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Restaurationsökologie: So lasset uns denn ein Tropenbäumchen pflanzen

Mit Axt und Feuer frisst sich der Mensch durch den Urwald. Zurück bleiben oft nur verheerte, ungenutzte Landschaften mit kärglicher Artenvielfalt. Doch Genesung der Natur mit Hilfe des Menschen ist auch möglich - mit dem einfachen Mittel der Aufforstung.
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Zu den bedenklichsten Entwicklungen der globalen Ökosysteme zählt das weltweit rapide Schwinden der tropischen Regenwälder: Ob sie nun Viehweiden und Sojafeldern in Brasilien weichen, Ölpalmplantagen in Indonesien oder der Holzwirtschaft in Zentralafrika – von ihrer einstigen Ausbreitung um das Jahr 1900 ist heute nur noch die Hälfte vorhanden. Und es geht weiter zügig voran, denn jährlich schrumpfen die artenreichen Wildnisgebiete am Äquator um weitere ein bis zwei Prozent. Geschätzte 350 Millionen Hektar sind demnach schon komplett entwaldet und weitere 500 Millionen Hektar geschädigt oder allenfalls mit Sekundärwald bestanden.

Mit den abgeholzten Wäldern geht aber nicht nur die Biodiversität verloren. Ebenso leidet häufig die lokale Bevölkerung unter den Folgen, denn sie beziehen einen guten Teil ihres Brennholzes, ihrer Nahrung wie Medizin aus dem Wald und nutzen seine Wasserspeicher. Nicht zu vergessen ist schließlich seine Bedeutung für das globale Klima: Hilfe tut also Not.

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Eukalyptus-Plantage in Nordvietnam | Eine Eukalyptus-Plantage in Nordvietnam, in der sich ein artenreicher Unterwuchs bildet
Politik, Wissenschaft und Entwicklungshilfe setzen dazu vor allem auf drei Möglichkeiten: Schutzgebiete ausweisen, marginales Ackerland aufwerten oder Flächen aufforsten. Letzteres geschah bislang vorwiegend mit schnell wachsenden Hölzern aus den Familien der Kiefern, Eukalypten und Akazien, die rasch den Boden vor Erosion schützen und forstlich genutzt werden können – allerdings fehlt ihnen die vorherige Artenvielfalt.

Aufforstung mit Erfolg?

Ökologen um David Lamb von der Universität von Queensland in Brisbane setzen daher gezielt auf die Regeneration und Restauration der ursprünglichen Regenwälder, die entgegen der bisher gängigen verneinenden Meinung doch durchaus machbar ist. Relativ einfach ist sie in Bereichen, in denen nur geringe oder allenfalls mäßige Störungen vorgekommen sind – etwa selektiver Holzeinschlag oder punktuelle Öffnungen für die Suche nach Rohstoffen oder Siedlungen. Solange aus der Umgebung Baumsamen eingetragen werden können oder die Samenbank im Boden weit gehend intakt geblieben ist, hat die Natur hier die Kraft, sich schnell zu erholen.

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Trockenwald in Guanacaste | Zu den bedrohtesten Waldgebieten der Welt gehören auch die seltenen Trockenwälder, die sich nur noch an wenigen Stellen entlang der Pazifikküste von Mittelamerika wie hier in Guanacaste in Costa Rica finden.
Beispiele dafür finden sich etwa in Costa Rica im Nationalpark Guanacaste im Nordwesten des Staates, wo unter anderem durch Landkäufe – initiiert durch den amerikanischen Biologen Daniel Janzen – ein großes Schutzgebiet entstanden ist, das zwei Prozent der Landesfläche einnimmt. Die Besonderheit daran ist, dass weite Bereiche des neuen Schutzgebiets durch Viehweide teils stark gestört waren und mitunter nur einzelne Bauminseln überlebt haben. Durch Feuerunterdrückung und sukzessive Entfernung der Rinder entstand dann innerhalb weniger Jahrzehnte erneut ein tropischer Trockenwald. Ihm fehlen zwar noch viele typische Spezies, doch rein äußerlich gleicht er schon stark dem Original.

Dieser Prozess lässt sich jedoch auf zu stark geschädigten Arealen nicht mehr ohne weiteres in Gang setzen – zumal in Gebieten, in denen sich in der Zwischenzeit ein neues stabiles Ökosystem ausgebildet hat wie etwa die weiträumigen Alang-Alang-Grasländer auf Sumatra, die dort nach mehrfacher Brandrodung den Regenwald dauerhaft ersetzen. Sie erhöhen zusätzlich die Brandgefahr und verhindern auch auf diese Weise das neuerliche Aufkommen von Bäumen.

Pioniere als Starthilfe

Ohne fremde Hilfe sind diese Regionen für Wälder auf lange Sicht verloren. Das gängigste Mittel hier sind natürlich Aufforstungen; die Gefahr des Scheiterns ist allerdings meist sehr hoch. Lamb und seine Kollegen empfehlen daher nach Auswertung verschiedenster Projekte beispielsweise zuerst die Anpflanzung einiger weniger einheimischer Pionierarten. Sie wachsen schnell auf, sind an die oft harschen Bedingungen offener Flächen angepasst und überschatten zügig die unerwünschten Gräser und Kräuter. Damit verringern sie die Brandgefahr und schaffen zusätzlich ein erträglicheres Mikroklima für weitere Waldbaumarten.

