziell eher übertrieben optimistisch in unsere eigene Zukunft blicken: So schätzen wir etwa unser persönliches Risiko, durch Rauchen an Lungenkrebs zu erkranken, in aller Regel niedriger ein als das von Ärzten ermittelte, durchschnittliche Risiko, selbst wenn uns diese Zahl wohl bekannt ist. Und umgekehrt glauben wir auch, dass uns positive Dinge im Leben eher passieren, als die Wahrscheinlichkeitsrechnung eigentlich vorgibt. Wissenschaftler bezeichnen dieses Phänomen als unrealistischen Optimismus oder als optimistischen Fehlschluss (englisch: optimism bias). Ein Team um Adam Harris vom University College London meldet nun allerdings Zweifel an dieser These an. Sie vermuten: Dass Forscher glauben, wir würden unsere Zukunft stets durch die rosarote Brille sehen, könnte eher methodischen Fehlern im Studiendesign als handfesten Tatsachen geschuldet sein.

Harris und seine Kollegen nahmen dabei vor allem die so genannte Update-Methode genauer unter die Lupe, mit denen Forscher zuletzt häufig die Einstellungen ihrer Probanden abklopften. Dabei werden die Versuchsteilnehmer in aller Regel gebeten einzuschätzen, wie hoch ihr persönliches Risiko für verschiedene schlimme Ereignisse ist. Anschließend präsentieren die Wissenschaftler ihnen Durchschnittswerte für die Bevölkerung und bitten sie, ihre persönliche Schätzung noch einmal vor dem Hinblick dieser Information anzupassen. Zeigen diese Durchschnittswerte ein geringeres Risiko an, als die Probanden eigentlich angenommen haben, passen sie die Risikoeinschätzung insgesamt stärker den neuen, positiveren Gegebenheiten an, als sie es im umgekehrten Fall bei einem höheren Risiko tun. Dies offenbarten viele Untersuchungen – was Wissenschaftler als Beleg für eine gewisse optimistische Verzerrung werteten.

Die Autoren des aktuellen Papers bemängeln allerdings, dass dabei meist vergessen wurde, den Test auch mit schönen Ereignissen zu wiederholen – und dass die Wahrscheinlichkeiten für Negativerlebnisse oft so gering sind, dass sich schon durch die kleinen Zahlenwerte je nach Bewertungsskala statistische Verzerrungen ergeben können. Harris und sein Team wiederholten die Versuche daher unter entsprechend korrigierten Bedingungen – und siehe da: Die optimistische Verzerrung verschwand! So passten die Probanden bei positiven Erlebnissen ihre Einschätzung etwa plötzlich stärker in die negative Richtung an – man könnte also sagen, sie legten auf einmal einen unrealistischen Pessimismus an den Tag.

Außerdem, argumentieren die Forscher, würde die Update-Methode etwa außer Acht lassen, dass die meisten Menschen Risiken anhand einer Vielzahl an Faktoren kalkulieren. So bezieht jemand, der sich über sein persönliches Krebsrisiko Gedanken macht, nicht nur das Durchschnittsrisiko in der Bevölkerung mit ein, sondern auch seine Ernährungs- und Sportgewohnheiten, seine Familienvorgeschichte und so weiter. Um zu erfassen, wie optimistisch oder pessimistisch jemand an die Sache herangeht, müssten Forscher genau genommen also zuerst wissen, von welchem Durchschnittswert ihre Probanden überhaupt am Anfang ausgingen.

Es gebe hinreichend Belege für optimistische Verzerrungen in der realen Welt, sagt Studienautor Punit Shah vom King’s College in London, etwa wenn Fußballfans grundsätzlich daran glauben würden, dass ihre Mannschaft gewinnt. Das bedeute aber nur, dass manche Menschen eben in manchen Situationen optimistischer sind, nicht aber, dass unrealistischer Optimismus eine grundlegende Eigenschaft aller Menschen ist. Um das zu untersuchen, bräuchte man künftig bessere und sauberere Studien.

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