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Soziale Netzwerke: Jetzt noch schnell einen Mastodon-Account anlegen?

Die Open-Source-Alternative zu Twitter hat in etwas mehr als einer Woche fast eine halbe Million Nutzer hinzugewonnen. Aber lohnt sich der Wechsel – speziell für Wissenschaftler? Ein Blick auf die Vor- und Nachteile.
Twitter-Alternativen auf dem Smartphone einschließlich Mastodon
Während Twitter nach der Übernahme durch Elon Musk Nutzer verliert, erleben andere Apps merklich Zulauf.

Von Fehlern geplagt, ohne die Hälfte der Mitarbeiter und mit einem eigenwilligen neuen Eigentümer, der die Regeln nach Lust und Laune ändert, entwickelt sich Twitter von einer Social-Media-Plattform, die man unbedingt nutzen sollte, zu einer Plattform, vor der viele Menschen – auch Wissenschaftler – zurückschrecken. Andere Social-Networking-Plattformen, die ähnliche Funktionen bieten, stehen bereits in den Startlöchern, um die Nutzer abzufangen, die Twitter nun den Rücken kehren. Allen voran Mastodon, eine Open-Source-Alternative, die 2016 von dem deutschen Softwareentwickler Eugen Rochko ins Leben gerufen wurde. Unterstützt durch die positive Berichterstattung, ist der Dienst in den vergangenen Tagen zur beliebtesten Twitter-Alternative avanciert. Allein vom 27. Oktober bis zum 10. November 2022 sind rund eine halbe Million neue Nutzer zu Mastodon gestoßen, was in etwa einer Verdoppelung seiner Nutzerbasis entspricht.

Während sich Twitter-Nutzer fragen, ob und wann sie den Sprung wagen sollten, hat das Magazin »Nature« die Vor- und Nachteile speziell für Forscher untersucht.

Was ist Mastodon und wie unterscheidet es sich von Twitter?

Mastodon ist eine Open-Source-Microblogging-Plattform. Benannt wurde der Dienst nach einem ausgestorbenen, elefantenähnlichen Wesen, das zuletzt vor mehr als 10 000 Jahren auf der Erde lebte. Der Hauptunterschied zwischen Mastodon und Twitter besteht darin, dass Twitter zentral von einem einzigen Unternehmen kontrolliert wird, während Mastodon dezentral aufgebaut ist.

Das bedeutet, dass Einzelpersonen oder Organisationen einen Server (eine so genannte Instanz) einrichten und Benutzer darauf hosten können. Diese Server repräsentieren oft geografische Regionen oder Interessengebiete. Sobald sie einem Server beigetreten sind, können die Benutzer mit anderen Personen auf diesem Server chatten oder in das gesamte »Fediverse« posten. Nachrichten, die auf den meisten Servern verfasst werden, können von der gesamten Mastodon-Gemeinschaft gelesen werden, es sei denn, ein Benutzer hat sich dagegen entschieden.

Im Gegensatz zu Twitter, wo Mitteilungen auf 280 Zeichen begrenzt sind, stehen bei Mastodon je nach Serverinstanz bis zu 11 000 Zeichen pro Nachricht zur Verfügung, die hier »Toot« oder übersetzt »Tröt« genannt wird (standardmäßig sind es aber 500 Zeichen pro Nachricht). Ein weiterer Unterschied besteht darin, wie die Nutzer auf Inhalte stoßen: Die algorithmischen Empfehlungen von Twitter sind auf Mastodon nicht zu finden. Was die Nutzer sehen, hängt davon ab, wem sie folgen und was diese Personen teilen.

Was halten die Wissenschaftler auf Mastodon bisher von dem Dienst?

Bis zum jüngsten Zustrom war die Mastodon-Gemeinschaft klein und sorgfältig kuratiert – und bestand hauptsächlich aus Hobbyisten mit einer geekigen Neigung. Aus diesem Grund unterscheiden sich die Interaktionen auf Mastodon ein wenig von denen auf Twitter. »Mastodon ist wirklich großartig für Gespräche und wirkt viel intimer«, sagt Catherine Flick, die an der De Montfort University in Leicester, Großbritannien, über Computer und soziale Verantwortung forscht.

