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Sportpsychologie

Warum uns Fußball fasziniert

Warum nimmt uns ein Fußballspiel so mit? Und wieso benehmen sich manche Zuschauer so daneben? Ein Gespräch mit dem Gießener Wissenschaftler Kristian Naglo über die Soziologie des Spiels mit dem runden Leder.
Für die einen ein Schreckgespenst, für andere Ausdruck friedlichen Partypatriotismus: deutsche Fans feiern beim Public Viewing

Spektrum.de: Doktor Naglo, beginnen wir mal mit einer Karikatur: Auf markiertem Rasen rennen 22 Erwachsene wie Kleinkinder einem Ball hinterher, verfolgt von einer Gouvernante, ausgerüstet mit Pfeife und Headset. Derweil herrscht auf den Rängen Karneval, gepaart mit pubertärem Verhalten: Bunt kostümiert wird gesungen, gehopst – dann nach entsprechenden Mengen Alkohol gepöbelt und schließlich geprügelt. Was sagt der Soziologe?

Kristian Naglo: Unter Umständen haben Sie da ein paar wichtige Aspekte schon benannt. Tatsächlich ist die Frage, warum Fußball so populär ist, eine relativ offene. Ich glaube, dass, was in der Literatur genannt wird, ziemlich einleuchtend ist – nämlich die Tatsache, dass viele Leute selbst spielen und so das Spiel auch theoretisch und körperlich verstehen. Streng genommen braucht man zum Fußballspielen ja keinen besonderen Ort und keine spezielle Ausrüstung: Eine Konservendose reicht als Ball, die Sie mit Straßenschuhen kicken können, ein Hauseingang als Tor – im Gegensatz zum American Football, wo Sie quasi eine Ritterrüstung benötigen, oder für Polo ein Pferd. Daher haben die meisten eine bessere Grundlage, um zu bewerten, was sie sehen. Das macht es attraktiver, dem Spiel zuzuschauen. Historisch spielen vor allem die in England sehr früh einsetzende Kommerzialisierung und Professionalisierung des Fußballs seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Rolle.

Weitere Punkte sind mit Sicherheit die, die Sie genannt haben. Man kann ein gewisses Verhalten an den Tag legen – die "Freiheit", sich zu benehmen, wie man will: zu schimpfen oder den Gegner zu beschimpfen, auch den Schiedsrichter. Und Alkohol spielt natürlich, wie wir gerade im Moment feststellen müssen, mit Sicherheit eine große Rolle. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass wir um Cups spielen. Die waren früher gefüllt.

Findet nicht auch ein gewisser Aggressionsstau und -abbau statt; denn man ist ja auf engem Raum – dem Stadion – eingezwängt und quasi in einer eigenen Welt?

Kristian Naglo
Kristian Naglo | Kristian Naglo, Soziologe an der Universität Gießen.

Unter Umständen ist das so. Aber grundsätzlich steigert dieser enge Raum aus meiner Sicht erst einmal die Wahrnehmung von Stimmung. Das Ganze wird lauter; man bekommt sozusagen ein wirklich körperliches Gefühl von Gemeinschaft. Man singt dasselbe und ist gleich angezogen. Und was die Aggressionen angeht: Ich denke, dass die Motivlagen der Leute, warum sie in die Stadien gehen, natürlich ganz unterschiedlich sind, und Aggression spielt da mit Sicherheit auch eine Rolle. Manche werden das nutzen, um ihr freien Lauf zu lassen, um das machen zu können, was sie im Alltag nicht können, nämlich – in einem klar begrenzten Rahmen – vulgär gesprochen die Sau rauslassen.

Lassen Sie uns mal von den negativen Aspekten wieder zu den positiven wie zu Anfang kommen.

Was den Fußball außerdem so attraktiv macht und das Spaßgefühl steigert, ist das Spiel mit dem Fuß: Man hat deutlich weniger Kontrolle. Und das macht es abwechslungsreicher. Der Zufall spielt eine große Rolle, trotz aller Versuche, den Spielverlauf detailliert zu planen, etwa über einen so genannten Matchplan.

Was interessiert die Soziologie am Fußballspiel? Sind es die Interaktionen zwischen den Spielern einer Mannschaft, die zwischen den Zuschauern oder die zwischen Publikum und Spieler?

Die Soziologie als Wissenschaft von der Gesellschaft interessiert sich für all diese Punkte beispielsweise, weil sie zum einen Identitätsbezüge aufweisen. Zum anderen kann man daran auch sehr gut erläutern und erklären, wie sich Gemeinschaften bilden, wie Konflikte entstehen; man kann außerdem sehr gut zeigen, dass Fußball als Freizeitsport quasi eine Teilzeitwelt ist: Die Teilnehmenden – egal als was sie teilnehmen (als Spieler, Zuschauer, Schiedsrichter) – sind nur zeitweise in dieser Welt tätig. Und diese Fußballwelt überlappt mit anderen Welten, zum Beispiel mit der dörflichen oder religiösen oder der professionellen Welt des Spiels. Interaktionen der Zuschauer oder auch zwischen Publikum und Spielern – das wird relativ selten fokussiert, könnte aber jetzt interessanter werden, weil man immer häufiger sieht, dass Zuschauer die Spieler direkt konfrontieren.

