Sinnsuche: »Stellen Sie sich Ihren 100. Geburtstag vor«

Frau Asselmann, an vielen Orten gleichzeitig herrschen Krisen und Krieg, und auch den Alltag empfinden manche Menschen als Überforderung. Ist die Frage »Wozu das alles?« typisch für unsere Gegenwart?
Wir haben deutlich mehr Möglichkeiten als früher, uns selbst zu verwirklichen. Das ist zunächst einmal wunderbar. Gleichzeitig können die zahlreichen Optionen belastend sein. Weil es jede Menge Freiheiten gibt, wird es immer schwerer, den eigenen Platz zu finden. Viele fühlen sich orientierungslos, Sinn ist zur Holschuld geworden. Das überfordert viele. Auch die Erwartungen sind gestiegen, was ein gelungenes Leben ausmacht.
War Sinnfindung früher einfacher?
Noch vor wenigen Jahrzehnten gaben starre Normen vor, was man zu erfüllen hatte. Man wurde in ein bestimmtes Umfeld hineingeboren und hatte eine klar definierte Rolle. Da war die Hausfrau, die sich um die Familie kümmerte, während der Mann das Geld verdiente. In religiösen Familien galt Frömmigkeit als wichtig. Viele dieser äußeren Vorgaben sind heute weitgehend verschwunden.
In Ihrem Buch »Too much« beschreiben Sie Kontrollverlust als eine zentrale Erfahrung unserer Zeit. Wie hängt das mit dem Gefühl von Sinnlosigkeit zusammen?
In unserer komplexen Welt empfinden wir Kontrollverlust paradoxerweise oft dann, wenn wir versuchen, alles zu managen. Mit Aktionismus wollen wir unser Leben häufig in den Griff bekommen. Wir strampeln uns wie im Hamsterrad ab und erleben dennoch, dass unsere Ziele unverfügbar bleiben. Im eng getakteten Alltag bleibt kaum Zeit, innezuhalten und darüber nachzudenken: Was will ich eigentlich wirklich? Gleichzeitig zeigen Influencer auf Social Media, was als erstrebenswert gilt. Viele laufen solchen Idealen hinterher, um erst spät zu erkennen: Das erfüllt mich nicht. Wir setzen uns oft unrealistische Maßstäbe und vergleichen uns mit globalen Stars – nicht mehr wie früher mit unserem direkten Umfeld.
Wie hängen Sinnsuche und der Trend zur Selbstoptimierung zusammen?
Viele versuchen, sich perfekt zu ernähren oder einem idealisierten Körperbild zu entsprechen, um dem eigenen Leben Sinn und Struktur zu geben. In unserer leistungsorientierten Gesellschaft setzen wir Attraktivität, Status und Wohlstand häufig mit Glück und Sinn gleich. Aus der Psychologie wissen wir: Diese Rechnung geht oft nicht auf. Wir überschätzen solche Zustände. Wenn der Erfolg eintritt, merken wir häufig, dass er uns allein nicht erfüllt, und fühlen uns leer. Nicht selten heißt es dann von außen: Du hast doch alles, was willst du eigentlich noch? Das kann das Unbehagen zusätzlich verstärken.
Ist das Gefühl von Sinnlosigkeit ein Problem reicher Länder?
Teilweise. Wenn Menschen täglich um ihre Existenz kämpfen, bleibt wenig Zeit für übergeordnete Sinnfragen. In weniger wohlhabenden Gesellschaften spielen oft auch Tradition und Religion noch eine größere Rolle. Sie liefern Narrative, die Sinn verleihen.
»Sinn nimmt das Leid nicht, aber er macht es tragbarer«
Hilft Sinn, wenn es einem schlecht geht?
Sinn nimmt das Leid nicht, aber er macht es tragbarer. Der jüdische Psychiater Viktor Frankl verlor im Konzentrationslager der Nazis fast seine ganze Familie. Und doch hielt sich in ihm die Überzeugung, dass selbst im Leid Bedeutung liegen kann. Frankl beobachtete, dass Häftlinge, die ein klares »Wofür«hatten, widerstandsfähiger waren. Aus dieser Erfahrung entwickelte er die Logotherapie, basierend auf der Annahme, dass der Mensch von einem grundlegenden Willen zum Sinn getragen ist.
Wie fühlt sich Sinn überhaupt an?
