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Französische Revolution: Als eine Falschmeldung in Massenmord mündete

Anfang September 1792, wenige Jahre nach Ausbruch der Französischen Revolution, rumorte es in Paris. Dann entlud sich die von Falschmeldungen angeheizte Stimmung in einem fürchterlichen Massaker an Gefängnisinsassen.
Septembermorde vom 2. bis 6. September 1792
Vom 2. bis 6. September 1792 ermordete ein Mob in Paris Geistliche und Adelige, die in Gefängnissen inhaftiert waren. Der Holzstich von Charles Maurand zeigt die »Septembermorde«.

Die Mörder kamen keineswegs still und heimlich. »Gegen zwei Uhr hörte ich einen Trupp Kannibalen unter meinen Fenstern vorbeiziehen«, notierte der Schriftsteller Nicolas Rétif de La Bretonne in Paris. Es war die Nacht vom 2. auf den 3. September 1792. »Sie sangen, sie grölten, sie brüllten. Manche dieser Schlächter riefen: ›Vive la nation!‹ Und einer von ihnen, den ich gern gesehen hätte, um seine hässliche Seele an seinem Gesicht abzulesen, schrie wie besessen: ›Vive la mort!‹ – Es lebe der Tod!«

Keine zwölf Stunden zuvor hatte eine aufgebrachte Menge damit begonnen, die gut gefüllten Gefängnisse der französischen Hauptstadt zu stürmen, um mit den dort festgesetzten Aristokraten und Priestern abzurechnen. Nun nahm das Gemetzel seinen Lauf. Die Angreifer – überwiegend waren es Männer, aber auch einige Frauen – handelten, wie zeitgenössische Berichte bezeugen, in geradezu panischer Angst vor royalistischen Verschwörern. Seit Wochen schon kursierten in Paris Gerüchte, die gefangenen Königstreuen hätten Helfershelfer unter den Wachen, sie seien bewaffnet und würden ihren Ausbruch vorbereiten. Es sei daher nur noch eine Frage von Tagen, bis die Gegner der Französischen Revolution, die »Feinde des Volkes«, in Massen aus den Kerkern strömen und sich über die guten Patrioten von Paris hermachen würden.

Angst und Panik auf Seiten der Revolutionäre sowie der Aristokraten

Angst und Schrecken hatten die Revolution von den ersten Tagen an begleitet – nur zu oft befeuert von haltlosen Gerüchten. Auf der einen Seite fürchteten die Nutznießer des Ancien Régime den Umsturz und damit das Ende ihrer Herrschaft – das waren der Adel, die Geistlichkeit und natürlich das Königshaus selbst. Auf der anderen Seite erschauerten die Revolutionäre beim Gedanken an die Vergeltungsmaßnahmen der Aristokraten, sollte es ihnen gelingen, die Erhebung niederzuringen.

So hatten bereits wenige Tage nach dem Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789 erstmals Nachrichten über eine Verschwörung des Adels vor allem bei der Landbevölkerung die »Grande Peur«, die große Furcht, ausgelöst. Die Aristokraten hätten Räuberbanden angeheuert, die nun brandschatzend und mordend auf die Hauptstadt vorrücken würden, ja bereits die Vorstädte erreicht hätten oder gar schon auf den Champs-Elysées marschierten. Nichts daran war wahr, doch stürmten in einigen Regionen verängstigte Bauern die Schlösser und Steuerämter, lynchten Landadelige und Beamte.

An Gerüchten und Verschwörungserzählungen mangelte es auch in den folgenden, turbulenten Jahren nicht, während die Fraktionen in der Nationalversammlung sowohl untereinander als auch mit König Ludwig XVI. (1754–1793) und dem Adel darum rangen, den absolutistischen Ständestaat durch ein den Idealen der Aufklärung verpflichtetes, demokratisches System zu ersetzen. Unter anderem hieß es immer wieder, Royalisten bereiteten ein Massaker an den Patrioten – sprich: Revolutionären – von Paris vor. Oder aber sie hätten Briganten, Gesetzlose beauftragt, im ganzen Land Felder abzubrennen und Ernten zu vernichten, um das Volk auszuhungern.

