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News: Sitzt hier die Grammatik?

Mögen Sprachen auch noch so verschieden sein, sie haben einer These zufolge alle eine Art Universalgrammatik, eine tiefere Struktur, nach der Worte zu Sätzen angeordnet werden. Unser Gehirn lässt sich da nichts vormachen: Bei unsinnigen Regeln aktiviert es andere Bereiche.
Der kinderleichte Spracherwerb, bei dem Grammatik wie Wortschatz ohne groß zu hinterfragen einfach verinnerlicht werden, bleibt uns Erwachsenen leider verwehrt. Dabei haben Menschen, so formulierte vor allem der Sprachwissenschaftler Noam Chomsky, eine angeborene Vorstellung für die tiefere Struktur von Sprachen. Demnach würde diese Universalgrammatik, je nachdem, wo ein Kind aufwächst, den entsprechenden Vorgaben der Muttersprache angepasst, ausgeweitet und geübt. Sie legt nach Ansicht des Wissenschaftlers aber auch Grenzen fest und lässt nicht jede beliebige Wortanordnung zu, Sprachen könnten sich daher, so die Folgerung, nur innerhalb eines bestimmten Gerüsts entwickeln. Wo aber sitzt das zuständige System im Gehirn?

Mariacristina Musso von der Universität Hamburg und ihre Kollegen gingen davon aus, dass jene gesuchte Gehirnregion immer dann aktiviert werden sollte, wenn Versuchspersonen neue Regeln lernen, die in das Gerüst der Universalgrammatik passen. Sollten sie jedoch unsinnige, jenem angeborenen Grundkonzept zuwiderlaufende Statuten pauken müssen, dürfte sich jene Region in Schweigen hüllen, so vermuteten die Forscher.

Also organisierten sie Kurse in Italienisch und Japanisch für Lernwillige, die in diesen Sprachen keinerlei Vorkenntnisse hatten. Die neuen Sprachkenntnisse werden den Teilnehmern allerdings nur bedingt weiterhelfen, denn die Hälfte der sechs vermittelten Grammatikregeln war schlicht erfunden – und außerdem gegen jede hierarchische Struktur, wie sie Sprachen nach der Universalgrammatik zugrunde liegen würden.

So lernten die Teilnehmer die korrekten Satzstrukturen des Italienischen und Japanischen für normale Sätze, Passivkonstruktionen und indirekte Rede. Dazu aber mussten sie sich einprägen, bei einer Verneinung käme das "Nein" grundsätzlich nach dem dritten Wort im Satz und eine Frage entstehe allein durch das Umdrehen der Wortabfolge. Als dritte unsinnige Regel wählten die Forscher noch einen falschen Gebrauch des bestimmten Artikels im Italienischen und eine Vergangenheitsform im Japanischen, die ebenfalls nicht existiert.

Die Teilnehmer büffelten eifrig und erfolgreich: Sollten sie nun am Bildschirm Sätze auf ihre "Richtigkeit" hin beurteilen, lagen sie in der Trefferquote sowohl bei den tatsächlichen wie bei den erfundenen Regeln jeweils weit über 90 Prozent. Und sie wurden mit zunehmender Übung immer schneller in ihrer Entscheidung.

Das Gehirn aber sprach offensichtlich eine andere Sprache. Denn während beim Abrufen der korrekten Grammatikregeln das Broca-Areal in der linken vorderen Hirnhälfte aktiv wurde, meldete es sich bei den erfundenen Vorgaben zwar zunächst ebenfalls, wurde aber mit zunehmendem Lernfortschritt immer ruhiger, wie Aufnahmen mit funktioneller Magnetresonanztomographie zeigten.

Hier also, in diesem schon seit langem bekannten Sprachenzentrum, sitzt die Universalgrammatik, schließen die Forscher. Das Broca-Areal hätte damit eine entscheidende Rolle beim Erwerb neuer Sprachen, egal aus welcher Sprachfamilie. Dazu passt, dass Menschen, bei denen diese Gehirnregion geschädigt ist, beim Sprechen große Probleme mit der Grammatik haben und Rhythmen in der Sprache offenbar weder wahrnehmen noch selbst produzieren können. Allerdings können auch Schäden in anderen Hirnregionen zu einem beeinträchtigten Grammatikverständnis führen, und nicht jede Schädigung des Broca-Areals zieht wirklich jene Grammatikprobleme nach sich.

Daher sind nicht alle Kollegen ganz überzeugt. So sei nicht geklärt, dass die Forscher um Musso tatsächlich einen Unterschied zwischen der Verarbeitung der Universalgrammatik und dazu nicht passenden Konstrukten aufgespürt haben, es könnte sich, meinen Gary Marcus von der New York University und seine Kollegen, auch um andere Faktoren handeln. Außerdem müsste sich zeigen, welche Ergebnisse bei Kindern erzielt werden, die Sprachen ganz anders erlernen als Erwachsene, um wirklich sicherzugehen. Und außerdem stelle sich die entscheidende Frage, ob die Experimente überhaupt die Vorgänge beim Spracherwerb widerspiegeln oder nicht vielmehr nun ein Aneignen von Regeln, die anschließend in einem eben nur auf Sprache basierenden Spiel wieder abgefragt werden.

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