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Forensische Medizin: Sherlock Holmes im Labor

"Operation Jupiter" klingt nach Aufbruch zu fernen Welten. Doch versteckt sich dahinter ein Unternehmen ganz anderer Art: eine internationale Aktion von Wissenschaftlern und polizeilichen Ermittlungsbehörden gegen gefälschte Malariamedikamente. Und sie hatte Erfolg.
Von wegen Original
500 Millionen Krankheitsfälle und mindestens eine Million Opfer jährlich, diese Zahlen finden sich häufig, wenn über das Ausmaß von Malaria weltweit gesprochen wird. Doch kommt es auf die genauen Werte nicht an: Ohne Frage gehört die Infektion mit verschiedenen Vertretern der Einzeller-Gattung Plasmodium zu den größten Gesundheitsproblemen in Entwicklungsländern und fordert zu viele Opfer.

Zu viele, weil unzähligen Menschen zu helfen wäre, wenn sie nur Zugriff auf die derzeit wirksamen Medikamente zu erschwinglichen Preisen hätten. Hier allerdings droht, vor allem in Asien und Afrika, eine fatale Falle – in Form von falschen Tabletten, die zwar als Malariamedikament etikettiert und verkauft werden, jedoch keine oder nur geringe Wirkstoffkonzentrationen enthalten. In einem Drittel bis über die Hälfte der kursierenden Tabletten, so verschiedene Schätzungen, ist nicht drin, was draufsteht.

Solchen Medikamentenfälschern das Handwerk zu legen, war Ziel der "Operation Jupiter". Unter der Federführung von Interpol und dem westpazifischen Regionalbüro der Weltgesundheitsorganisation begaben sich Wissenschaftler weltweit auf Spurensuche, um die Herkunft der gefährlichen Pseudopillen zu klären. Penibelst nahmen sie die Verpackungen von knapp 400 Proben mit gefälschtem und originalem Inhalt auseinander, analysierten die chemische Zusammensetzung und suchten sogar nach Sporen, Pollen und Mineralien, die Hinweise auf den Produktionsort geben könnten.

Gefälschte Hologramme | Beispiele für ein originales Hologramm, mit dem Guilin Pharmaceuticals seine Blisterpackungen kennzeichnet (oben links) und drei Fälschungen. Insgesamt 14, teilweise kaum von den Originalen zu unterscheidende Abwandlungen konnten die Forscher in ihren Untersuchungen nachweisen.
Dabei kamen haarsträubende Erkenntnisse zu Tage. In den Tabletten fanden die Wissenschaftler um Paul Newton von der Universität Oxford nicht nur gar nichts oder zu wenig des erwarteten Wirkstoffs Artesunat, der derzeit zu den wichtigsten und effektivsten Anti-Malariamitteln im tropischen Asien zählt. Sie ermittelten auch beigemengtes Paracetamol, verschiedene Antibiotika oder auch das ältere, aber in der Region längst nicht mehr wirksame Malariamittel Chloroquin – wohl um den bitteren Geschmack zu erzeugen, den die Menschen dort als typisch für das Medikament ansehen. In einigen Proben entdeckten die Forscher sogar eine Vorläufersubstanz für Ecstasy, woraus sie schließen, im Herstellerlabor könnte auch diese Droge produziert werden.

Neben direkten negativen Auswirkungen dieser Substanzen auf die Betroffenen und die fehlende Behandlung der Malaria mit eventuell tödlichen Folgen, ziehen solche Fälschungen indirekt weitere Probleme nach sich: Geringe Wirkstoffkonzentrationen fördern die Resistenzentwicklung der Erreger, die davon nicht abgetötet werden, sondern sich anpassen können. Dasselbe gilt für Bakterien durch die enthaltenen Antibiotikaspuren – ein gefährlicher Cocktail also für die Gesundheit der Bevölkerung auch abseits von Malaria.

Biologische Spuren | Die gefälschten Tabletten enthielten nicht nur andere chemische Substanzen, sondern auch biologische und mineralogische Spuren, die den Forschern ermöglichten, den Herstellungsort einzugrenzen. Oben links: kleine Schmutzpartikel inklusive Holzkohle deuten auf eine sehr hohe Luftverschmutzung hin. Pollenkörner ließen auf eher gemäßigte Breiten schließen (oben Mitte: Pinus, oben rechts: Juglans, unten links: Acacia). Unten rechts: Selbst eine Hausstaubmilbe (Dermatophagoides) fanden die Forscher in den Pillen.
Doch die biologischen Spuren gaben einen entscheidenden Hinweis: Sie deuteten auf zwei verschiedene Herstellungszentren in den Grenzgebieten von China, Myanmar und Vietnam. Im März 2006 diskutierten die Forscher ihre Ergebnisse mit den chinesischen Behörden – und die schlugen zu: In der Provinz Yunnan verhafteten sie einen Einheimischen, der offenbar von einem anderen, nun ebenfalls inhaftierten Komplizen 240 000 Blisterpackungen mit gefälschten Malariamedikamenten gekauft hatte – ein Zehntel davon konnten die Ermittler noch sicherstellen. Angesichts dessen, dass der offizielle Hersteller des Artesunats, Guilin Pharmaceutical, im selben Zeitraum etwa 272 000 Blisterpackungen nach Myanmar und Thailand exportierte, bestätigt sich die Annahme, dass bis zu fünfzig Prozent der Medikamente im Umlauf gefälscht sind.

Brechen nun also endlich schwere Zeiten an für Verbrecher, die "bislang ungestraft Kranke töteten", wie Newton erklärt? Wohl kaum: Die Analysen sind teuer, nur wenige Labors verfügen über die nötige Ausstattung, das Personal und Referenzmaterial, um die aufwändigen Untersuchungen durchzuführen – und sie stehen nicht vor Ort. Ohne Finanzhilfen wird ein solcher Erfolg gegen Medikamentenfälscher daher ein einzelner Lichtblick bleiben.

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