»So gleichen wir nun Kindern, bei denen die schaurigsten Märchen stets am meisten Gehör finden«Graf von Mirabeau, Revolutionär

Überall witterte man Verschwörungen, allenthalben Verrat und tödliche Gefahr. »Der freie und gehäufte Umlauf falscher Nachrichten übersteigt alles, was man sich vorstellen kann«, schrieb im Januar 1790 Adrien-Joseph Colson, Generalbevollmächtigter einer aristokratischen Familie in Paris, einem befreundeten Geschäftspartner in der Provinz. Und der hoch angesehene adelige Revolutionär Graf von Mirabeau (1749–1791) kommentierte in der Zeitung »Courier de Provence«, seine Landsleute würden selbst das unwahrscheinlichste Gerede glauben, solange es nur von »Anschlägen« kündete und die Vorstellungskraft mit »finsteren Schrecken« erfüllte. »So gleichen wir nun Kindern, bei denen die schaurigsten Märchen stets am meisten Gehör finden.«

Im Ausland planten Adelige die Rückeroberung der Krone

Doch die Verbreitung von Falschmeldungen, die bloße Existenz von haltlosen Gerüchten und fantastischen Verschwörungsmythen bedeutet keineswegs im Umkehrschluss, dass die Lage nicht wirklich katastrophal gewesen wäre, dass nicht tatsächlich konterrevolutionäre Verschwörer Ränke schmiedeten, dass das Königshaus und die Aristokratie nicht nachweislich mit ausländischen Mächten konspirierten. Nach dem Ausbruch der Revolution waren abertausende Adelige emigriert, die sich im Ausland bereit machten, das Land wieder für die Krone zurückzuerobern und die alte Ordnung wiederherzustellen.

Im Frühsommer des Jahres 1792 schien das revolutionäre Experiment so gut wie am Ende. Seit April befand sich das Land im Kriegszustand mit einer von Österreich und Preußen angeführten Koalition der Monarchien. Nun standen die Armeen des Feindes an den Grenzen Frankreichs. Darüber hinaus waren in einigen Regionen des Landes royalistische Aufstände ausgebrochen – meist aufgepeitscht durch die Predigten von Geistlichen, die bei Teilen der Landbevölkerung mehr Gehör und Gehorsam fanden als bei den aufgeklärten Bürgerinnen und Bürgern der Großstädte.

Ende Juli wurde zudem in Paris das Manifest des Herzogs von Braunschweig bekannt. Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel (1735–1806), Oberbefehlshaber über die vereinten Heere der Österreicher und Preußen, verlangte von den Franzosen, sich umgehend zu ergeben. Er drohte »die Bewohner von Städten, Marktflecken und Dörfern, welche es wagen sollten, sich gegen die Heere ihrer Majestäten zu verteidigen« mit der »ganzen Strenge des Kriegsrechts« zu bestrafen – also mit dem Tod. Insbesondere »die Stadt Paris und alle ihre Bewohner ohne Unterschied sind schuldig, sich sogleich ihrem König zu unterwerfen«, fuhr der Heerführer in herrschaftlichem Ton fort.

»Wenn das Schloss der Tuilerien gestürmt oder sonst verletzt, wenn die mindeste Beleidigung dem Könige, der Königin und der ganzen königlichen Familie zugefügt« werden sollte, so versicherte er grimmig, werde man »eine beispiellose und für alle Zeiten denkwürdige Rache nehmen und die Stadt Paris einer militärischen Exekution und einem gänzlichen Ruin preisgeben, die Verbrecher selbst aber dem verdienten Tode überliefern«.

Die Revolution kam in ihre zweite, radikalere Phase

Die fürstlichen Worte wirkten anders als vermutlich erhofft: Sie wurden zum Brandbeschleuniger des Umsturzes. Am 10. August 1792, nur zwei Wochen nach Bekanntwerden, wurde der Tuilerien-Palast in Paris gestürmt und die königliche Familie gefangen gesetzt, hunderte Aristokraten und Priester landeten in den Kerkern der Hauptstadt. Die Revolution war in ihre zweite, radikalere Phase getreten. Eine konstitutionelle Monarchie, wie sie kurz davor noch möglich und vielen erstrebenswert schien, war endgültig vom Tisch. Frankreich war auf dem Weg, eine Republik zu werden.

»Jeder sah sich den Nachbarn an, auf Plätzen und Straßen warf ein Vorübergehender dem anderen misstrauische, besorgte Blicke zu; alle vermeinten in allen die Freunde des Feindes zu sehen«Jules Michelet, Historiker

Die »commune insurrectionelle«, die aufständische Kommune von Paris, war im Alarmzustand. Die Stadt blieb nächtelang hell erleuchtet, die Sturmglocken wurden geschlagen und Kanonen abgefeuert. Während sich in der Hauptstadt Freiwillige aus den Provinzen sammelten, um gegen den Feind zu ziehen, kamen von der Front im Norden nur Katastrophenmeldungen.

