Sibirien: Der vielleicht erste Pestausbruch der Weltgeschichte

Zu den frühesten bekannten Pestausbrüchen der Weltgeschichte könnte es vor etwa 5500 Jahren im Südosten Sibiriens gekommen sein. Darauf deutet die Untersuchung alter DNA hin, die Fachleute um Eske Willerslev und Martin Sikora von der Universität Kopenhagen aus den Überresten von Jägern und Sammlern am Baikalsee gewonnen haben. Wie die Forschungsgruppe in »Nature« berichtet, breitete sich dort, anders als bisher angenommen, schon damals ein tödlicher Stamm des Pestbakteriums aus – und das trotz der mobilen Lebensweise der Menschen, die nicht in beengten Verhältnissen lebten wie die ersten Bauern oder die Bevölkerung in mittelalterlichen Städten.
Die Pest sorgte für einige der tödlichsten Pandemien der Weltgeschichte. Auslöser der Krankheit ist das Bakterium Yersinia pestis. Im Lauf der Geschichte hat sich der Erreger an unterschiedliche Übertragungswege angepasst. Die Beulenpest, die spätestens seit der Bronzezeit, aber vor allem während der Spätantike und des Mittelalters in der Alten Welt kursierte und Millionen Menschen tötete, wurde von Flöhen übertragen. Bei früheren Formen fehlte dazu die nötige genetische Anpassung; diese Pest sprang anscheinend per Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch über. Vermutlich äußerte sich die Ansteckung auch anders als die Beulenpest. Allerdings war bislang unklar, ob die Frühform der Erkrankung ebenso tödlich war wie die Pest der späteren Epochen, und wo sie ihren Ursprung hatte.
Die Gruppe um Willerslev und Sikora untersuchte deshalb Zähne von 46 Angehörigen einer Jäger-und-Sammler-Kultur, die in vier Friedhöfen entlang des Flusses Angara am Baikalsee begraben worden waren. Bei 18 Toten, also bei 39 Prozent der untersuchten Verstorbenen, entdeckten die Fachleute Spuren eines bislang unbekannten Stamms von Yersinia pestis. Sehr wahrscheinlich waren die Wildbeuter an der Infektion verstorben, so die Fachleute; andere offensichtliche Todesursachen ließen sich nicht erkennen.
Zwei Pestausbrüche am Baikalsee
Den Radiokarbondatierungen der Knochen zufolge könnte es im Abstand von 400 bis 600 Jahren zu mindestens zwei Krankheitsausbrüchen gekommen sein, die etwa eine Generation lang grassierten. Ein Ausbruch soll sich ungefähr vor 5500 bis 5200 Jahren ereignet haben, der andere vor etwa 5000 bis 4800 Jahren.
Die untersuchten Jäger und Sammler waren teils miteinander verwandt: Sie bildeten kleine, mobile Familien, die sich offenbar untereinander angesteckt hatten. Dieses Szenario widerspreche der bisherigen These, dass sich für die Pest erst in dicht bevölkerten Siedlungen günstige Bedingungen boten und sie durch die bäuerliche Lebensweise leichter von Nutztieren auf den Menschen überspringen konnte.
Die frühe Pest traf vor allem Kinder
Laut den Forscherinnen und Forschern waren am Baikalsee vor allem Kinder der Krankheit erlegen. Schon lange hatte ein Friedhof die Archäologen stutzig gemacht: Es gab dort auffällig viele Gräber von Kindern und Jugendlichen. Eine Erklärung sei nun, dass einst eine Pestepidemie wütete. Der Erreger könnte zudem für Kinder besonders tödlich gewesen sein: Die Fachleute entdeckten im Erbgut des Steinzeit-Bakteriums das Gen ypm, das ein sogenanntes Superantigen codiert: Dieses Molekül kann zu einer starken Überreaktion des Immunsystems führen und schwere Erkrankungen auslösen. Vergleichbare Immunantworten kennen Fachleute vom Izumi-Fieber (das auf eine Infektion mit Yersinia pseudotuberculosis zurückgeht) und einem Kawasaki-ähnlichen Syndrom – beide Krankheiten betreffen vor allem Kinder.
Angesteckt hatten sich die Jäger und Sammler möglicherweise bei Murmeltieren (Marmota sibirica). Die Tiere gelten bis heute als Träger des Pestbakteriums. Noch bis in die jüngere Vergangenheit wurden die Nager für ihr Fleisch und Fell gejagt – und sorgten so für Ansteckungen mit der Pest beim Menschen. Über denselben Übertragungsweg könnten sich die Jäger und Sammler vor 5500 Jahren infiziert haben. Jedenfalls fanden sich in älteren Gräbern der Wildbeuter Zähne von Murmeltieren; man hatte die Nager also getötet.
Zu den zuvor ältesten Nachweisen für eine Infektion mit Yersinia pestis zählt ein ungefähr 4900 Jahre alter Fund: An einem Skelett in Schweden fanden sich 2019 genetische Spuren des Erregers. Auch dort scheint das Bakterium von Nagetieren übertragen worden zu sein. Und 2022 lokalisierten Archäogenetiker den Ort, an dem die mittelalterliche Pest vermutlich erstmals aufgetreten war: Auf einem Friedhof in Kirgisistan fanden sich mit Yersinia pestis infizierte Tote aus der Zeit um 1338/39.
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