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News: Selbstlosigkeit gewinnt

Wie haben sich Moralität, Altruismus und Kooperation aus dem egoistischen Darwinschen "Kampf ums Überleben" entwickelt? Der Widerspruch ist gelöst, wenn man einen Weg findet, bei dem der Lohn der Kooperation die ursprünglich uneigennützigen Aufwendungen überwiegt. Evolutionstheoretiker haben mit der 'Spieltheorie' einen Zweig der Mathematik entwickelt, in dem spielähnliche Modelle entworfen werden, um Varianten der kooperativen Strategie zu testen. Ein neuer Bereich der Spieltheorie verleiht jetzt den Modellen über die Entwicklung des menschlichen Sozialverhaltens neuen Realismus.
Martin A. Nowak vom Institute for Advanced Study in Princeton, New Jersey und Karl Sigmund von der Universität Wien beschreiben in einem Artikel in Nature (Ausgabe vom 11. Juni 1998) diesen neuen Aspekt der Spieltheorie.

Die meisten Spieltheorie-Modelle der Kooperation umfassen "direkte Reziprozität": Die Spieler haben eine Chance, auf den Altruismus eines Mitspielers zu reagieren (oder nicht), indem sie sich im weiteren Spielverlauf kooperativ verhalten oder aber nicht.

Nowak und Sigmund zeigen jedoch, daß Kooperation auch dann etabliert werden kann, wenn der Empfänger einer selbstlosen Handlung keine Chance hat, sich dem Geber direkt erkenntlich zu zeigen, solange beide Spieler noch am Leben sind. Wie kann das sein?

Die Schlüsselfunktion ist das Ansehen oder "Image" der Spieler. Im Computermodell sammeln die Spieler jedesmal, wenn sie eine positive Handlung durchführen, Punkte ("Image"-Punkte) und verlieren Punkte, wenn ihr Verhalten als negativ anzusehen ist. Die Spieler erhalten eine Chance, die Image-Punktzahl, die jeder andere Spieler besitzt, zu bewerten und im weiteren Spielverlauf entsprechend zu reagieren.

Auf diese Weise haben altruistische Spieler eine größere Chance, den Lohn ihres Verhaltens später zu ernten, sogar wenn die Gebenden Spieler sind, mit denen sie bisher noch nichts zu tun hatten. Diese "indirekte Reziprozität" ist stabil in Modellen, in denen Spieler immer mit Spielern kooperieren, deren Image-Punktzahl positiv ist.

Noch interessantere Ergebnisse stammen aus Varianten des Spiels, in denen die Spieler nicht immer die Image-Punktzahl der anderen Spieler kennen und in dem Spieler mit einer niedrigen Image-Punktzahl versuchen, sie durch wahllose Kooperation zu erhöhen. In diesem Szenario ist das nahezu unvermeidliche Ergebnis wiederholter Spielrunden eine höchst kooperative Spieler-"Gesellschaft". Andererseits gibt es bei Szenarien, in denen die Spieler nur auf ihr eigenes Image achten und nicht die Image-Punktzahlen der anderen in Erwägung ziehen, selten eine kooperatives Verhalten – wenn überhaupt.

Hat diese Geschichte eine Moral – sozusagen eine Moral über die Moral? Die menschliche Gesellschaft würde schnell zusammenbrechen, wenn wir nicht in der Lage wären, entsprechend unserer Einschätzung der Motive anderer Menschen zu handeln und zu beurteilen, was andere Leute über uns denken. "Die Notwendigkeit, dauernd den Status aller Mitglieder unserer Gemeinschaft zu bewerten und unseren eigenen zu stärken, war wahrscheinlich eine wichtige Kraft bei der Bildung unserer Intelligenz", vermuten Nowak und Sigmund. Das Prinzip der indirekten Reziprozität scheint für dieses Konzept der sozialen Evolution entscheidend zu sein, da es die dauernde Bewertung und Neubewertung von Menschen in der sozialen Gruppe umfaßt.

Es setzt jedoch auch eine gewisse Kultiviertheit der Spieler voraus und ist leicht durch Planung, Voraussicht, Manipulation und Täuschung zu beeinflussen. Den letzten beiden Punkte haftet der Geruch des Menschlichen an.

Siehe auch

  • Spektrum der Wissenschaft 8/95, Seite 46
    "Tit for Tat, das Einmaleins des Miteinander"
  • Spektrum der Wissenschaft 5/92, Seite 30
    "Tit for Tat, Großmut zahlt sich letzlich aus"

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