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Fledermausbehausung | Um einheimische keimfähige Samen in Wiederbewaldungsgebiete zu bringen, versuchen Forscher unter anderem Fledermäuse mit künstlichen Behausungen anzulocken.
Deren Eintrag erfolgt im günstigsten Fall durch Vögel oder Säugetiere aus benachbarten Wäldern. Unterstützend können diese Tiere angelockt werden, indem ihnen künstliche Nisthöhlen oder Schlafplätze angeboten werden. Ein derartiges Projekt läuft derzeit ebenfalls in Costa Rica. Dort versucht der Biologe Detlev Kelm von der Universität Erlangen ebenfalls die Restauration von Regenwäldern mit Unterstützung von Fledermäusen, denen er spezielle Betonunterkünfte zur Verfügung stellt. Die nächtlichen Früchtefresser suchen diese am Rande von Urwäldern gelegenen Behausungen auf und scheiden auf dem Weg dorthin die unverdauten Samen ihrer Fruchtbäume wieder aus.

Erneut besteht die Gefahr, dass es zu einem Artenungleichgewicht kommt, bei dem etwa Bäume mit voluminösen, schweren Früchten, die von großen Säugern wie Affen oder Elefanten verbreitet werden, unterrepräsentiert bleiben. Um dem entgegenzuwirken, müssen gleich zu Beginn große Mengen an Keimlingen und jungen Bäumen gepflanzt werden – mindestens 2500 Stück pro Hektar und mitunter unter Auslassung einzelner Sukzessionsstadien. Spezies, die offene Bedingungen nicht überleben, folgen dann später als Setzlinge im Unterwuchs.

Auch für diese Art der Wiederherstellung geben die Forscher ein Beispiel an: Das Gelände einer ehemaligen Bauxit-Mine in Zentralamazonien, wo nach Beendigung des Abbaus der zuvor entfernte Mutterboden an Ort und Stelle wieder aufgetragen und 160 Baumarten der unterschiedlichsten ökologischen Gruppen und Waldstadien ausgebracht wurden. Nach 13 Jahren glich der Wald in seinem Artenspektrum bereits den umliegenden intakten Wäldern – nur der Strukturreichtum ließ natürlich zu wünschen übrig.

Mit Unterstützung der Bevölkerung

Idealerweise, und vielen Regionen auch nicht anders möglich, beziehen die Pflanzer die lokale Bevölkerung mit ein. Denn das erhöht die Akzeptanz der Projekte und schafft gleichzeitig Arbeit und Einkommen – etwa bei der Einrichtung von Frucht- und Holz-"Plantagen", in denen eine oder mehrere wertvolle einheimische Baumarten angepflanzt werden. Sie können selbstverständlich keinen echten Regenwald ersetzen, bieten aber zumindest einem Teil der Fauna Ersatzlebensräume. Zudem nehmen sie den Druck von noch vorhandenen Naturwäldern.

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Aufforstung in Borneo | Idealerweise beziehen die Aufforstungsprojekte die lokale Bevölkerung mit ein: In Borneo bewirtschaften die Dorfbewohner die Fläche zwischen den Setzlingen, um sie vor der Überwucherung zu schützen.
Die deutsche Naturschutzorganisation Rettet den Regenwald betreut gegenwärtig ein ähnlich geartetes Projekt auf Borneo mit. Im Kot wildlebender Orang-Utans wurden dabei insgesamt die Samen von etwa 1700 Baumarten identifiziert, die nun gezielt nachgezogen und anschließend gepflanzt werden. In den ersten Jahren bauen Dorfbewohner aus dem Umfeld des neuen Parks Früchte wie Papaya und Ananas zwischen den Setzlingen an und schützen sie dadurch vor der Überwucherung mit dem Alang-Alang-Gras. Sobald der Wald aufgewachsen ist, stellen die Dörfler die Nutzung fast vollständig ein und wiederholen das Procedere an neuen Stellen.

Und selbst unter exotischen Baumkulturen ist die Wiederherstellung von Regenwald möglich – sofern die vorherige Nutzung eingestellt oder geändert wird. Daniel Janzen etwa versucht beständig den Guanacaste-Nationalpark durch Landkäufe zu erweitern, und darunter befinden sich mittlerweile auch Gebiete mit Plantagen. Sie grenzen an Primärwälder und locken daher ebenso eine Vielzahl an Pflanzenfressern an, die auf diese Weise Samen eintragen. Unter der artenarmen Monokultur wächst neuerlich vielfältiger Regenwald heran.

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Guanacaste-Nationalpark | Ein Erfolgsprojekt: Durch den Ankauf neuer Flächen vergrößert sich der Nationalpark Guanacaste im Nordwesten von Costa Rica ständig. Hier ein Blick über den Park auf die Kette der Kordillere.
Lamb, Janzen und alle ihre Kollegen geben zu, dass diese Projekte natürlich teuer sind, hohen Arbeitsaufwand erfordern und ohne die Kooperation mit der Bevölkerung vor Ort nicht zu bewerkstelligen sind. Vor der gegenwärtigen Weltklimakonferenz haben Länder wie Costa Rica oder Papua-Neuguinea schon angeboten, gegen Bezahlung ihre Wälder besser zu schützen und so einen Beitrag auch zum Klimaschutz zu leisten. Zumindest ein Teil dieser Gelder könnte in Projekte zur Wiederbewaldung fließen – geholfen wäre damit beiden Seiten.
10.12.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 10.12.2005

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