Das Städtchen Longwy an der Grenze zu Luxemburg hatte sich am 20. August kampflos den Preußen ergeben. Wenige Tage darauf kapitulierte auch Verdun, nachdem der zur Verteidigung der Stadt entschlossene Kommandant Nicolas-Joseph Beaurepaire (1740–1792) vermutlich einem Mordanschlag zum Opfer gefallen war. »Der Verrat Longwys, der von Verdun, von dem man bald darauf erfuhr, erfüllte Paris mit finsterem, schwindelndem Entsetzen«, schreibt der Historiker Jules Michelet (1798–1874) in seiner 1847 erschienenen »Geschichte der Französischen Revolution«. »War denn ein Widerstand möglich inmitten so vieler Verräter? Wie sollte man diese Verräter herausfinden?«, fragte Michelet. »Jeder sah sich den Nachbarn an, auf Plätzen und Straßen warf ein Vorübergehender dem anderen misstrauische, besorgte Blicke zu; alle vermeinten in allen die Freunde des Feindes zu sehen.« In dieser Lage nun ließ die Kommune, die das Heft des Handelns in die Hand nahm, Plakate anschlagen: »Das Volk muss sich selbst Gerechtigkeit verschaffen! Bevor wir an die Grenze ziehen, wollen wir die schlechten Bürger richten!«

Der plötzliche Überfall auf einen Gefangenentransport

Seinen Anfang nahm das Gemetzel am Sonntag, den 2. September 1792, vor den Toren der Abbaye, einer ehemaligen Abtei im Viertel Saint-Germain-des-Prés, die schon seit 1522 als Staatsgefängnis diente. Gegen drei Uhr nachmittags war dort ein Gefangenentransport eingetroffen. »Der langsame Zug der sechs Wagen hatte ganz den Charakter einer grausigen Schaustellung«, berichtet Historiker Michelet. »›Da sind sie‹, schrien einige, ›da sind sie, die Verräter! Die Verdun ausgeliefert haben; die eure Frauen und Kinder umbringen wollen (...) Vorwärts, helft uns, tötet sie!‹«

Vor dem Gefängnis waren zahlreiche Schaulustige zusammengeströmt. Plötzlich stießen einige Männer mit Piken und Säbeln in die Wagen hinein. Binnen weniger Minuten waren die zwei Dutzend Gefangenen tot. Dann drangen die Mörder in die Abbaye ein und führten ihren blutigen Rachefeldzug fort. Michelet, der nicht nur in den Archiven forschte, sondern auch Zeitzeugen befragen konnte, berichtet, die ersten Täter seien Soldaten aus dem Süden gewesen, denen sich einige Leute aus dem Volk angeschlossen hatten – »junge Burschen vor allem, kräftige Kerle und Tunichtgute, Lehrjungen, die man grausam mit Hieben traktiert und die bei solchen Gelegenheiten das Erlittene dem Erstbesten heimzahlen«.

Gegen Abend wurde in der Abbaye ein Tribunal gebildet, dessen Vorsitz Stanislas-Marie Maillard (1763–1794) übernahm, »ein düsterer und wilder Fanatiker«, wie Michelet ihn beschrieb. Maillard war am 14. Juli als Erster in die Bastille eingedrungen und seither bei allen revolutionären Ereignissen in Paris an vorderster Front dabei gewesen. Nun sollte der hoch gewachsene, stets schwarz gekleidete, durch sein strenges Auftreten Respekt gebietende Mann, das Morden in geregelte Bahnen lenken und ihm den Anstrich von Rechtmäßigkeit geben. »Seit Maillard mit seiner Jury tagte, machte man Unterschiede, es gab Schuldige und Unschuldige«, schreibt Michelet. Auch wenn in den Augen dieses »Volksgerichtshofs« die meisten Gefangenen schuldig waren, entgingen doch einige dem Tod – unter ihnen selbst Aristokraten und bekennende Royalisten –, weil das Volk nur »die Taten bestrafe nicht die Gedanken«, wie Maillard behauptete. »Wenn das schwarze Phantom sich erhob, dem Gefangenen die Hand aufs Haupt legte, ihn für unschuldig erklärte, so wagte keiner nein zu sagen«, so Michelet. Es besteht jedoch kein Zweifel daran, dass der radikale Revolutionär Maillard das Morden grundsätzlich befürwortete.

