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Jugendpsychiatrie: »Selbstverletzung ist ein Hilferuf«

Was treibt Jugendliche dazu an, sich absichtlich selbst zu verletzen? Und wie sollten Eltern darauf reagieren? Rat und Antwort weiß Franz Resch, ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Uniklinikum Heidelberg, die eine Spezialambulanz für Betroffene anbietet.
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Spektrum: Herr Professor Resch, mindestens jeder zehnte Jugendliche in Deutschland verletzt sich nach eigenen Angaben wiederholt selbst. Studien haben in den vergangenen Jahren eine Zunahme beobachtet. Woran liegt das?

Franz Resch: Ein Grund liegt aus meiner Sicht in unserer gegenwärtigen Kultur, die den Körper zunehmend zum Instrument macht. Das geht vom Extremsport bis zum Piercing und Tätowieren. Der Körper wird zu einer Spiegelfläche, an der man alles Mögliche vollzieht. In den Zusammenhang passen auch die Selbstverletzungen.

Welche Rolle spielen die sozialen Medien dabei?

Viele Jugendliche glauben, durch diese Medien am Puls der Zeit, ständig mit anderen Menschen verbunden zu sein. Das ist aber eine Illusion, denn die digitalen Freunde sind ja keine wirklichen Freunde. Ich denke, dass damit einer Vereinsamung Vorschub geleistet werden kann. Andererseits bieten die neuen Medien ein Forum zum Austausch über Selbstverletzungen.

In Ihrem neuen Buch schreiben Sie, dass selbstverletzendes Verhalten ein Akt der Selbstfürsorge sein kann: Es kann kurzfristig innere Spannungen abbauen und sogar das Suizidrisiko mindern. Was bedeutet das für die Eltern – sollen sie ihre Kinder gewähren lassen?

Das ist in der Tat ein Balanceakt. Wenn Eltern zu viel Autorität ausüben, besteht die Gefahr, dass die Jugendlichen dagegenhalten, sich noch mehr verletzen oder sogar einen Suizidversuch unternehmen. Wenn die Eltern aber gar nicht oder kaum reagieren, kann das von den Jugendlichen als mangelnde Fürsorge empfunden werden. Die Selbstverletzung ist ja auch ein Hilferuf: Ich zeige dir, wie schlecht es mir geht. Ganz falsch ist es, die Verletzungen kleinzureden, im Sinne von: »Mit diesen leichten Schnitten kannst du dich eh nicht umbringen.« Eltern sollten ihrem Kind signalisieren: Wir möchten mit dir zusammen einen Weg finden, wie du ohne Verletzungen auskommen kannst. Die Eltern üben ein Stück Kontrolle aus, aber die Kontrolle ist mit einem Beziehungsangebot verknüpft.

Kreisdiagramm: Mehr als jeder vierte Jugendliche betroffenLaden...
Selbstverletzungen von Jugendlichen | Unter mehr als 12 000 repräsentativ ausgewählten Jugendlichen aus 11 europäischen Ländern haben sich nach eigenen Angaben knapp 8 Prozent wiederholt und knapp 20 Prozent gelegentlich bewusst selbst verletzt. Das berichtete ein Forschungsteam, darunter Franz Resch, 2013 auf dem Europäischen Psychiatriekongress. Häufig litten die Betroffenen auch unter Suizidgedanken, Ängsten und Depressionen. Außerdem berichteten sie vermehrt über Vernachlässigung durch die Eltern und Ablehnung oder Mobbing seitens Gleichaltriger.

Viele Eltern sind natürlich verstört, wenn sich ihr Kind selbst verletzt. Wie können sie mit ihrer eigenen Hilflosigkeit umgehen?

Sie sollten sich zunächst klarmachen, dass ihr Kind selbst sehr hilflos ist. Es glaubt, den eigenen Körper unter Kontrolle zu haben, wenn es sich Schnitte zufügt, aber das stimmt natürlich nicht, denn es kann seine Impulse in dem Moment nicht kontrollieren. Mit der Selbstverletzung versetzt es seine Umgebung in eine hilflose Lage.

Ist das beabsichtigt?

Zur Selbstverletzung gehört immer ein manipulativer Teil. Die Jugendlichen wollen das Gefühl haben, mächtig zu sein, ihre Umgebung unter Kontrolle zu haben. In der Beratung versuchen wir, den Eltern diesen Mechanismus zu erklären. Das ist für sie sehr entlastend.

