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Umstrittene Wiesenbewohner: Sommer, Sonne, Kanadagans

Mensch und Gans verbindet die Liebe zu grasumsäumten Wasserflächen. Für viele sind sie darum eine nervige Plage. Was kann man tun? Und was sollte man?
Kanadagänse auf der Heidelberger NeckarwieseLaden...

Viel Wasser und dichter Rasen bis ans Ufer: So sieht für viele das ideale Plätzchen für die heißen Sommermonate aus. Um die besten Plätze konkurrieren Erholungssuchende allerdings nicht nur mit anderen Menschen. Auch Schwäne, Enten und Gänse teilen die Vorliebe für das saftige Grün mit direktem Wasseranschluss. Mensch und Tier rücken einander auf die Pelle. Das schafft Konflikte.

Vor allem die Kanadagans hat ein schlechtes Image. Während die kleineren Enten und die einzeln oder nur paarweise auftretenden Höckerschwäne von den allermeisten Badegästen gleichgültig bis wohlwollend akzeptiert werden, werden die eher in größeren Trupps anzutreffenden und selbstbewusst auftretenden Kanadagänse oft kritisch beäugt. In vielen Stadtverwaltungen häufen sich deshalb gerade wieder die Beschwerden. Vor allem die Hinterlassenschaften der elegant groß gewachsenen Vögel mit graubraunem Gefieder, schwarzem Hals und Gesicht und markanten weißen Wangen sorgen für Unmut. Parkbesucher und Badegäste fordern ein Einschreiten. Doch das ist nicht so einfach – und nach Experteneinschätzung oft auch nicht nötig. Denn entgegen der weit verbreiteten Vermutung nimmt die Zahl der gefiederten Zuwanderer aus Nordamerika nicht mehr im rasanten Tempo der letzten Jahrzehnte zu. Wissenschaftler beruhigen zudem, was die Gesundheitsgefahr durch Hinterlassenschaften der Grasfresser angeht.

Häufig und anpassungsfähig

Kanadagänse gelten als die häufigste Gänseart weltweit. Experten schätzen ihre Zahl auf fünf bis sechs Millionen Tiere, die vor allem im ursprünglichen Verbreitungsgebiet, den Tundren Nordamerikas von Alaska an der Pazifikküste bis Neufundland am Atlantik, leben. Dort haben die robusten Vögel, die ein Gewicht von bis zu fünf Kilogramm erreichen können, in den vergangenen Jahrzehnten stark zugenommen. In Nordamerika legte der Bestand über die letzten 40 Jahre um 1500 Prozent zu.

Nach Europa kam sie aber nicht etwa, weil ihr der Platz in der Heimat zu knapp geworden war. Deutschland, die Niederlande und Belgien – ihre neuen Hochburgen auf dem europäischen Kontinent – hat Branta canadensis nicht auf eigenen Schwingen erreicht.

Vielmehr wurde sie ursprünglich als Ziervogel eingeführt. Die Freilassung einiger Vögel in München im Jahr 1826 gilt als der Startschuss für die Einführung der Art in Deutschland. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatten sich bereits mehrere feste Vorkommen etabliert. Doch im Krieg und in den Nachkriegsjahren landeten fast alle Gänse in der Bratpfanne hungriger Städter. Und so standen nicht nur Städte und ganze Landstriche vor dem kompletten Neuaufbau. Auch die meisten Bestände von Höckerschwan, Graugans und Kanadagans mussten von vorne anfangen.

Vor allem gut betuchte Adelige und Großindustrielle begannen in den 1950er Jahren und verstärkt in den Folgejahrzehnten damit, die stolzen Gänse als Zierde in ihren Schlossanlagen und Parks auszusetzen, berichtet Susanne Homma. Die Biologin erforscht seit mehr als 20 Jahren Kanadagänse und andere eingebürgerte Arten, so genannte Neozoen, die ursprünglich in anderen Weltregionen heimisch waren.

Bis heute ist die Kanadagans ein Wessi

Wie die Kanadagans nach Deutschland kam, ist nicht allein von historischem Interesse. Denn dass nur wenige Tiere in ein paar Gebieten ausgesetzt wurden, bestimmt bis heute ihr deutschlandweites Vorkommen. Dort, wo alles begann, leben heute immer noch die meisten Gänse. Und es gibt eine Ost-West-Grenze in der Verbreitung, für die nicht das Klima oder ein anderer natürlicher Faktor verantwortlich ist, sondern die ebenfalls ein geschichtliches Erbe ist.

Gleiche VorliebenLaden...
Gleiche Vorlieben | Eine große Wasserfläche, an die ein grasbewachsenes Ufer grenzt: Für die Gänse ist das so ideal wie für Menschen.

Weil im selbst ernannten Arbeiter- und Bauernstaat DDR adelige oder wohlhabende Liebhaber exotisch anmutender Gänse fehlten und dort generell kaum Gänse ausgesetzt wurden, ist die Kanadagans hier zu Lande bis heute ein Wessi: Von Berlin abgesehen kommt die Gans fast ausschließlich in Westdeutschland vor.