Bei Einbruch der Nacht wurden im Hof der Abbaye Fackeln entzündet, und das Massaker ging in ihrem flackernden Schein weiter. Inzwischen verfolgte eine beträchtliche Zahl von Zuschauern das schreckliche Schauspiel im Gefängnishof, wo die »Verurteilten« mit Keulen und Äxten, Schwertern und Piken niedergemetzelt wurden.

Mord an Madame de Lamballe | Zu den Opfern der Septembermorde zählte auch die Prinzessin von Lamballe. Der Mord an der Adeligen ist in diesem später kolorierten Stich aus dem Jahr 1887 dargestellt.

Die Abbaye mit ihrem Tribunal war gewissermaßen das Hauptquartier der »septembriseurs« geworden, wie die Septembermörder auf Französisch genannt werden. Von dort schwärmten einzelne Gruppen zu den anderen Gefangenenhäusern aus. Noch am Abend des 2. September wiederholten sich ähnlich blutige Szenen. Doch mit jeder Stunde, die verging, veränderte sich die Natur des Blutbads. »Die Metzelei, die am 2. für viele eine Anstrengung war, wurde am 3. zu einem Genuss«, schreibt Michelet. »Allmählich mischte sich der Diebstahl drein. Man begann Frauen zu töten. Am 4. gab es Vergewaltigungen, man tötete sogar Kinder.«

Der grausame Mord an Madame de Lamballe

Das prominenteste weibliche Opfer war zweifellos die Prinzessin von Lamballe. Marie-Louise von Savoyen-Carignan (1749–1792), Madame de Lamballe, war eine enge Vertraute der Königin gewesen. Sie war in deren Auftrag 1791 nach England gereist, um dort Hilfe für die königliche Familie zu erbitten. Obwohl sie also schon über dem Ärmelkanal und in Sicherheit gewesen war, kehrte sie aus Treue zu ihrer royalen Freundin nach Frankreich zurück. Was sie davon hatte, beobachtete Rétif de la Bretonne (1734–1806) am 3. September vor dem Gefängnis von La Force: »Schließlich sah ich, wie eine Frau erschien, so bleich wie ihr Hemd. Mit barscher Stimme befahl ihr jemand: ›Rufe vive la nation!‹ ›Nein! Nein!‹ entgegnete sie. Man ließ sie auf einen Berg von Leichen steigen. Noch einmal verlangte man, sie solle ›vive la nation‹ rufen. Sie weigerte sich voller Verachtung. Da packte der Mörder sie, riss ihr das Kleid vom Leib und schlitzte ihr den Bauch auf. Sie stürzte zu Boden, und die anderen gaben ihr den Rest. Diese starrsinnige Schuldige war Madame de Lamballe.« Der Toten wurde der Kopf abgeschnitten, auf eine Pike gespießt und unter den Fenstern des Temple vorbeigetragen, wo die königliche Familie seit dem 10. August gefangen gehalten wurde. Spätestens in diesem Moment wussten auch der Monarch und seine Gattin, was ihnen blühte.

Überhaupt gingen die »septembriseurs« mit äußerster Brutalität, mit einem geradezu archaischen Blutdurst vor. Zahlreiche Augenzeugen berichteten davon, dass Leichen bestialisch zerstückelt wurden, dass die Mörder das Blut ihrer Opfer tranken, ihre Herzen verspeisten und andere, ähnlich grausige Taten begingen. Es könnte sich freilich auch bei diesen Berichten um Falschmeldungen und Gerüchte handeln, wären da nicht die späteren Aussagen der Täter.

»Sie gehörten zu allen Berufen«, entnahm Michelet den Protokollen der Untersuchung. »Uhrmacher, Limonadenhändler, Fleischwarenhändler, Obstverkäufer, Seifensieder, Kistenmacher, Bäcker und so weiter.« Diese Männer hätten sich in den Vernehmungen nicht nur der beträchtlichen Zahl ihrer Opfer gerühmt, sondern auch dessen, »an den Leichnamen entsetzliche Gräuel verübt zu haben«. Dabei gehörten diese Täter doch zu jener Gruppe von Leuten, die man landläufig ehrbare Bürger nannte. In den Gefängnissen wüteten aber auch Verbrecher, Räuber und Plünderer. Je länger das Gemetzel dauerte, desto grausamer wurde es – und umso willkürlicher die Wahl der Opfer.

