Umgang mit Niederlagen: Wer dem Schiedsrichter die Schuld gibt, lernt nichts

Herr Kleinert, vergangene Nacht hat der Schiedsrichter den deutschen 2:1-Führungstreffer nach Studium der Videobilder wieder aberkannt. Danach ging es ins Elfmeterschießen, und Deutschland flog aus dem Turnier. Wie hilfreich erscheint es psychologisch, über das aberkannte Tor aus der Verlängerung zu klagen?
Aus Sicht der Spieler kommt es entscheidend darauf an, wann man klagt. Vor dem Elfmeterschießen ist das fehl am Platz. Wenn man darüber nachdenkt, ob die Aberkennung des Tors zuvor berechtigt war, lenkt das von der eigentlichen Aufgabe ab: nämlich den Ball ins Tor zu schießen.
Das heißt voller Fokus allein auf das Hier und Jetzt?
Spitzensportler müssen stets im Hier und Jetzt sein. Wer Leistung bringen will, konzentriert sich nur auf das, was gerade zu tun ist. Beim Elfmeterschießen heißt das: den Ball sehen, den Fokus halten und überlegen, wie man den Schuss verwandelt. Gedanken darüber, was vorher passiert ist oder was bei einem Fehlschuss passieren könnte, helfen nicht.
Der Mediziner und Diplomsportlehrer ist Leiter des Psychologischen Instituts der Deutschen Sporthochschule Köln.
Und nach dem Ausscheiden? Wäre es dann psychologisch hilfreich, die Niederlage auf das aberkannte Tor zu schieben?
Direkt nach dem Spiel geht es erst mal nur um Emotionen. Die Spieler sind wütend, traurig oder frustriert. Diese Gefühle müssen zunächst akzeptiert werden. Wenn es jemandem kurzfristig hilft, die Schuld des Ausscheidens auf den Schiedsrichter zu schieben, kann das Teil dieser emotionalen Verarbeitung sein. Langfristig ist das aber meist keine gute Strategie. Man sollte sich auf Dinge konzentrieren, die man selbst beeinflussen konnte.
Also die eigene Leistung?
Natürlich. Viele Topsportler sagen nach solchen Niederlagen: Die Entscheidung war unglücklich, aber wir hätten den Sack selbst zumachen müssen. Nur wer den eigenen Anteil am Ausscheiden erkennt, kann daraus lernen und sich weiterentwickeln.
»Nur wer den eigenen Anteil am Ausscheiden erkennt, kann daraus lernen und sich weiterentwickeln«
Wenn jemand eigene Erfolge eher den eigenen Fähigkeiten zuschreibt, seine Misserfolge hingegen den äußeren Ursachen, sprechen Psychologen auch von einer selbstwertdienlichen Verzerrung oder vom »self-serving bias«. Ist dieser Denkfehler hier auch am Werk?
Ganz sicher. Wer seinen Misserfolg anderen oder den Umständen zuschreibt, schützt zunächst seinen Selbstwert. Es kommt hier aber mehr auf die Emotionen an als auf bewusste Denkprozesse. Indem ich einen Misserfolg nach außen attribuiere, schütze ich mich erst einmal vor negativen Gefühlen, die schwer auszuhalten sind. Deswegen: Kurzfristig kann es hilfreich sein, sich nicht selbst zum Schuldigen zu machen, langfristig nicht. Doch das Gegenteil ist genauso problematisch: sich für alles selbst verantwortlich zu machen. Beide Reaktionen können unmittelbar nach einem Misserfolg auftreten.
Was hilft dann?
Entscheidend ist, nach der ersten emotionalen Erschöpfung, die Stunden oder sogar Tage dauern kann, zu einer realistischen Sicht zu finden. Nur dann wird aus einem Rückschlag etwas, aus dem man lernen kann. Emotionen spielen dabei die Hauptrolle. Die gedanklichen Erklärungen dienen vor allem dazu, mit diesen Gefühlen umzugehen.
Und wie verarbeiten die Fans das Ausscheiden ihrer Mannschaft?
Zunächst genau wie die Spieler: mit Wut, Trauer und Enttäuschung. Und dann suchen sich viele Fans einen neuen Fokus. Manche wenden sich vorübergehend ganz vom Fußball ab. Andere fiebern jetzt mit einer anderen Mannschaft im Turnier mit oder beschäftigen sich bewusst mit etwas völlig anderem. Es gibt verschiedene Strategien, aber alle gehen in Richtung Ablenkung und Neuorientierung.
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