Nicht jede neue Art ist auch schädlich

Mit geschätzt rund 15 000 Brutpaaren, die sich ohne menschliche Unterstützung seit vielen Generationen fortpflanzen, ist die Kanadagans heute eine fest etablierte Art und damit ein auch gesetzlich geschützter Bestandteil der einheimischen Vogelwelt. Neozoen schlägt allerdings generell viel Skepsis entgegen. Häufig wird kein Unterschied zwischen Neubürgern gemacht, die für die einheimischen Ökosystemen unbedenklich sind, und so genannten invasiven Arten. Als invasiv – und damit auch gesetzlich zu bekämpfen – gelten allein jene gebietsfremden Arten, die sich negativ auf angestammte Spezies oder das Ökosystem auswirken, beispielsweise weil sie einheimische Arten verdrängen.

In der Europäischen Union gibt es eine Liste mit 49 Tier- und Pflanzenarten, die als invasiv gelten. Darauf finden sich Waschbär, Riesenbärenklau und die Asiatische Hornisse. Mit Nilgans, Glanzkrähe, Schwarzkopf-Ruderente und Heiligem Ibis werden vier Vogelarten auf der Liste geführt. Die Kanadagans ist nicht darunter. Das Bundesamt für Naturschutz führt sie aber auf einer grauen Liste »potenziell invasiver Arten«, die unter verschärfter Beobachtung stehen. Gänseforscherin Homma sieht jedoch auch nach langjähriger Beschäftigung mit der Art bislang keine Hinweise darauf, dass die Alteingesessenen oder ihr Lebensraum durch die Kanadagänse Schaden nimmt.

Kanadagänse lieben das Ruhrgebiet

Anders sieht es um die Mensch-Gans-Beziehung aus. Dass es hier immer wieder zu Konflikten kommt, hängt mit einer weiteren Besonderheit der Kanadagans-Verbreitung zusammen: Anders als viele andere Arten, die Menschen meiden und sich bevorzugt in die am dünnsten besiedelten Gebiete zurückziehen, stören sich Kanadagänse nicht an menschlicher Nähe, vor allem wenn sie durch Fütterung gezähmt wurden. »Wo es viele Menschen gibt, gibt es viele Kanadagänse«, sagt Homma, und ein Blick auf die Verbreitungskarte belegt das: Hamburg, Berlin, Frankfurt, Rhein-Main-Gebiet und allen voran das Ruhrgebiet sind die Schwerpunkte der Besiedlung.

Bei der Erklärung des Phänomens spielen wiederum die Parks und die starke Veränderung der ursprünglichen Landschaften durch Menschen die zentrale Rolle. »Gänse sind die Nutznießer unserer nährstoffübersättigten Landschaften«, stellt Michael Jöbges fest. Jöbges ist seit vielen Jahren beim nordrhein-westfälischen Landesumweltamt für Vögel zuständig. Die beinahe vollständig durch Kulturlandschaft ersetzte Natur mit einer Fruchtfolge, die selbst im tiefsten Winter reiche Nahrung garantiere, wirke wie eine Dauerfütterung für die Tiere. Die Seenlandschaft entlang des Rheins, eine Hinterlassenschaft des Kies- und Sandabbaus, tue ein Übriges, um NRW zum idealen Gänselebensraum zu machen. Für die wenig scheue Kanadagans komme noch ein entscheidender Punkt hinzu, sagt Jöbges: »Die vielen Parks schaffen Nahrung inmitten des Ballungsraums.« Kein Wunder also, dass sich allein in Nordrhein-Westfalen mittlerweile rund 11 000 Kanadagänse tummeln.

Auch Nilgänse mischen sich unter die Scharen der KanadagänseLaden...
Auch Nilgänse mischen sich unter die Scharen der Kanadagänse | Im Unterschied zu ihren Cousins aus Nordamerika gelten die Nilgänse manchen Experten zufolge als invasive Art.

In der Landschaftsgestaltung sieht auch Gänseforscherin Homma den Schlüssel für einen Ausgleich zwischen Mensch und Gans. »Die meisten Stadtparks sind in den letzten Jahrzehnten so angelegt worden, dass sie regelrechte Gänseparadiese sind«, sagt sie. Auf der grasbewachsenen Liegewiese können sie sich satt fressen und sich dann auf dem gut zugänglichen See ausruhen. Parks oder Badeseen, die so angelegt sind, böten eine »maximale Garantie für Kot auf den Wegen und eine Kollision zwischen Mensch und Gans«.