Der Mob tötete selbst Straßenjungen, Kleinkriminelle, Prostituierte

»Der 4. September trieb das Grauenhafte bis zum Gipfel«, schreibt Michelet. An diesem Tag wurden die beiden Hospize Bicêtre und die Salpêtrière gestürmt, die als Besserungs– und Haftanstalten zugleich dienten, wobei in der Salpêtrière ausschließlich weibliche Gefangene untergebracht waren. Hier fand man keine Aristokraten oder Priester vor, sondern Kinder, die man wegen geringfügiger Delikte von den Straßen geholt hatte, Kleinkriminelle, Prostituierte, psychisch Kranke – kurz: die Ärmsten der Armen. »Wenn es eine Stätte gab, die von der Revolution geschont werden musste, so war es dieser erbarmungswürdige Ort«, meint Michelet. »Was war denn Bicêtre, die Salpêtrière, dieses große Bicêtre der Frauen, anderes als die wahre Hölle des Ancien Régime, da man hier alles beisammen fand, was es an Barbarei, an Schmach und Missbrauch aufzuweisen hatte?«

Dem Furor der Menge, die in die Häuser eingedrungen war, tat dies keinen Abbruch. Sie töteten Straßenjungen, vergewaltigten Mädchen und Frauen, erschlugen Kranke und Gefangene. Am Ende waren etwa zwei Drittel der bis zu 1400 Opfer des Massakers einfache Leute, die wegen geringer Vergehen im Gefängnis saßen.

Erst am 6. September, nach vier mörderischen Tagen und Nächten, ebbte das Gemetzel allmählich ab. Keine der maßgeblichen Stellen oder Personen hatte sich während der Gewaltorgie dem grausam wütenden Mob entgegengestellt – weder die aufständische Kommune von Paris noch die Nationalgarde oder die Nationalversammlung noch führende Revolutionäre wie Maximilien Robespierre (1758–1794) oder der amtierende Justizminister Georges Danton (1759–1794).

Das hatte verschiedene Gründe. Die Kommune stand unter dem Einfluss des extremistischen Journalisten Jean Paul Marat, der schon seit den ersten Tagen der Revolution nach einer blutigen Abrechnung mit dem Ancien Régime verlangt hatte. Dennoch hatte Louis-Pierre Manuel, der Prokurator der Kommune, am 2. September an das Gewissen der Mörder appelliert und versucht, sie zur Milde zu bewegen. Doch der für die Ordnungskräfte in der französischen Hauptstadt zuständige Revolutionär konnte sich letzten Endes nur mit Müh und Not selbst vor der Raserei der Menge in Sicherheit bringen.

Zudem war nach dem endgültigen Sturz des Königs am 10. August ein Machtvakuum entstanden, in dem sich Kommune und Nationalversammlung gegenseitig die Führungsrolle streitig machten. Vor allem aber wurde das Massaker von weiten Teilen der Pariserinnen und Pariser als ein notwendiger Akt der Volksjustiz hingenommen oder sogar gebilligt – bei Weitem nicht nur von hartgesottenen Revolutionären. So vermerkte etwa Nicolas-Célestin Guittard de Floriban, ein ältlicher und im Allgemeinen moderater Bürger, in seinem Tagebuch: Es sei bedauerlich, dass es zu derart extremen Handlungen komme, »doch man sagt, es sei besser den Teufel zu töten, ehe er uns tötet«. Und die Bürgerin Rosalie Jullien, die ebenfalls die Gerüchte von den finsteren Plänen der Aristokratie vernommen hatte, schrieb in einem Brief vom 2. September, man müsse nun »aus Menschlichkeit barbarisch sein und ein Glied abschneiden, um den Körper zu retten«.

»Die Obsession mit einer Gefängnisverschwörung, der Wunsch nach Rache, die Angst vor den vorrückenden Preußen, die Ungewissheit, wer die Kontrolle über den Staat hatte«, schreibt der Historiker Timothy Tackett, emeritierter Professor der University of California in Irvine, hätten eine »explosive Mischung« ergeben, die zu den Septembermorden führte – befeuert nicht zuletzt von immer fantastischeren Gerüchten und Falschmeldungen.

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