Little Red Dots und »Schwarzloch-Sterne«: Neuer Röntgenpunkt heizt die Diskussion weiter an

Astronomen haben ein neues Puzzlestück im Rätsel um die »little red dots« (LRDs) gefunden. Es handelt sich dabei um kleine purpurrote Punkte, die in Himmelsaufnahmen gefunden wurden. Die Punkte sind offenbar sehr weit von der Erde entfernt und tauchen immer wieder in den Infrarotbeobachtungen des James-Webb-Weltraumteleskops (englisch: James Webb Space Telescope, JWST) der NASA auf. Ein neu entdeckter Fleck gibt außerdem Röntgenstrahlen ab.
Die LRDs waren schon in den frühesten Bildern des JWST zu sehen, und sie gehören nach wie vor zu den größten Überraschungen des Teleskops – rubinrote Objekte, die wie Sterne leuchten, aber eine Größe von bis zu 500 Lichtjahren erreichen können. Um was auch immer es sich bei den LRDs handelt, sie sind auf jeden Fall nicht selten: Sie scheinen fast zehn Prozent der leuchtenden Objekte auszumachen, die mit dem JWST in sehr großen Distanzen aufgespürt werden. Das Teleskop blickt dabei in eine Zeit zurück, in der das Universum zwischen 5 und 15 Prozent seines 13,8 Milliarden Jahre Alters erreicht hatte.
Nach jahrelangen Debatten und Nachfolgebeobachtungen glauben viele Astronomen inzwischen, dass LRDs eine völlig neue Klasse von Galaxien sein könnten. LRDs sehen zwar aus wie überdimensionale rote Sterne, doch ihr Leuchten könnte nicht durch die stellare Kernfusion angetrieben werden, sondern durch ein unaufhörliches Einströmen von glühend heißem Plasma in den unersättlichen Schlund eines immer größer werdenden Schwarzen Lochs. Dieser Prozess erhitzt einen dichten »Kokon« aus Gas, der das Schwarze Loch umgibt und speist. Und dann leuchtet es wie eine rote Wärmelampe.
Diese Erklärung ist nach wie vor umstritten, lässt sie doch eine große Frage offen: Keines der Schwarzen Löcher, die wir im heutigen Universum beobachten, weist eine so dichte Gashülle auf. Wenn LRDs also wirklich »Schwarzloch-Sterne« sind, wie haben sie dann ihren Kokon abgelegt?
Eine Gruppe von Forschenden hat ein eigenartiges Objekt entdeckt, das in dieser Debatte für weiteren Zündstoff sorgt. Es ist nicht nur so rot wie ein LRD, sondern besitzt außerdem die charakteristische Röntgenstrahlung, die auch freiliegende Schwarze Löcher – ohne Kokon – emittieren. Die Forschenden hoffen, einen dieser hypothetischen Schwarzloch-Sterne gerade in dem Moment erwischt zu haben, als er sich durch seinen Kokon zu fressen begann. Das könnte der Anfang einer Metamorphose sein, die ihn in eines der gewöhnlichen extrem massereichen Schwarzen Löcher des lokalen Universums verwandeln wird. Das Team gab seine Entdeckung in einem am 14. Januar 2026 vorab online veröffentlichten Preprint bekannt und hat den Artikel bei den »Astrophysical Journal Letters« zur Publikation eingereicht.
»Haben wir eines der seltenen LRDs gefunden, das gerade dabei ist, aus seinem Kokon zu schlüpfen?«, fragt der Hauptautor des Artikels, Raphael Hviding vom Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg.
Hviding und sein Team wollten eine Erklärung dafür finden, warum wir LRDs im heutigen Universum nicht mehr sehen. Daher machten sie sich auf die Suche nach ihnen in Beobachtungsdaten aus späteren kosmischen Epochen. »Diese Art der Suche wird derzeit immer häufiger durchgeführt«, sagt Hviding. »Weil wir wissen, dass diese Art von Objekten existiert, durchsuchen wir jetzt andere Datensätze nach ihnen.«
So fanden sie den »Röntgenpunkt«. Er gibt uns Einblicke in eine ferne Vergangenheit, in der das Universum gerade einmal zwei Milliarden Jahre alt war. Mehrere Teleskope – darunter vor allem das NASA-Röntgenobservatorium Chandra – hatten den Röntgenpunkt bereits in der Nähe der Deichsel des Großen Wagens entdeckt. Die Aufnahmen bildeten sein Leuchten in verschiedenen Bereichen des elektromagnetischen Spektrums ab. Damals sah der Punkt jedoch so aus wie das Zentrum der aktivsten Galaxien: Materie fällt langsam und spiralförmig innerhalb einer hellen, heißen Gasscheibe in ein extrem massereiches Schwarzes Loch hinein, das während dieses Festmahls Röntgenstrahlen ausstößt.