Viele Einzelmaßnahmen können den Konflikt entschärfen

Oft helfe es schon, einen Weg zu verlegen, der zwischen Nahrungs- und Wasserfläche liege, oder eine Heckenpflanzung, um den Konflikt zu entschärfen, sagt Homma, die auch Städte beim »Gänsemanagement« berät. Patentrezepte dafür gebe es aber nicht. Die Forscherin hat einen Katalog mit mehr als 170 Einzelmaßnahmen entwickelt, um auf die jeweiligen Gegebenheiten angepasst reagieren zu können. Im Kern gehe es darum, die Situation durch Gestaltung der Parks zu entzerren. Es müsse einerseits Bereiche geben, die für die Gänse gut geeignet seien und die Menschen das Erleben der Tiere ermöglichten. »Meidebereiche« hingegen sollen für die Tiere unattraktiv gestaltet sein und dadurch dem Menschen vorbehalten bleiben. »Dann kann jeder entscheiden, ob er die Tiere erleben oder lieber saubere Wege haben will.«

Einen anderen Weg, den Konflikt zu entschärfen, ging man in NRW vor einigen Jahren. Dort wurde in einem Langzeit-Pilotprojekt über zehn Jahre an einem Duisburger See ein Teil der Eier aus den Gelegen entnommen, an einem weiteren in Bergisch-Gladbach sogar alle Eier. Regelmäßige Zählungen ergaben in beiden Gebieten, dass sich trotz des Absammelns tausender Eier über die Jahre keine größeren Veränderungen in den Anzahl der Brutpaare ergaben. Die Zahl der Gänse sank nur leicht. Dennoch nahm die Zahl der Beschwerden durch Anwohner stark ab. »Allein das Gefühl, dass etwas unternommen wird, reicht offenbar schon für eine Befriedung aus«, sagt Jöbges.

Vielerorts stagniert die Population

Vielleicht entschärft sich das Problem aber auch von allein. Vielerorts stellen die Forscher nämlich ein Stagnieren der Gänsezahlen fest. »Es scheint, dass in NRW viele städtische Lebensräume in optimaler Zahl besiedelt sind«, sagt Jöbges. Homma und ihre Kollegen fanden heraus, dass inzwischen deutlich mehr als die Hälfte der Kanadagänse nicht mehr brüten. »Das spricht für eine gewisse Sättigung und dafür, dass nicht mehr sehr viel Ausbreitung stattfindet«, sagt die Biologin.

Das liegt wohl auch daran, dass sich die verschiedenen neu eingebürgerten Arten untereinander in Schach halten. Der allergrößte Teil der heutigen Vorkommen von Graugans und Höckerschwan geht auf das Aussetzen durch Menschen zurück. Und weil diese Arten sehr ähnliche Ansprüche an den Lebensraum haben, konkurrieren sie miteinander um Brutplätze. Hat ein Höckerschwan eine kleine Insel im See belegt, brütet dort keine Kanadagans mehr und umgekehrt. Es scheint, als hätten die Neozoen die nach dem Zweiten Weltkrieg freie ökologische Nische vielerorts aufgefüllt.

Und noch eine gute Nachricht hält die Forschung bereit. Für die häufig geäußerte Befürchtung, dass die Gänse über ihren Kot gefährliche Krankheiten verbreiteten oder die Gewässer zum Umkippen bringen würden, fanden Studien keine Belege. Das Bayerische Landesamt für Wasserwirtschaft etwa hat 2002 die Frage der Gewässerbelastung durch den Wasservogelkot an einem Badesee untersucht, der wegen starker Bakterienbelastungen schließen musste. Obwohl sich dort im Schnitt mehr als 400 Wasservögel aufhielten, habe die Selbstreinigungskraft des Gewässers ausgereicht, die zusätzliche Belastung durch den Vogelkot auszugleichen, heißt es in dem Report. »Als Ergebnis bleibt festzuhalten, dass die natürliche Wasservogelpopulation kein hygienisches Belastungsrisiko für Gewässer darstellt«, schreiben die Autoren. Wenn allerdings die Vogeldichte durch Füttern und Zusetzen von Hausgeflügel sehr stark erhöht werde, »könnten gewisse Beeinträchtigungen der mikrobiologischen Gewässerqualität vorkommen, aber nicht in dem Ausmaß wie bisher angenommen«, bilanzieren die Wasserexperten und empfehlen daher ein Fütterungsverbot an Badeseen.

»Diese Befunde können wir auch für NRW unterschreiben«, sagt Jöbges. In Nordrhein-Westfalen ließen die Behörden zudem die Frage untersuchen, ob die Gänse Krankheiten auf Menschen übertragen können. Dazu wurde eine dreistellige Zahl von Eiern mikrobiologisch auf Erreger und Antikörper untersucht. »Es konnten keine Erreger von Infektionskrankheiten nachgewiesen werden, die eine akute Gefährdung der Gesundheit von Menschen darstellen«, fassen die Autoren das Ergebnis ihrer Untersuchung zusammen.

»Kanadagänse und Menschen können miteinander leben, und sehr viele Menschen in den Städten wollen das auch«, hat Umweltamt-Mann Jöbges beobachtet. Selbst manche geplagte Stadtverwaltung gibt sich mittlerweile pragmatisch. »Wir haben die Erkenntnis, dass es keine wirksame Methode gibt, mit der wir stadtweit gegen die Gänse etwas unternehmen können, und das möchten wir eigentlich auch gar nicht«, sagt etwa der Chef des Kölner Grünflächenamts Manfred Kaune.

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