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News: Sex und Intrigen im Insektenreich

Die Kelso-Dünen irgendwo zwischen Barstow und Las Vegas im Mojave-Nationalpark sind ein ungewöhnlicher Schauplatz für eine Seifenoper. Aber das intrigante Frühlingsverhalten der Ölkäfer steht den Machenschaften à la 'Denver Clan' in nichts nach. Die Parasiten haben eine besonders einfallsreiche Fortpflanzungs-Strategie entwickelt. Ihre Larven bilden kleine Ansammlungen, die weibliche Bienen nachahmen. Dadurch werden ahnungslose Männchen angelockt.... nur der erste Schritt einer komplizierten Taktik, mit der die kleinen Tiere in die Nester der Bienen eindringen können.
Dass eine Art eine andere nachahmt, um ihren Fortpflanzungserfolg zu erhöhen, ist nichts Neues. So imitiert die Blüte der Bienen-Ragwurz die Gestalt und den Geruch von weiblichen Bienen, um befruchtende Insekten anzulocken. Aber die Larven der parasitär lebenden Ölkäferart Meloe franciscanus haben eine besonders trickreiche Art entwickelt, um in die Nester ihrer Wirte zu gelangen: Eine Art Dreisprung der Mimikry.

Direkt nachdem die Larven der Ölkäferart aus ihren Sandhöhlen geschlüpft sind, klettern Hunderte dieser kleinen dunkel-orangfarbenen Tierchen auf die Spitze des nächsten Halms oder Stängels. Dort bilden die so genannten Triungulinus-Larven ein wirres Knäuel, das eine weibliche Biene imitieren soll. Die Larvenansammlung hat eine gewisse Ähnlichkeit Weibchen der Bienenart Habropoda pallida, erklärt John Hafernik von der San Francisco State University. Wahrscheinlich verströmen sie auch einen ähnlichen Geruch.

Der Wissenschaftler und seine Kollegen konnten beobachten, dass, sobald der Käferlarven-Haufen erfolgreich eine männliche Biene zur "Kopulation" angelockt hat, sich die winzigen Tiere an der Unterseite des betrogenen Freiers festkrallen. Durch weitere – offensichtlich erfolgreichere – Paarungsversuche überträgt dann das Männchen die Larven auf mehrere weibliche Bienen. Die ahnungslosen Weibchen schleppen die Larven beim Füttern ihres Nachwuchses in ihr Nest ein. "Sobald sie da drin sind, parasitieren die Larven im Nest", sagt Hafernik. "Die Nahrung, mit der eine Biene hätte groß werden sollen, lässt stattdessen einen Käfer aufwachsen." Vermutlich frisst das undankbare Tier auch die bereits im Nest vorhandenen Bieneneier auf.

Damit konnten die Wissenschaftler zum ersten Mal den Zusammenhang zwischen den Triungulinus-Knäulen, die bereits seit 1895 bekannt sind, und dem Erobern der Nester aufklären. Aber auch im Tierreich scheinen sich Intrigen nicht auszuzahlen. Von den 22 beobachteten Larven-Ansammlungen starben sieben durch ungünstige Wetterverhältnisse, neun wurden zu alt, bevor eine Biene sie fand, und ein Knäuel wurde von einer Spinne aufgefressen. Nur fünf Larvenhaufen schafften es, eine Biene zu täuschen und somit für den Fortbestand der Art beizutragen.

Die Forscher gehen davon aus, dass die Triungulinus-Knäueln die männlichen Bienen durch eine Kombination aus visuellen und olfaktorischen Signalen anlocken. In ihren Feldstudien beobachteten sie, dass die Larven sich an ähnliche Stellen in der Vegetation festsetzen, wie Bienenweibchen es tun. Um zu testen, wie wichtig die Geruchssignale sind, brachten die Wissenschaftler Modell-Knäuel in der Nähe echter Larven-Ansammlungen an. "Die Männchen ignorierten die Modelle vollständig, aber versuchten, auf Triungulinus-Gruppen zu landen, sogar bevor sich diese zu einer Bienen-Form versammelt hatten", sagt Leslie Saul-Gershenz. "Vermutlich geben die Larven Bienen-ähnliche Pheromone ab und noch eine weitere Substanz, um Aggregationen zu bilden."

Hafernik ist begeistert von den Entdeckungen seiner Arbeitsgruppe: "Während kooperatives Verhalten bei sozialen Insekten wie Ameisen und Bienen üblich ist, konnte es bisher noch nicht bei Ölkäfern gezeigt werden. Außerdem ist es das erste bekannte Beispiel dafür, dass Insekten ein kooperatives Verhalten nutzen, um eine andere Tierart nachzuahmen." Bisher imitierten immer nur einzelne Individuen Mitglieder einer anderen Art. Nach Meinung des Entomologen Robert McGinley bleiben aber einige entscheidende Fragen noch offen. Wie organisieren die Larven ihren gemeinschaftliche Wanderung zu einzelnen Grashalmen? Durch welche Signale – chemisch oder visuell – ziehen die Parasiten ihre Wirte an? Fragen, auf deren Antwort man gespannt sein darf.

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