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Bibliometrie: So einfach wird man zitiert

Womöglich zahlt es sich für Forscher aus, das Literaturverzeichnis ihrer Veröffentlichungen aufzublähen: Allein dadurch wird man schon häufiger selbst zitiert, wie eine Durchsicht tausender Studien vermuten lässt.
Publikationen
Allein die Ausführlichkeit des Literaturverzeichnisses am Ende einer Veröffentlichung entscheidet darüber, wie oft die Studie später selbst zitiert wird. Dies legt zumindest eine Analyse einer Anzahl wissenschaftlichen Arbeiten nahe, die in den letzten 100 Jahren im Magazin "Science" veröffentlicht wurden: Je häufiger die Autoren darin Kollegen zitiert hatten, desto häufiger tauchten sie später selbst wieder in der Referenz anderer Studien auf. Diese Tendenz wurde zudem im Lauf der Jahre immer ausgeprägter: Heute sorgt im Durchschnitt schon eine einzelne Erwähnung dafür, selbst einmal mehr zitiert zu werden.

"Die Relation zwischen der Zahl der Literaturverweise und der Häufigkeit, selbst zitiert zu werden, ist geradezu lächerlich eindeutig", verrät der Studienleiter Gregory Webster in einem Interview dem Magazin "Nature": "Wenn Sie zitiert werden wollen, sollten Sie vielleicht einfach andere häufiger zitieren", so der Psychologe der University of Florida in Gainsville.

Zwar sei diese Relation schon zuvor "nahegelegt" oder gar "bewiesen" worden, meint Webster; er halte seine Arbeit nun aber für die erste, die das Problem umfassend unter die Lupe nimmt, weil sie verschiedene Magazine sowie eine große Zahl von Veröffentlichungen aus einem langen Zeitraum einbezieht.

Webster hatte den Effekt zuvor schon – allerdings weniger stark ausgeprägt – im "Journal of Consulting and Clinical Psychology" sowie in "Evolution and Human Behavior" festgestellt und dies im vergangenen Jahr publiziert; beide Blätter gelten als in ihrem Fach bedeutende Magazine. Seine neue Studie präsentierte er Anfang August auf der Tagung der International Society for the Psychology of Science & Technology im kalifornischen Berkeley. Er wertete dazu Daten der Internet-Datenbank von Thomson Reuters aus und analysierte insgesamt 53894 Artikel aus den "Science"-Jahrgängen 1901 bis 2000.

Ein eindeutiges Bild entsteht, wenn man die Zahl der Referenzen im Literaturverzeichnis gegen die Häufigkeit aufträgt, mit der die Studie am Ende selbst zitiert wurde: Zu rund 50 Prozent entscheidet allein die Referenzanzahl eines "Science"-Papers über die Zitierhäufigkeit. Und: Anders, als man zunächst meinen könnte, sind es nicht gerade die zusammenfassenden Übersichtsartikel im Vergleich zu den Standardstudien, die – im Durchschnitt – mehr Literaturverweise enthalten und erhalten.

Im Lauf der letzten einhundert Jahre, so die Studienergebnisse, zeigt die Relation einen eindeutigen Trend und verstärkte sich um das mehr als Dreifache. "Das ist, egal wie man es durchrechnet, ein ziemlich deutlicher Effekt", so Webster. "Bei Übersichtsartikeln ergeben sich zwar geringfügige Ausschläge, tatsächlich aber in die Gegenrichtung: Im Durchschnitt zeigt sich bei Review-Artikeln sogar eine weniger auffallende Tendenz als bei den untersuchten Einzelstudien."

Webster – der seine Studien jetzt auch auf "Nature"-Paper ausdehnen und Forscher über ihr Zitierverhalten befragen möchte – findet noch nicht genug Datenbelege, um einen echten Kausalzusammenhang zu behaupten. Er vermutet aber, dass die Psychologie der Forschergemeinde einer "quid pro quo"-Haltung Vorschub leistet, welche die Zitierhäufigkeit erhöht.

Auf gegenseitiger Hilfestellung fußende Forscherbeziehungen durchlaufen vielleicht ihre Höhen und Tiefen, können aber durchaus im Lauf der Zeit den beobachteten Effekt fördern, meint Webster. "Wissenschaftler sind genauso sozialen Zwängen unterworfen wie alle anderen Berufsgruppen."

Andere möchten die Ergebnisse lieber mit Vorsicht interpretiert wissen. Der Bibliometrie-Experte Jonathan Adams, Leiter der Forschungsevaluationsabteilung bei Thomson Reuters, weist darauf hin, das die Ergebnisse, wiewohl "verblüffend", zugleich auch "nicht überraschend" seien. Weltweit gesehen nehme die Zahl der Publikationen und damit auch der Einzelreferenzen zu, womit, natürlich, auch die Zitierungen anstiegen, so Adams weiter.

Zudem zeigten unterschiedliche Menschen auch unterschiedliche Muster der Referenzierung – alles in einen Topf zu werfen, verrate am Ende dann nicht sehr viel. "Eine allgemeine Zitationsbewertung sollte immer mit dem im jeweiligem Fachgebiet typischen Raten in Zusammenhang gestellt werden", gibt Adams zu bedenken.

Webster gesteht ein, nicht nach unterschiedlichen Fachbereichen getrennt zu haben, weil dies nicht sein Hauptaugenmerk gewesen sei. "Die Untersuchung analysiert das Gesamtmuster", sagt Webster. "Was mich interessiert hat, war, wie die Dinge in der Wissenschaft im allgemeinen Durchschnitt liegen." Zwar, stimmt er zu, sei die globale Forschergemeinde im Lauf der Zeit gewachsen, das aber beeinflusse nicht notwendigerweise das Verhältnis zwischen Zitierungen und Referenzen. "Beide könnten vielleicht gemeinsam häufiger werden – das aber scheint von dem [beschriebenen] Trend unabhängig zu sein."

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