»Wenn man zu Mastodon kommt, ist das ein bisschen so, als würde man nach einer Konferenz etwas trinken gehen«, sagt Flick. »Man kommt mit allen ins Gespräch; mit Leuten, die die akademische Welt und die Grundregeln für akademische Gespräche verstehen.« Sie vergleicht es mit Twitter, wo man das Gefühl hat, dass alle zuhören und die Welt zuschaut. Ian Brown, Cybersicherheitsforscher bei der Getúlio Vargas Foundation in Rio de Janeiro, Brasilien, glaubt, dass eine beträchtliche Anzahl der Mastodon-Nutzer Akademiker sind.

Da sich die Nutzer auf verschiedene Server aufteilen, macht es Mastodon ihnen auch leichter, mit Gleichgesinnten zu sprechen. »Wenn ich auf Twitter gehe, ist es eher performativ«, sagt Flick. »Auf Mastodon herrscht ein natürlicher Zustand der Konversation.«

Ob das langfristig so bleibt, ist allerdings unklar. So gab es beispielsweise Spannungen auf Mastodon, die durch die Neuankömmlinge verursacht wurden, von denen viele ihre Gewohnheiten von Twitter mitgebracht haben. Journalisten, die daran gewöhnt sind, ihre Arbeit mit anderen zu teilen, ohne sich allzu oft an Konversationen zu beteiligen, wurden von alteingesessenen Nutzern ermahnt, und einige frühe Mastodon-Anwender befürchten, dass die Neuankömmlinge die Umgangsformen so verändern werden, dass sie denen auf Twitter stärker ähneln.

Welche Nachteile hat Mastodon?

Eine der Stärken von Twitter, die Mastodon nicht so gut wiedergibt, ist die Möglichkeit der Nutzer, ihre Nachrichten an eine große Anzahl von Personen zu senden, sagt Brown. Dies ist wichtig für Wissenschaftler, die ihre Forschungsergebnisse einem großen, nicht spezialisierten Publikum mitteilen wollen. »Das ist einer der wirklich demokratisierenden Effekte von Twitter und sozialen Medien im Allgemeinen«, bemerkt er.

Die gesamte Plattform ist eher darauf ausgelegt, dass sich Gleichgesinnte unterhalten

Es ist auch auf Mastodon möglich, Beiträge zu verfassen, die viral gehen, wenn genügend Leute einen Toot reposten. Die gesamte Plattform ist jedoch eher darauf ausgelegt, dass sich Gleichgesinnte unterhalten, und nicht so sehr darauf, eine große Anzahl an Menschen zu erreichen. Der »Zitat-Tweet«, der es den Nutzern ermöglicht, einen Beitrag mit einem zusätzlichen Kommentar zu teilen, existiert auf Mastodon nicht.

Für Forscher, die an die Kritik an der akademischen Welt gewöhnt sind, die oft mit zitierten Tweets einhergeht, kann Mastodon erfrischend sein, sagt Brown. Aber es ist auch eine Herausforderung, zu beweisen, dass die eigene Forschung eine öffentliche Wirkung hat, wenn man nur zu den bereits Bekehrten predigt, fügt er hinzu. »Ich vermute, das ist eine Frage der kritischen Masse«, sagt Flick, der glaubt, dass sich das mit der Zeit ändern wird, wenn sich mehr Leute anmelden.

Was gibt es sonst noch über Mastodon zu sagen?

Neben den bereits erwähnten gibt es noch andere Punkte, die Nutzern zu denken geben könnten. So kategorisiert Mastodon Unterhaltungen viel häufiger nach Hashtags als Twitter, was zum Teil daran liegt, dass es keine Empfehlungen von einem Algorithmus gibt. Auf Grund der technischen Architektur der Plattform gibt es allerdings keine offensichtliche Möglichkeit, Unterhaltungen über eine bestimmte wissenschaftliche Arbeit unter Verwendung einer DOI-Referenz als Hashtag zu kategorisieren. (Ein Nutzer hat das Problem gemeldet und darum gebeten, diese Funktion einzuführen).

Aus diesem Grund empfiehlt Brown zumindest Wissenschaftlern, die zu Mastodon wechseln, ihre Twitter-Konten nicht gleich überstürzt zu löschen. So könne man wenigstens beide Dienste weiter nutzen.

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