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News: Singen gegen den Lärm

Discos sind Kommunikationstöter - wer sein Gegenüber nicht lautstark anschreien will, muss alles mehrfach wiederholen, bis der Gesprächspartner es endlich verstanden hat. Schwertwalen geht es im Lärm der Walbeobachtungsboote kaum anders.
Allein schon die riesige Rückenflosse – bis zu mannshoch ragt sie aus den Wasser – ist beeindruckend. So richtig spektakulär wird es, wenn die schwarz-weißen Kolosse durch die Wasseroberfläche brechen, in die Luft hoch schnellen und wieder klatschend ins Wasser zurückfallen. Oder wenn sie, den Kopf aus dem Wasser gereckt, wie Flipper rückwärts durchs Wasser pflügen. Schwertwale (Orcinus orca) sind verspielte Gesellen – das macht sie zum Publikumsliebling der Walbeobachtungsflotten.

Eine Garantie, wirklich Wale zu Gesicht zu bekommen, gibt es zwar bei keiner Whale-Watching-Tour, doch bei Schwertwalen stehen die Chancen gut: Unter ihnen gibt es Gruppen, die so genannten Residents, die in Schulen von bis zu fünfzig Tieren in einem begrenzten Lebensraum verweilen. Dort folgen sie vorhersagbaren Routen und tauchen selten länger als vier Minuten; sie sind also verhältnismäßig leicht zu finden.

Die Gesänge der sehr sozialen Orcas, mit denen sie über mehrere Kilometer hinweg miteinander kommunizieren, unterscheiden sich von Gruppe zu Gruppe wie Dialekte. Jeder Dialekt verfügt über einen vorherrschenden Ruf, der bis zu 52 Prozent des Gesangs ausmacht. Die Verständigung der Tiere untereinander dürfte allerdings durch die Massen von Booten, die den Walen täglich folgen, erschwert sein – unsereins kann sich in der Stille des Waldes ja auch besser unterhalten als mitten auf der Place de la Concorde in Paris.

Um sich gegen den Motorenlärm durchzusetzen, haben die Orcas mehrere Möglichkeiten: Sie können die Frequenz oder die Amplitude ihrer Signale erhöhen oder deren Dauer verlängern. Denn ein Ton wird nicht nur dann besser gehört, wenn er lauter ist, sondern auch je länger er andauert. Die meisten werden diesen Effekt aus eigener Erfahrung kennen: Wer einen Freund am anderen Ende eines lauten Platzes sieht, wird sich diesem eher mit einem lauten, lang gezogenen „Haaallooo!“ bemerkbar machen als mit einem lauten, aber kurzen „Hallo!“.

Wie die Schwertwale mit der steigenden Lärmbelästigung durch die Touristenboote umgehen, untersuchte nun das Team um Rus Hoelzel von der Universität Durham. Die Forscher verglichen den Gesang von drei Orca-Schulen vor der nordamerikanischen Westküste in der Anwesenheit beziehungsweise der Abwesenheit von Booten. Dazu griffen sie auf Aufnahmen zurück, die aus drei aufeinander folgenden Zeiträumen stammten: Die erste Phase erstreckte sich von 1977 bis 1981, die zweite von 1989 bis 1992 und die letzte von 2001 bis 2003.

Im gesamten Beobachtungszeitraum hat sich der Touristenverkehr um die Wale herum vervielfacht. Folgten den Orcas anfangs nur einzelne Boote, war 2003 eine Flotte von 72 kommerziellen Beobachtungsbooten hinter den Tieren her; rund 22 von ihnen umschwärmen nun tagtäglich die Walschulen.

Von 1977 bis 1992 ließen sich die Schwertwale von den Neugierigen nicht groß stören. Sie setzten ihre Unterhaltungen ganz normal fort, egal, ob Whale-Watcher um sie herumfuhren oder nicht. Zwischen 1990 und 2000 verfünffachte sich fast die Flotte der Beobachtungsboote – nicht ohne Folgen. Von 2001 an war den schwarz-weißen Meeressäugern der Rummel um sie herum zu viel: Nun verlängerten sie ihre im Dialekt vorherrschenden Rufe um rund 15 Prozent, wenn sie von Booten umkreist wurden. Waren sie jedoch alleine, unterschied sich die Rufdauer nicht von früheren Jahren.

Offenbar gibt es einen kritischen Geräuschpegel, oberhalb dessen sich die Schwertwale gegenseitig nicht mehr richtig verstehen. Als Maßnahme gegen den andauernden Krach der Touristenboote ziehen die Orcas dann ihre Gesänge in die Länge, um sich dennoch miteinander verständigen können.

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