Sinn ist weniger eine Emotion als eine kognitive Bewertung. Das Leben wirkt stimmig und kohärent. Sinn motiviert. Man bleibt dran, weil es sich richtig anfühlt. Demgegenüber steht das eher hedonistische, unmittelbare Glücksgefühl.
Sollte man also nach Sinn statt nach Glück streben?
Glück und Sinn sind verschiedene Facetten des Wohlbefindens. Glücksmomente sind flüchtig. Biologisch sind wir nicht darauf ausgelegt, permanent glücklich zu sein. Stattdessen erleben wir eher einzelne Glücks-Peaks. Sinn wirkt nachhaltiger. Es geht also weniger darum, sich zwischen beidem zu entscheiden, sondern darum, zu verstehen: Glück kommt und geht, Sinn bleibt.
Gibt es auch eine biologische Erklärung dafür, weshalb wir uns nach Sinn sehnen?
Wir unterscheiden uns von Tieren durch unsere Fähigkeit, die Zukunft vorwegzunehmen und unser Handeln an langfristigen Zielen auszurichten. Wer planvoll auf etwas hinarbeitet, braucht aber eine Vorstellung davon, wohin er will. Sinn liefert diese Orientierung: Er beantwortet die Frage, warum wir uns in eine bestimmte Richtung bewegen.
Hat Sinn auch gesundheitliche Vorteile?
Menschen, die ihr Leben als sinnvoll erleben, sind oft widerstandsfähiger. Studien zeigen: Wer Sinn empfindet, geht achtsamer mit sich um, lebt gesünder und im Schnitt auch länger – selbst wenn man Alter, Einkommen oder Vorerkrankungen berücksichtigt. Sinn hilft, Belastungen abzufedern. Wer weiß, wofür er lebt, geht Herausforderungen proaktiver an und hadert weniger mit dem, was sich nicht ändern lässt. Das entlastet psychisch und körperlich.
Wie findet man Sinn?
Laut der Osloer Psychologieprofessorin Tatjana Schell basiert Sinnerleben auf vier Säulen: Orientierung, Kohärenz, Bedeutsamkeit und Zugehörigkeit. Sie müssen nicht alle gleich ausgeprägt sein, tragen aber dazu bei, das Leben als sinnvoll zu empfinden.
Können Sie die vier Säulen genauer beschreiben?
Orientierung bedeutet, das eigene Leben an persönlichen Werten auszurichten, zu wissen, in welche Richtung wir gehen wollen. Kohärenz beschreibt das Gefühl, dass das, was wir erleben, zusammenpasst. Unser Gehirn sucht nach solchen Zusammenhängen, gerade bei schwierigen Erfahrungen. Wir sagen dann: »Dass ich früher eine Außenseiterin war, erklärt, warum ich heute so durchsetzungsstark bin.« Bedeutsamkeit entsteht, wenn wir das Gefühl haben, mit unserem Handeln zu etwas beizutragen, was uns wirklich wichtig ist. Und schließlich Zugehörigkeit: Sinn entsteht, wenn wir uns mit anderen verbunden und uns als Teil von etwas Größerem fühlen.
Kann man auch in der Arbeit Sinn finden?
Ja, Arbeit kann Sinn stiften, besonders wenn Menschen sehen, dass ihr Handeln etwas bewirkt, etwa wenn ein Schreiner etwas Nützliches erschafft. In der heutigen Arbeitswelt sind Prozesse jedoch oft wesentlich komplexer und abstrakter. Zahlreiche Menschen erfüllen nur noch eine kleine Funktion innerhalb eines großen, unüberschaubaren Systems. Dadurch fehlt häufig das Gefühl, etwas Sinnvolles beizutragen, und viele fragen sich: Warum mache ich diesen Job überhaupt? Wozu das alles?
Was raten Sie Menschen in solchen Situationen?
Es hilft, auf die Momente zu achten, in denen wir ganz bei uns sind und die Zeit vergessen. Oft zeigt sich darin, was uns wirklich entspricht. Solche Flow-Zustände entstehen, wenn Anforderungen und eigene Fähigkeiten gut zusammenpassen. In diesen Momenten stellt sich die Sinnfrage häufig gar nicht mehr: Wir erleben Sinn unmittelbar im Tun. Davon können wir uns mehr in den Alltag holen, bei der Arbeit oder in der Freizeit. Kreative Tätigkeiten wie Kunst oder Musik ermöglichen persönliche Entfaltung. Dadurch erleben wir sie meist auch als sinnvoll.