Angesichts der allgemeinen LRD-Begeisterung fiel dem Team jedoch beim Untersuchen dieses Punkts etwas Seltsames auf. Seine Farbe war ungewöhnlich: Der Punkt war blutrot statt violettblau, wie es typisch wäre für den Kern einer aktiven Galaxie. »Es ist so spannend, weil dieses Objekt die Eigenschaften eines LRDs zu haben scheint und dennoch Röntgenstrahlen aussendet«, sagt die Mitautorin der Studie, Jenny Greene, Astrophysikerin an der Princeton University. »Es ist außergewöhnlich, solche Dinge gemeinsam auftreten zu sehen.«
Viele extrem massereiche Schwarze Löcher erscheinen rot, weil die meisten anderen emittierten Wellenlängen von umkreisenden Staubwolken absorbiert werden. Der Staub sendet diese absorbierte Strahlung dann normalerweise wieder aus, nur bei einer größeren Wellenlänge mit niedrigerer Energie.
Das Team durchkämmte die Daten nach Hinweisen auf einen solchen wiederholten Ausstoß der Strahlung aus den Staubwolken, fand allerdings nichts. Die Forschenden hoffen deshalb, dass das Objekt nicht nur ein Schwarzes Loch hinter einer Staubwolke ist, sondern der zerfallende Kokon eines LRD. Damit hätte man den Übergangsprozess markiert zwischen dem vom JWST abgebildeten, von LRDs bevölkerten Universum und unserem gewohnten, mit Schwarzen Löchern gefüllten lokalen Kosmos. Es wäre auch der erste überzeugende Beweis dafür, dass LRDs tatsächlich Schwarze Löcher beherbergen.
Einige Astronomen sind jedoch skeptisch, dass der Röntgenpunkt etwas Besonderes ist. »Das Objekt sieht für mich wie ein einfaches, durch Staub verdecktes und daher gerötetes, akkretierendes Schwarzes Loch aus«, sagt Roberto Maiolino, Astrophysiker an der University of Cambridge.
Doch es gibt noch ein weiteres Problem: Wenn das LRD gerade erst Löcher in seinen roten Schleier bohrt, sollten dann die durchscheinenden Röntgenstrahlen nicht noch etwas gedämpfter sein? Aber: »Es weist nicht einfach nur Röntgenstrahlen auf – es dröhnt geradezu vor Röntgenstrahlen«, sagt Hviding. »Dieses Objekt wirft mehr Fragen auf, als es beantwortet.«
Die Autorinnen und Autoren haben Anträge für weitere Beobachtungen des Röntgenpunkts eingereicht, um solche Fragen zu klären. Hierdurch könnte man auch weitere, ähnliche Objekte finden. »Das könnte dabei helfen, zu verstehen, was mit den LRDs geschieht«, sagt Amy Barger, Astronomin an der University of Wisconsin–Madison. Sie war nicht an der Studie beteiligt.
Inzwischen gibt es zahlreiche neue Ideen, die die erstaunliche Fülle an LRDs in den Bildern des JWST erklären sollen. Eine davon besagt, dass LRDs in Wirklichkeit Gaswolken sind, die zu Schwarzen Löchern kollabieren – dass das rote Leuchten eher eine gewaltsame Geburt als eine jugendliche Fressorgie ist. In einer Alternative wird argumentiert, dass einige Widersprüchlichkeiten der LRDs durch eine unregelmäßige, nichtsphärische Form erklärt werden können. Beide Hypothesen tauchen in Preprints auf, die in jüngerer Zeit veröffentlicht wurden, und jede hat bereits ihre Kritiker gefunden.
Selbst Jenny Greene, die im Jahr 2023 an einer der ersten Studien zu den LRDs mitarbeitete, hat den anhaltenden Publikationsrausch nicht vorhergesehen. »Ich wusste, dass diese Entdeckung wirklich cool ist, und ich wusste, dass die Leute sich dafür interessieren würden«, sagt sie, »aber ich hätte nicht erwartet, dass es drei Jahre lang jeden Tag eine neue Veröffentlichung geben würde.«
Es ist eine ganz besondere Zeit für die Astronomie – zumindest für einen Nachwuchswissenschaftler wie Hviding. »Wir haben wirklich etwas, was wir noch nie zuvor gesehen haben«, sagt er. »Zum ersten Mal seit Langem haben wir in der extragalaktischen Astronomie einen neuen Galaxientyp entdeckt.«
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