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Knidos: Skandalgrabung in der Türkei

Die hochsommerliche Grabungssaison in der Türkei wird dieser Tage durch unerquickliche Nachrichten gestört. Offenbar haben sich Notgrabungen in Knidos an der türkischen Ägäisküste im Lauf der Jahre zu Raubzügen entwickelt. Seit 21 Jahren leitet Ramazan Özgan, Archäologe an der Selçuk Universität im zentralanatolischen Konya, die Arbeiten nahe dem Ferienort Marmaris. Was die türkische Presse unter Berufung auf Behörden des Kulturministeriums, die seit Januar dieses Jahres ermittelten, nun vermeldet, wirft ein denkbar schlechtes Licht auf den Archäologen, der auch Korrespondierendes Mitglied des Deutschen Archäologischen Instituts ist.

Wie die Untersuchungen ergaben, wurden offenbar hellenistische und römische Artefakte in der 2600 Jahre alten Stadt nicht ordnungsgemäß katalogisiert, ein römisches Mosaik aus der Zeit um Christi Geburt verschwand zudem spurlos; und auch auf den Erhalt der Ruinen dürften die Archäologen nur unzureichend geachtet haben. So wurde eine als Grabungshaus ausgezeichnete Baracke ausgerechnet auf einer antiken Brücke errichtet, zwischen 2000-jährigen Säulen waren Abwasserrohre verlegt.

Das türkische Kulturminister Ertuğrul Günay hat die Arbeiten bis auf weiteres gestoppt. Die Direktorin des Museums von Marmaris, Neşe Kırdemir, die seit einigen Wochen gemeinsam mit vier Mitarbeitern die abgelegene Stätte rund um die Uhr bewacht, ist entsetzt: "Seit Jahren dachten wir, hier würden Rettungsgrabungen durchgeführt. Nun stellen wir fest, dass Knidos systematisch ausgeplündert wurde." Der suspendierte Grabungsleiter, gegen den im Zusammenhang mit den Räubereien mittlerweile die Staatsanwaltschaft ermittelt, weist laut türkischen Presseberichten die Vorwürfe zurück.

Die antike Hafenstadt Knidos liegt an der Spitze einer Halbinsel im Südwesten der Türkei gegenüber der griechischen Insel Kos. Der wohl berühmteste Sohn der Stadt war der Bildhauer Praxiteles, dessen Knidische Aphrodite aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. heute in mehreren antiken Kopien erhalten ist.

Hakan Baykal

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