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Philosophie: "Sie brauchen einen philosophischen Maßstab"

Am Montag startete in Berlin der 20. Deutsche Kongress für Philosophie. Eine der Sektionen der Tagung lautet: "Das kreative Gehirn". Hirnforschung und Philosophie - passt das zusammen? Ja, findet der Magdeburger Philosoph Michael Pauen.
Michael PauenLaden...
spektrumdirekt:
Herr Professor Pauen, warum beschäftigt sich ein Philosoph mit Hirnforschung?

Michael Pauen:
Die Hirnforschung widmet sich zunehmend solchen Themen, die traditionell von der Philosophie bearbeitet worden sind: dem Bewusstsein, dem Selbstbewusstsein oder dem Problem der Willensfreiheit. Manchmal gehen Hirnforscher davon aus, dass sie diese Fragen besser beantworten können als wir, aber ich glaube, dass in Wirklichkeit eine Arbeitsteilung wichtig ist.

Michael Pauen ist Philosoph und lehrt an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Nach seiner Habilitation im Jahr 1995 arbeitete er in den USA und am Hanse- Wissenschaftskolleg in Delmenhorst. Für seine Forschungen erhielt er 1997 den Ernst-Bloch-Förderpreis; sein Buch "Illusion Freiheit" wurde im November 2004 zum Sachbuch des Monats gewählt.
spektrumdirekt:
Und für welche Bereiche wäre dann die Philosophie zuständig?

Pauen:
Philosophen klären, was wir eigentlich unter Begriffen wie Willensfreiheit oder Selbstbewusstsein verstehen. Welche Kriterien setzen wir hierfür an? Das sind Fragen, die Sie nicht empirisch ermitteln können. Aufgabe der Hirnforschung ist es hingegen, herauszufinden, ob die Menschen diese Kriterien erfüllen. Handeln die Menschen frei, und unter welchen Bedingungen tun sie das?

spektrumdirekt:
Nun sagt der Hirnforscher Gerhard Roth, wir hätten keinen freien Willen.

Pauen:
Roth wendet sich eigentlich nur gegen eine traditionelle Vorstellung von Willensfreiheit. Aber er beruft sich auch auf den Neurobiologen Benjamin Libet. Er hat in den 1980er Jahren in Versuchen festgestellt, dass das Bereitschaftspotenzial der Neuronen einem Willensentschluss vorausgeht.


"Kein sinnvolles Kriterium"

spektrumdirekt:
Jeder Willensentschluss ist also schon im Vorhinein determiniert.

Pauen:
Ja, aber darin liegt gar kein Problem. Viele Menschen glauben, eine Handlung sei frei, wenn sie nicht determiniert ist. Das ist aber kein sinnvolles Kriterium. Denn eine Handlung, die nicht determiniert ist, kann auch nicht durch uns determiniert sein. Sie ist ein zufälliges Ereignis. Es kommt also nicht darauf an, ob eine Handlung determiniert ist, sondern wodurch.

GehirnLaden...
Gehirn | Das Gehirn nicht nur den Neurowissenschaftlern überlassen: Der Philosoph Michael Pauen schlägt eine Arbeitsteilung vor.
spektrumdirekt:
Wie passt denn Freiheit mit neuronaler Determination zusammen?

Pauen:
Wenn man davon ausgeht, dass wir in einer Welt ohne immaterielle Seelen leben, ist es notwendig, dass unsere Überzeugungen neuronal realisiert werden. Die neuronalen Muster schränken jedoch unsere Freiheit nicht ein – sie ermöglichen die Freiheit, indem sie dafür sorgen, dass unsere Überzeugungen wirksam werden. Die Entgegensetzung von neuronaler Determination und Willensfreiheit ist also falsch.


"Willensfreiheit ist Selbstbestimmung"

spektrumdirekt:
Was ist denn dann genau Willensfreiheit?

