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Psychische Störungen: Soziale Ängste haben zwei Gesichter

Die soziale Phobie gilt als stilles Leiden. Doch bei manchen Jugendlichen zeigen sich diese Ängste auf untypische Weise: Sie verhalten sich eher impulsiv als gehemmt.
Eine Person hält ihre Hände vor das Gesicht, wobei die Finger die Augen teilweise verdecken. Das Bild hat einen 3D-Effekt mit roten und blauen Überlagerungen, die einen surrealen Eindruck erzeugen. Die Person blickt direkt in die Kamera.
Der Umgang mit Ängsten kann emotional unterschiedlich gefärbt sein.

Schüchtern, leise, zurückhaltend: So stellt man sich sozial ängstliche Jugendliche vor. Auf viele trifft diese Beschreibung auch zu – auf andere jedoch nicht. In der Fachzeitschrift »Personality and Individual Differences« beschreibt ein Forschungsteam von der McMaster University in Hamilton (Kanada) eine atypische Variante, die mit narzisstischem, impulsivem und aggressivem Verhalten verbunden ist. Die Studie basiert auf Selbstauskünften von rund 300 kanadischen Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren.

Mittels einer Profilanalyse identifizierten Mollie Eriksson und Louis Schmidt drei typische Antwortmuster. Knapp die Hälfte der Jugendlichen zählte zur größten, psychisch stabilen Gruppe. Sie neigten weder zu sozialen Ängsten noch zu Narzissmus oder Aggressionen. Knapp jeder Dritte gehörte zur zweiten Gruppe, den typischen Sozialphobikern. Diese attestierten sich Merkmale für »verletzlichen« Narzissmus wie Empfindsamkeit und Angst vor Ablehnung, nicht aber für »grandiosen« Narzissmus wie ein starkes Bedürfnis nach Bewunderung. Sie beschrieben sich außerdem nicht als sonderlich impulsiv oder aggressiv. Rund jeder Vierte wies dagegen ein anderes Muster auf: moderate soziale Ängste, verbunden mit ausgeprägtem grandiosen und verletzlichen Narzissmus sowie impulsiven und aggressiven Zügen – ein Profil, das deutlich vom typischen Erscheinungsbild sozialer Phobien abweicht.

Wesentliche Unterschiede im Durchschnittsalter der drei Gruppen fanden Eriksson und Schmidt nicht. In der atypischen Gruppe waren männliche Jugendliche allerdings deutlich überrepräsentiert. Das passt den Forschenden zufolge zu einem vielfach bestätigten Geschlechterunterschied: Jungen reagieren auf Bedrohung eher mit einem nach außen gerichteten, »externalisierenden« Verhalten wie Aggression, Mädchen eher mit »internalisierendem« Verhalten wie sozialem Rückzug. Das Team führt das auf eine geschlechtsstereotype Sozialisation zurück, die Jungen zu Dominanzverhalten ermutigt und Mädchen sensible Reaktionen zugesteht.

Soziale Ängste können sich demnach unterschiedlich äußern. Die untypische Variante überhaupt zu erkennen, sei der nötige erste Schritt, um den Betroffenen gezielt helfen zu können, schreiben Eriksson und Schmidt. Allerdings würden herkömmliche Behandlungsansätze der atypischen Gruppe und ihren Problemen nicht gerecht. Die Autoren glauben, dass typische soziale Ängste in einer ausgeprägten Verletzlichkeit wurzeln, atypische soziale Ängste dagegen in einem Annäherungs-Vermeidungs-Konflikt: dem Streben nach Bewunderung bei gleichzeitiger Angst vor Ablehnung.

  • Quellen
Eriksson, M.J., Schmidt, L.A., Personality and Individual Differences 10.1016/j.paid.2025.113581, 2026

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