Kurz nach der Selbstverletzung fällt bei den Jugendlichen die innere Spannung ab, sie suchen dann nach Nähe und Zuwendung. Wie sollen die Eltern darauf reagieren?

Ganz falsch ist es, sehr viel Zuwendung zu geben und ansonsten nichts zu tun. Eltern können in so einem Moment etwa sagen: »Wir sind froh, dass es vorbei ist und die Wunden verbunden sind, du brauchst jetzt Ruhe. In den nächsten Tagen nehmen wir uns gemeinsam Zeit und besprechen, was passiert ist.« So verlagert man das Gespräch auf einen späteren Zeitpunkt, der nicht unmittelbar auf die Selbstverletzung folgt. Wenn die Eltern sofort mit langen Aussprachen kommen, zieht das Kind unter Umständen den Schluss: Sobald ich mich verletze, werde ich beachtet. Deshalb sollten sich Eltern ihren Kindern unbedingt auch dann zuwenden, wenn sie sich unauffällig verhalten.

»Wegschauen ist niemals gut. Es hat aber auch keinen Sinn, das Kind unter Druck zu setzen«

Ist es sinnvoll, gefährliche Gegenstände wie Messer und Scheren wegzuräumen?

Ja, das ist ein Akt der Fürsorge. Wegschauen ist niemals gut, es kann von den Jugendlichen sogar als Vernachlässigung empfunden werden. Es hat aber auch keinen Sinn, das Kind unter Druck zu setzen oder ihm etwas mit Gewalt wegzunehmen. Besser ist es, das in einem ruhigen Moment zu besprechen und anzukündigen: »Wenn wir als Eltern einen gefährlichen Gegenstand bei dir sehen, nehmen wir ihn dir weg.« Auch hier ist also ein Mittelweg richtig: Eltern müssen reagieren, damit sich das Kind nicht vernachlässigt fühlt, dürfen sich aber auch nicht überkontrollierend verhalten.

Gibt es Vorzeichen, zum Beispiel bestimmte Verhaltensweisen, die einer Selbstverletzung vorausgehen?

Ja, das können zum Beispiel Bemerkungen sein, in denen sich die Jugendlichen selbst abwerten. Auch depressives Verhalten – Müdigkeit, im Bett bleiben, nicht zur Schule gehen wollen – kann ein Warnsignal sein. Nach außen hin tun die Jugendlichen so, als sei alles in Ordnung. Ursache ist unter Umständen Mobbing in der Schule oder Liebeskummer. Dann steigt der innere Druck.

Motive für Selbstverletzungen

Britischen Daten zufolge nimmt sich einer von zehn Menschen, die wegen Selbstverletzungen behandelt werden, im Lauf der nächsten zehn Jahre das Leben. Doch die meisten Selbstverletzungen haben andere Gründe: Ein weiteres britisches Forschungsteam sammelte alle in Studien erfragten und erfassten Motive für Selbstverletzungen, die nicht mit einer Suizidabsicht verbunden waren. Daraus entstand folgende Liste:

  • emotionalen Schmerz oder andere unangenehme Gefühle lindern, unangenehme Erinnerungen verdrängen
  • Aufmerksamkeit bekommen, um Hilfe rufen
  • sich selbst bestrafen
  • Gefühle betäuben (»dissoziieren«)
  • Kontrolle über den Körper oder über Gefühle erlangen
  • sich stark fühlen, sich dem Schmerz gewachsen zeigen
  • ein befriedigendes, angenehmes, warmes Gefühl erzeugen
  • für den Adrenalinkick, sich lebendig fühlen
  • sich von Suizidversuch abhalten, Suizidgedanken stoppen
  • sich vor anderen schützen, sie körperlich abstoßen
  • sich zugehörig fühlen
  • inneren Schmerz ausdrücken
  • experimentieren
  • den eigenen Körper und seine Grenzen spüren
  • sexuelle Anspannung abbauen
  • eine Erinnerung an ein bedeutsames Ereignis schaffen

Manche Jugendliche ritzen sich gemeinsam mit Freunden und stecken sich gegenseitig damit an. Wie sollten sich Eltern verhalten, wenn sie etwas davon mitbekommen?

