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Weichmacher: Weiterhin schädliche Substanz im Urin von Kindern

In 92 Prozent der Urinproben von Kindern und Jugendlichen fand das Umweltbundesamt erneut den fortpflanzungsschädigenden Stoff MnHexP. In zwei Proben wurde der geltenden gesundheitlichen Orientierungswert deutlich überschritten. Als Quelle bleibt Sonnencreme im Verdacht.
Eine Mutter schmiert ihren Sohn an einem sonnigen Tag am Strand mit Sonnencreme ein.
Sonnencreme ist zum Schutz der Haut unverzichtbar, aber ihre Inhaltsstoffe geraten immer wieder in Verdacht, gesundheitsschädlich zu sein.

Die fortpflanzungsschädigende Substanz Mono-n-hexyl-Phthalat (MnHexP) taucht laut Umweltbundesamt (UBA) weiterhin im Urin von Kindern und Jugendlichen auf. In 92 Prozent der im Frühjahr und Sommer 2025 gesammelten Urinproben konnte die Behörde den Stoff nachweisen. Einzelne Proben überschritten sogar den geltenden gesundheitlichen Beurteilungswert, so die Autoren. Der hohe Anteil belasteter Proben und die teils extremen Konzentrationen seien überraschend, erklärte Uba-Präsident Dirk Messner gegenüber der dpa.

Bereits 2024hatte das UBA erstmals über MnHexP in Urinproben berichtet. Zur gleichen Zeit entdeckte das Landesamt für Natur, Umwelt und Klima in Nordrhein-Westfalen den Stoff in Proben von Kindergartenkindern. »Dieser Zusammenhang zeigt sich auch bei den aktuellen Daten wieder«, sagt Messner. Die Human-Biomonitoring-Kommission des UBA hatte Anfang 2024 einen gesundheitlichen Orientierungswert für MnHexP festgelegt. Dieser HBM‑I‑Wert liegt bei 60 Mikrogramm pro Liter Urin. Konzentrationen bis zu dieser Schwelle seien laut Fachleuten unbedenklich. MnHexP entsteht beim Abbau des gesundheitsschädlichen Weichmachers Di-n-hexyl-Phthalat (DnHexP) im Körper. Der Stoff ist in der EU seit 2013 mit wenigen Ausnahmen praktisch verboten, beispielsweise in Kosmetika, Spielzeug und Materialien, die mit Lebensmitteln in Kontakt kommen. Seit 2023 muss eine Zulassung für einen bestimmten Zweck explizit beantragt werden – bislang hat jedoch niemand einen Antrag gestellt. Deshalb hatten die Behörden ihn eigentlich nicht als potenzielles Problem auf dem Schirm. Für DnHexP hatte das Bundesinstitut für Risikobewertung schließlich eine tolerierbare tägliche Aufnahmemenge von 63 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag errechnet.

In der aktuellen ALISE-Studie untersuchten die Forscher 259 Urinproben von Kindern und Jugendlichen im Alter von 6 bis 17 Jahren aus den Monaten April bis Juli 2025. Die Auswertung ergab, dass MnHexP in nahezu allen Proben auftrat. Zwei Kinder erreichten dabei Konzentrationen von 83 und 107 Mikrogramm pro Liter und lagen damit deutlich über dem HBM-I-Wert von 60 Mikrogramm pro Liter.

Die Quelle des Weichmachers DnHexP war 2024 zunächst unklar. Schließlich führte man die Funde auf eine Verunreinigung eines UV-Filters in Sonnencremes zurück, wie das UBA mitteilte. DnHexP könne bei der Herstellung des häufig verwendeten UV-Filters Diethylamino-Hydroxybenzoyl-Hexylbenzoat (DHHB) entstehen. Für Sonnenschutzmittel mit diesem UV-Filter gelten in der EU erst ab Januar 2027 strengere Grenzwerte für den DnHexP-Gehalt, so das UBA. Messner betonte jedoch, dass Sonnenschutzmittel für Kinder und Jugendliche unverzichtbar bleiben, um das Hautkrebsrisiko zu senken.

DnHexP sei nicht der einzige fortpflanzungsschädigende Stoff, dem Menschen ausgesetzt seien, erklärte das UBA. Die Gesamtbelastung durch solche Weichmacher habe in der letzten Analyse bei einem Großteil der Kinder, vor allem der jüngeren, die als tolerierbar definierte Aufnahmemenge überschritten. Umso wichtiger sei es, Produkte wie Sonnencremes frei von Verunreinigungen zu halten. Phthalate sind als Weichmacher in Kunststoffen weitverbreitet. Weil sie den Hormonhaushalt stören können (»endokrine Disruptoren«), sind sie unter anderem in Spielzeug und Kosmetika in der EU mittlerweile verboten. Der Mensch nimmt die Stoffe in der Regel über die Atemwege auf, wenn sie aus Kunststoffgegenständen ausgasen. Der Körper baut sie ab und scheidet sie mit dem Urin normalerweise innerhalb weniger Tage aus. Wenn sich in Urinproben der Bevölkerung konstant Abbauprodukte dieser Stoffe finden, deutet das darauf hin, dass die Menschen ihnen dauerhaft ausgesetzt sind. (dpa/doe)

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