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Sexueller Kannibalismus: Extreme Sprungkraft rettet Spinnenmännchen nach dem Sex das Leben

Die Weibchen der Spinnenart Philoponella prominens verschlingen für gewöhnlich ihre Partner nach der Fortpflanzung. Um nicht gefressen zu werden, springen die Männchen mit einem raffinierten Mechanismus blitzschnell davon.
Spinnen der Art Philoponella prominens bei der Fortpflanzung.

In einer für Menschen wohl grausamen Art und Weise verschlingen die Weibchen vieler Spinnenarten ihre Partner nach der Fortpflanzung – entweder um sich zu ernähren oder um sich weitere Möglichkeiten der Paarung offenzuhalten. Als sexuellen Kannibalismus bezeichnen Fachleute dieses Verhalten. Weibliche Spinnen sind in der Regel auch viel größer als ihre männlichen Artgenossen und daher körperlich im Vorteil. Eine Studie im Fachmagazin »Current Biology« zeigt nun, dass einige scheinbar unterlegene Männchen aber nicht völlig hilflos sind. Dank der in ihren vorderen Beingelenken gespeicherten Energie können sich die Männchen der Webspinnenart Philoponella prominens in Sekundenbruchteilen von einer gefräßigen Partnerin wegkatapultieren. »Als ich dieses Verhalten zum ersten Mal in der Natur beobachtet habe, wusste ich, dass ich etwas Besonderes gefunden hatte, gemessen an meinen 13 Jahren Erfahrung in der Erforschung des Fortpflanzungsverhaltens von Spinnen«, sagt Shichang Zhang, Hauptautor der Studie und Verhaltensökologe an der chinesischen Hubei-Universität.

Die Spinnen der Philoponella prominens leben zu mehr als 200 Individuen in Komplexen zusammen, die sie aus zahlreichen miteinander verbundenen Netzen bauen. Bei so vielen langbeinigen Junggesellen können es sich die Weibchen leisten, ein paar davon zu verspeisen. Um nicht zum postkoitalen Snack zu werden, müssen die männlichen Spinnen daher unmittelbar nach der Fortpflanzung entkommen. Die Forscher fanden heraus, dass die Spinnen dazu während der Begattung ihre Vorderbeine an das Weibchen drücken und einklappen. Unmittelbar nach der Paarung richten sie ihre Beine auf und nutzen den hydraulischen Druck, der sich in ihren Gelenken zwischen Tibia (Schienbein) und Metatarsus (Mittelfuß) aufbaut, um sich wie eine Feder abzustoßen.

© Shichang Zhang / CC BY-SA
Spinnenmänchen schafft den Absprung

Die Spinnen hüpfen so schnell von ihren Partnerinnen fort, dass gewöhnliche Kameras das Verhalten nicht aufnehmen können. Deshalb haben die Wissenschaftler eine spezielle Hochgeschwindigkeitskamera einer Pekinger Werbeagentur genutzt, um die sich paarenden Spinnen zu filmen. Das Gerät zeichnete die Szenen mit 1500 Bildern pro Sekunde auf. Daraus berechneten die Forscher, wie schnell sich die Männchen bewegten. Die Spinnen, die im Durchschnitt etwa drei Millimeter lang sind, stießen sich mit einer Geschwindigkeit von 88 Zentimetern pro Sekunde ab. »Stellen Sie sich vor, ein 1,80 Meter großer Mann katapultiert sich in einer Sekunde 530 Meter weit«, sagt Zhang. »Genau das tun diese männlichen Spinnen.« Während sich die akrobatischen Spinnentiere in die Lüfte erheben, drehen sie sich zudem wie ein Kreisel und rotieren im Durchschnitt fast 175-mal pro Sekunde.

Die Forscher untersuchten 155 Spinnenpaare. Dabei hüpften 152 Männchen erfolgreich fort. Nur drei schafften den Sprung nicht und wurden sofort gefressen. Um festzustellen, ob die Sprungkraft der männlichen Spinnen tatsächlich über Leben und Tod entscheidet, klebten die Forscher mehrere männliche Spinnen mit einer feinen Bürste an ihren Partnerinnen fest. Diese Versuchsspinnen wurden allesamt verspeist.

Überraschenderweise kehren die entkommenen Männchen zu ihren kannibalistischen Partnerinnen zurück. Denn bei der Paarung befestigen sie am Weibchen eine Art Sicherheitsleine aus Spinnenseide. Nachdem sie zunächst fortgesprungen waren, krabbelten sie entlang der Leine wieder zurück, um sich erneut zu paaren. Diesen Zyklus können die Tiere bis zu sechsmal wiederholen. Das Verhalten mag leichtsinnig erscheinen, aber die männlichen Spinnen wollen sichergehen, dass sie das Weibchen tatsächlich befruchtet haben.

Wie ist sexueller Kannibalismus evolutionär zu erklären?

Auf den ersten Blick erscheint sexueller Kannibalismus wenig logisch, doch das Verhalten ergibt evolutionär Sinn, erklärt der Biologe Matthias Foellmer, der über das Thema an der Adelphi University forscht. Bei den meisten Spinnenarten würde nämlich das Männchen außer seiner Samenflüssigkeit nicht viel zum Entstehen des Nachwuchses beitragen. »Warum sollte das Weibchen es also nicht fressen?«, sagt Foellmer, der nicht an der neuen Studie beteiligt war. »Wenn man so darüber nachdenkt, ist es erstaunlich, dass das nicht viel häufiger vorkommt.«

Die Forscher um Zhang vermuten, dass die spektakulären Fluchtversuche den Weibchen bei der genetischen Auswahl zugutekommen. Es hilft ihnen, die Fitness der Männchen zu erkennen. Denn männliche Spinnen, die nicht schnell genug springen können, verschwinden aus dem Genpool. Die übrigen Männchen sind daher für ein Weibchen möglicherweise attraktiver und können zurückkehren, um sich erneut zu paaren.

Laut Foellmer veranschaulicht die Studie von Zhang & Co, wie Kannibalismus eine Art evolutionäres Wettrüsten zwischen Männchen und Weibchen auslösen kann. Auf Grund der hohen Fluchtrate scheinen die Spinnenmänner aber im Vorteil zu sein. Das könne sich jedoch auch ändern. Foellmer: »Durch eine Mutation könnten die Weibchen irgendwann einmal etwas schneller werden oder besser in der Lage sein, die Männchen festzuhalten.«

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