Pauen:
Willensfreiheit ist Selbstbestimmung – sie ist also weder erzwungen noch zufällig. Deshalb kann Willensfreiheit nicht mit Indetermination verwechselt werden. Denn Selbstbestimmung erfordert ja gerade Bestimmung, aber Bestimmung durch die Person selbst.

"Neuronale Muster schränken unsere Freiheit nicht ein – sie ermöglichen sie"
spektrumdirekt:
Was wäre, wenn Neurowissenschaftler herausfänden, dass unser Konzept von freiem Willen nicht mit unseren neuronalen Prozessen in Einklang zu bringen ist?

Pauen:
Dann müssten wir Wege finden, damit umzugehen. Im Extremfall könnte das bedeuten, dass wir Personen nicht mehr für ihre Handlungen verantwortlich machen könnten, denn Freiheit ist eine Voraussetzung für Verantwortung.

spektrumdirekt:
Das hieße aber auch, dass wir unseren Begriff von moralischer Schuld über Bord werfen müssten, der ja auch auf dem Verantwortungsbegriff beruht.

Pauen:
Hätten wir keinen freien Willen, wäre das der Fall. Das heißt aber nicht, dass wir keine rechtliche Möglichkeit mehr zur Bestrafung hätten. Das deutsche Strafrecht ist tatsächlich auf dieser Bindung von Strafe und Schuld aufgebaut, aber es gibt durchaus andere Strafkonzepte, die etwa das Prinzip der Prävention in den Vordergrund stellen.

spektrumdirekt:
Aber macht Prävention denn Sinn, wenn man komplett determiniert ist?

Pauen:
Auch ein deterministisches System ist beeinflussbar. Man muss nur die Determinanten finden. Es wird dabei sicherlich Systeme geben, die mehr oder weniger beeinflussbar sind: Ein lügendes Kind beispielsweise ist leichter zu belehren als ein Triebtäter, der von neuronalen Prozessen bestimmt wird, die von ihm nicht mehr bewusst beeinflusst werden können. Ich glaube jedoch nicht, dass unser Freiheitskonzept so falsch ist.

spektrumdirekt:
Warum nicht?

Pauen:
Weil sich unser Selbstbild stark aus Erfahrungen speist, die über viele Generationen gewonnen wurden und sich im alltäglichen Handeln bewährt haben. Es ist unwahrscheinlich, dass diese Erfahrungen grundlegend falsch sind.


"Dualistische Annahmen"

spektrumdirekt:
Verändern die Neurowissenschaften unser Menschenbild?

Pauen:
Viele unserer Überzeugungen speisen sich aus vorwissenschaftlichen Quellen und stimmen mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen nicht mehr überein. Wir gehen häufig noch von dualistischen Annahmen aus, etwa bei der Vorstellung, Geist und Körper seien unabhängig voneinander. Die Neurowissenschaften tragen dazu bei, diese Dualismen aufzulösen. Zu einer vollständigen Revolution unseres Selbstverständnisses werden sie aber wohl nicht führen.

spektrumdirekt:
Können die Neurowissenschaftler von den Philosophen lernen?

Pauen:
Wichtig ist eben eine Arbeitsteilung. Wenn wir wissen, dass wir neuronal determiniert sind, wissen wir noch lange nicht, ob wir frei sind oder nicht – dazu benötigen Sie einen philosophischen Maßstab. Den finden Sie nicht, auch wenn Sie noch so lange Gehirne untersuchen.
Andererseits sagt die philosophische Überlegung noch nichts darüber aus, ob wir diese Maßstäbe erfüllen. Sie können den schönsten Begriff von Freiheit haben – er nützt uns wenig, wenn wir ihm nicht gerecht werden.
Dennoch ist es wichtig, schon vor der empirischen Studie eine Vorstellung davon haben, was Sie überhaupt untersuchen wollen. Und diese Maßstäbe liefert die Philosophie.
27.09.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 27.09.2005

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