Wir Menschen setzen uns gern Ziele: 10 000 Schritte täglich, morgens 15 Minuten meditieren, anderthalb Stunden Tiefschlaf pro Nacht. Was steckt dahinter?
Die Hoffnung ist: Wenn ich dieses Regelwerk einhalte, finde ich Erfüllung. In unserer Leistungsgesellschaft lernen wir von klein auf, dass es wichtig ist, etwas zu erreichen: das Abitur, akademische Grade, eine eigene Firma oder eine Führungsposition. Oft übernehmen wir diese Ziele, ohne bewusst zu hinterfragen, ob sie uns selbst wirklich entsprechen. Sinnvoller ist es, sich an den eigenen Werten auszurichten.
Was meinen Sie mit Werten?
Werte sind das, was uns wirklich wichtig ist und unserem Leben Richtung gibt. Ziele sind konkrete Wege, diese Werte im Alltag umzusetzen. Ein Vorsatz wie »jeden Tag joggen« kann etwa für den Wert Gesundheit stehen – ist aber nur eine von vielen Möglichkeiten, ihn zu leben. Entscheidend ist: Wenn ein konkretes Ziel scheitert, geht der dahinterliegende Wert nicht verloren. Gesundheit kann sich auch anders ausdrücken, etwa durch Ernährung, Schlaf oder Bewegung, die besser zum eigenen Alltag passt. Ähnlich ist es in anderen Bereichen. Der Wunsch, eine Familie zu gründen, kann den Wert Fürsorge widerspiegeln, also das Bedürfnis, sich um andere zu kümmern. Wenn dieser Weg nicht möglich ist, lässt sich Fürsorge auch auf andere Weise leben, etwa durch Adoption oder Engagement im sozialen Umfeld.
Können Sie weitere Werte nennen?
Es gibt jede Menge. Beispiele sind Verbundenheit, Echtheit, Sicherheit, Gerechtigkeit, Gemeinschaft, Schönheit, Ruhe – aber auch Macht oder Erfolg.
Welche konkreten Wege gibt es, mehr Sinn im Leben zu erfahren?
Man kann sich fragen, welche Werte hinter den eigenen Zielen und Wünschen stecken – und ob man wirklich in diese Richtung will. Eine gute Strategie: Stellen Sie sich Ihren 100. Geburtstag vor. Jemand hält eine Rede über Ihr Leben. Was soll diese Person über Sie sagen? Was soll Ihr Leben ausgemacht haben? Dass Sie tolle Autos gefahren sind oder für andere da waren? Durch eine solche Rückschau erkennen wir unsere wichtigsten Werte und können unser Leben danach ausrichten. Einige wollen Menschen im Job inspiriert, andere Kinder auf ihrem Weg begleitet haben. Auch ein Blick zurück in die Kindheit oder Jugend lohnt sich, um zu erkennen, durch welche Dinge wir uns schon früh lebendig gefühlt haben.
Angenommen, jemand steckt in einer schweren Sinnkrise. Gibt es Therapien, die speziell auf Sinnfindung ausgerichtet sind?
Neben Viktor Frankls Logotherapie gibt es die Akzeptanz- und Commitment-Therapie. Auch bei ihr spielt Sinn eine zentrale Rolle. Sie gehört zur sogenannten dritten Welle der kognitiven Verhaltenstherapie und bezieht integrative und werteorientierte Ansätze stärker ein. Es geht darum, unangenehme Zustände zu akzeptieren, statt gegen sie anzukämpfen. Und man lernt, seine eigenen Werte zu erkennen und das eigene Leben danach auszurichten.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Angenommen, Sie trauen sich nicht, Ihre Meinung zu äußern, weil Sie befürchten, andere könnten über Sie lachen. Wenn Sie sich bewusst machen, dass Ihnen Authentizität wichtig ist, fällt es Ihnen leichter, trotz Angst zu sprechen – weil Sie im Einklang mit sich selbst handeln.
Wie kann man angesichts großer globaler Krisen wie Hunger, Kriegen und Klimawandel Sinn im eigenen Handeln finden, ohne in Verzweiflung zu geraten?
Wir neigen dazu, sehr groß zu denken und uns dann ohnmächtig zu fühlen. Als Einzelne können wir zum Beispiel den Klimawandel nicht lösen. Entscheidend ist daher die Frage: Was kann ich im Kleinen beitragen? Sobald wir ins Handeln kommen, verändert sich die Perspektive. Wir verlassen die gedanklichen Schleifen und erleben wieder, dass unser Tun etwas bewirken kann.
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