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Depressionen: Wenn Erfolge nicht zählen

Depressive Menschen halten sich oft für Versager – auch wenn sie gut in einer Aufgabe sind. Eine neue Studie zeigt, warum sich das negative Selbstbild so hartnäckig hält.
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Dass Depressionen oft mit einem negativen Selbstbild einhergehen, ist seit Langem bekannt. Betroffene haben häufig das Gefühl, im Leben zu versagen, was zu Traurigkeit und sozialem Rückzug führt. Doch wie genau entstehen und verfestigen sich diese ungünstigen Überzeugungen? Das hat ein Forschungsteam um den Psychologen Sebastian Meyerhöfer von der Universität Kaiserslautern-Landau untersucht.

Frühere Untersuchungen hatten bereits gezeigt, dass depressive Menschen negative Erwartungen – etwa die Annahme, in Leistungssituationen zu scheitern – nur schwer aufgeben. Die Forschenden baten 391 Personen, eine Serie von Aufgaben am Computer zu absolvieren. Die Teilnehmenden waren überwiegend Studierende, rund die Hälfte von ihnen zeigten erhöhte depressive Symptome.

In jedem Durchgang mussten die Probandinnen und Probanden zunächst angeben, wie gut sie ihrer Meinung nach in einem bevorstehenden »Empathie-Test« abschneiden würden. Darin sollten sie die Gefühle anderer Menschen anhand kurzer Situationsbeschreibungen einschätzen. Anschließend erhielten sie eine manipulierte Rückmeldung, die ihnen entweder ein besseres oder ein schlechteres Ergebnis bescheinigte als erwartet.

Bei manchen Teilnehmenden blieb die Tendenz des Feedbacks konstant, etwa durchgehend positiv oder negativ. Bei anderen schlug sie nach einer Weile ins Gegenteil um. So ließ sich beobachten, wie sich Erwartungen in Echtzeit bildeten und veränderten. Tatsächlich passten Personen mit stärker ausgeprägten depressiven Symptomen ihre negativen Erwartungen weniger deutlich nach oben an, nachdem sie positives Feedback erhielten. Bekamen sie dagegen ein schlechteres Feedback als erwartet, änderte sich ihr Urteil ähnlich wie bei den nicht depressiven Teilnehmenden.

Depressivität gehe demnach weniger mit übermäßiger Empfänglichkeit für Negatives einher, sondern vor allem mit einer verringerten Offenheit für positive Informationen, schlussfolgert das Forscherteam. Menschen mit depressiver Symptomatik »immunisieren« ihr negatives Selbstbild gewissermaßen gegen Erfahrungen, die dem widersprechen. So können sich ungünstige Denk- und Gefühlsmuster hartnäckig halten.

Das hat vielleicht auch Konsequenzen für die Psychotherapie bei Depressionen. In der kognitiven Verhaltenstherapie ist es Standard, dass die Betroffenen an ihrem negativen Selbstbild arbeiten. Möglicherweise profitieren sie am meisten davon, wenn sie lernen, positive Rückmeldungen besser anzunehmen, so die Forschenden. Dies müsse aber in weiteren Studien überprüft werden, in denen auch Menschen mit einer tatsächlich diagnostizierten Depression untersucht werden.

  • Quellen
Meyerhöfer, S. et al., Clinical Psychological Science 10.1177/21677026251375886, 2025

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