Sie sollten ihrem Kind klarmachen, dass Ritzen in der Gruppe vielleicht als chic gilt, aber in einen Teufelskreis führen kann, aus dem man schwer wieder herauskommt. Sie können das Kind auf Internetforen hinweisen, die Gefahren aufzeigen und Beratung anbieten. Leider gibt es im Netz auch Seiten, die das Ritzen verherrlichen und die einen großen Reiz auf Jugendliche ausüben. Da geht es um Fragen wie: Wer hat die schlimmsten Verletzungen, wer traut sich mehr? Das kann narzisstische Bedürfnisse ansprechen. Wenn die Eltern das mitbekommen, sollten sie unbedingt dagegenhalten. Sie sollten klarmachen, dass dieser verquere Wettbewerb nicht erstrebenswert ist.

Das könnten die Kinder als Kränkung erleben.

Sicherlich. Trotzdem sind Eltern dafür da, ihre Kinder zu schützen. Wenn die Kinder das von den Eltern nicht annehmen wollen, gibt es in der Familie vielleicht einen Lieblingsonkel oder eine Lieblingstante, von denen sie sich eher etwas sagen lassen.

Sollten Eltern früh therapeutische Hilfe für ihr Kind suchen?

Wenn es nicht bei einem Mal bleibt und das Kind sich wiederholt verletzt, um dadurch innere Spannungen abzuleiten – unbedingt!

Und wenn das Kind keine Therapie möchte?

Dann können zunächst die Eltern allein zur Beratung kommen. Das haben wir in unserer Ambulanz schon häufiger erlebt. Manchmal finden die Kinder aber auf anderen Wegen zu uns, zum Beispiel über Freunde, die sie dazu ermuntern.

Was erwartet die Jugendlichen in der Therapie?

Es gibt verschiedene Ansätze und Programme. Wichtig ist es, die Jugendlichen zu anderen Formen der Selbstregulation anzuleiten. Dabei lernen sie einen so genannten Notfallkoffer kennen, der Alternativen vorschlägt, wenn sie den Drang spüren, sich zu verletzen. Dazu zählt zum Beispiel, in eine Chilischote zu beißen, extrascharfe Hustenbonbons zu lutschen oder einen Eiswürfel auf die Haut zu legen - starke Reize also, die aber keine Verletzungen herbeiführen. Wenn sie sich dadurch weniger häufig oder weniger heftig verletzen, ist schon viel gewonnen.

Die meisten betroffenen Jugendlichen berichten auch von Problemen mit den Eltern. Wie kann man diese in die Therapie einbinden?

Entscheidend ist das gemeinsame Gespräch, moderiert von einer außenstehenden Person. Die Jugendlichen wollen das auch; sie finden, dass das Problem nicht nur bei ihnen liegt und die Eltern ebenso etwas ändern müssen. Beide Seiten müssen lernen, sich konstruktiv zu streiten. Möglich ist, dass sich die Eltern im Lauf der Therapie bei ihren Kindern für Fehler entschuldigen, zum Beispiel, wenn sie zu fordernd, zu leistungsorientiert gewesen sind. Das Kind kann eine Entschuldigung durchaus einfordern.

Viele Eltern glauben, dass sie selbst etwas falsch gemacht haben, und entwickeln Schuldgefühle. Was raten Sie ihnen?

Wir versuchen ihnen zu zeigen, dass Schuldgefühle letztlich unbrauchbar sind. Sie verkomplizieren das Verhältnis zu den Jugendlichen sogar, weil die Eltern dann meinen, etwas gutmachen zu müssen, und deshalb zu viel erlauben. Besser ist es, wenn sie das Kind fragen: »Wie kann ich jetzt für dich da sein?« Die Hilfe in der Gegenwart ist viel wichtiger, als sich ständig zu fragen, was in der Vergangenheit alles schiefgelaufen ist.

Literaturtipps

Franz Resch: Selbstverletzung als Selbstfürsorge. Zur Psychodynamik selbstschädigenden Verhaltens bei Jugendlichen. Vandenhoeck & Ruprecht 2017

Pamela Wersin, Susanne Schoppmann:  Selbstverletzendes Verhalten. Wie Sie Jugendliche unterstützen können. Psychiatrie Verlag 2019

36/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 36/2019

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