Sozialverhalten bei Fischen: Auch Haie pflegen Freundschaften

Viele Haispezies bilden regelmäßig Schwärme, aber schließen sie dabei auch Freundschaften? Oder nutzen sie vielleicht lediglich die Vorteile des Gruppenlebens wie etwa Schutz vor Feinden? Einige frühere Beobachtungen deuten darauf hin, dass Haie, und auch verwandte Knorpelfische wie Rochen, ein deutlich komplexeres Sozialleben haben als lange angenommen. Allerdings gestaltet sich die Feldforschung als schwierig. Ein Team um Natasha Marosi von der University of Exeter hat nun das Sozialverhalten von Bullenhaien (Carcharhinus leucas) in vielen Hundert Tauchgängen akribisch untersucht. Seine Ergebnisse veröffentlichte es in »Animal Behavior«.
Die Beobachtungen fanden im Shark Reef Marine Reserve im Inselstaat Fidschi statt, einem vor 25 Jahren gegründeten Schutzgebiet für mehrere Haiarten. Fütterungen locken hier regelmäßig große Gruppen von Bullenhaien an. In fast 500 Tauchgängen haben die Wissenschaftler um Marosi im Lauf von sechs Jahren die Interaktionen von 184 Bullenhaien dokumentiert und analysiert.
Mithilfe einer sogenannten Social Network Analysis suchten die Fachleute nach nicht zufälligen Begegnungen zwischen Tieren, die sich auf weniger als eine Körperlänge einander näherten. Anschließend betrachteten sie Muster sozial gerichteter Interaktionen wie »Führen-Folgen« und paralleles Schwimmen. Die Daten deuteten darauf hin, dass Begegnungen nicht allein auf räumlich-zeitliche Überschneidungen zurückzuführen waren, sondern vielmehr auf sozialen Präferenzen beruhten. Die Tiere vermischten sich also nicht zufällig und wählten ihre Sozialpartner offenbar aktiv aus.
Freundinnen bevorzugt
Männliche Haie verfügten im Durchschnitt über mehr soziale Kontakte als weibliche, beide Geschlechter bevorzugten die Gesellschaft von Weibchen. »Männliche Bullenhaie sind kleiner als Weibchen. Daher ist es möglicherweise für sie von Vorteil, sozial integriert zu sein, da sie so vor aggressiven Konfrontationen mit größeren Individuen geschützt sind«, so Marosi in einer Pressemeldung. Vor allem die Haie mittleren Alters verfügten über ein gutes soziales Netz. Ältere Artgenossen tendierten eher zum Einzelgängertum. »Die älteren Individuen verfügen über langjährige Erfahrung beim Jagen und bei der Paarung. Ihr Sozialverhalten ist für ihr Überleben möglicherweise nicht so entscheidend wie für ein Tier in der Blüte seines Lebens«, erläutert Marosi.
Auch Jungtiere zeigten sich wenig gesellig. Sie werden wahrscheinlich aufgrund fehlender Rangordnung oder körperlicher Reife aus den zentralen Gruppen ausgeschlossen. »Als Menschen pflegen wir vielfältige soziale Beziehungen – von flüchtigen Bekannten bis hin zu unseren besten Freunden; aber wir meiden auch aktiv bestimmte Menschen. Und diese Bullenhaie verhalten sich ähnlich«, sagt Marosi.
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