Nach dem Spiel gehen siegreiche Mannschaften gerne in die Fankurve, um sich feuern zu lassen.
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Verlassen wir für einen Augenblick das Spielfeld und wenden uns den "Auswüchsen" des Fußballs zu: dem Merchandising und den Hooligans. Fußball ist auch eine Ware. Das beginnt mit den Sammelbildchen oder Stickers

Ich habe einen dreieinhalbjährigen Sohn, der diese Bildchen sammelt; und dreieinhalb sagt ja im Prinzip alles. Auch zu meiner Zeit waren die Sammelalben von Bedeutung und wichtig, aber nicht so allgegenwärtig. Das Spiel hat sich seit Beginn der 1990er Jahre stark verändert – hin zu einem Hochglanzprodukt. Dieses mittlerweile globale Produkt will auch immer wieder angepriesen und in alle möglichen Bereiche verkauft werden. Die Alben zeigen meiner Meinung nach, wie gut das funktioniert.

Dies ist vergleichbar mit der Werbung von Blockbuster-Filmen, wo das Merchandising-System nahezu abgekoppelt ist vom Inhalt; der ist eher zweitrangig. Fußball wird verkauft als sauberes Spiel mit Spielern, die coole Frisuren und Tattoos haben, die relativ cool, aber gleichzeitig bedacht und diszipliniert auftreten und so ein attraktives Produkt repräsentieren. Bilder randalierender Hooligans, wie momentan in Frankreich zu sehen, sind natürlich Gift für das Produkt. Kritisch muss man jedoch anmerken, dass die Medien unsere Wahrnehmung des Spiels insbesondere seit Beginn der 1990er Jahre entscheidend in Richtung Hochglanzprodukt beeinflussen.

Wie lässt sich dieses "Gift" namens Hooligans vom Charakter her beschreiben? Sind es die Problemfälle der Gesellschaft?

Die Angehörigen der Hooliganszene sind nicht unbedingt "Pflegefälle" wie arbeitslose Jugendliche, sie kommen tatsächlich eher aus allen gesellschaftlichen Schichten. Da sind ganz normale Familienväter dabei oder Anwälte – Leute des wirklich gehobenen Mittelstands und eben nicht ausschließlich Personengruppen, die man als gescheiterte Existenzen bezeichnen würde. Rechtsradikalismus spielt wohl zunehmend auch eine Rolle. Das Frust- beziehungsweise Aggressionspotenzial scheint dabei erheblich zu sein. Unter Umständen brauchen die Beteiligten genau den Kick, den sie sich rund ums Fußballspielen holen und den sie bekommen, indem sie ihren Aggressionen freien Lauf lassen und in einem relativ klar begrenzten Rahmen aufeinander losgehen. Gleichzeitig sollte man das Phänomen nicht überbewerten: Es tritt nur sporadisch rund um bestimmte Events auf und wird dann medial aufgeblasen.

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Bei der WM 1954 und 1974 sah man diese Leute noch nicht.

Tatsächlich sind die Hooligans in England so Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre aufgetaucht. Im Prinzip ist das somit eine sehr moderne Bewegung, die archaische Handlungsmuster miteinbezieht. Sie ist durch strenge Handlungsvorgaben charakterisiert, einen bestimmten Dresscode etwa oder einen Verhaltenskodex in Kampfsituationen. Das entwickelte sich in den 1980er Jahren zu einem ganz manifesten Problem zumindest des europäischen Fußballs, insbesondere in England. Dort wurde dann im Anschluss an den so genannten Taylor-Report zu Beginn der 1990er Jahre die Fußballkultur komplett geändert, etwa durch Einführung von "all seater stadia" und die Gründung der Premier League 1992. Sich prügelnde Fans haben ja immer schon irgendwie dazugehört. Aber dieses Auftreten in Gruppen, die sich besonders kleiden und die Gewalt unabhängig vom Spiel sehen, das ist eine relativ moderne Erscheinung.

Noch einmal zurück aufs Spielfeld: Neben dem Torwart scheint für das Publikum der Schiedsrichter die wichtigste Person zu sein. Gerade der muss sich oft Kritik gefallen lassen.

Unter Umständen gilt hier das Nämliche wie für den Spaß am Zuschauen, dass jeder irgendwie ein praktisches Verständnis des Spiels hat. Die Regeln sind auch relativ leicht zu verstehen, verglichen mit Rugby, Cricket oder Hockey, aber trotzdem schwer in der jeweiligen Situation zu interpretieren. Und so gibt es halt auf Anhieb unterschiedliche Meinungen. Fußball ist ein Wettkampfsport, der durch zwei Kontrahenten, also Mannschaften, charakterisiert ist. Naturgemäß wird die eine Partei Situationen in der Regel anders interpretieren als die andere. Hier geht es vor allem um Fragen der Wahrnehmung, denke ich. Und der Schiedsrichter ist in der unglücklichen Position, dass er tatsächlich nur einen einzigen Pfiff wirklich kritiklos hinbekommt: Und das ist der für den Anstoß.

Vielen Dank für das Gespräch!

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