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Ende des Römischen Reichs: Der Mythos von der Völkerwanderung

Als das Römische Reich zerfiel, kamen die Germanen gestürmt? Von wegen, sagen Forscher, die mithilfe Hunderter Erbgut-Daten die Welt hinter dem Limes rekonstruiert haben.
Drei menschliche Skelette liegen nebeneinander in einer archäologischen Ausgrabungsstätte. Die Skelette sind vollständig erhalten und in einem rechteckigen Erdgrab freigelegt. Der Boden um die Skelette herum ist aus festem, hellbraunem Erdreich. Die Szene vermittelt einen Eindruck von archäologischer Forschung und historischen Entdeckungen.
DNA-Proben zeigen: Diese drei Männer, deren sterbliche Überreste in Ergoldsbach unweit des Gräberfelds von Altheim gefunden wurden, waren Brüder. In den umliegenden Siedlungen haben die Wissenschaftler weitere Verwandte von ihnen entdeckt.

Riesige Gruppen, die sich von Nordeuropa aus in Bewegung setzten und dann die Außengrenze des geschwächten Römischen Reichs an Rhein und Donau überrannten – so ähnlich haben sich viele Historiker seit dem 18. und 19. Jahrhundert die Epoche der Völkerwanderung vorgestellt. »Germanen« sollen sich vom 5. bis zum 7. Jahrhundert n. Chr. Richtung Süden aufgemacht haben, wo ihnen das geschwächte Imperium nichts mehr entgegenzusetzen hatte. Nachdem sie den Limes, die römische Reichsgrenze, überwunden hatten, setzten sie sich auch im ehedem römischen Einflussgebiet fest und etablierten ihre eigenen Sitten und Gebräuche, die prägend für das europäische Mittelalter werden sollten.

Weil sie bisher keine handfesten Hinweise für eine solche Massenbewegung gefunden haben, argwöhnen Historiker und Archäologen allerdings bereits seit 25 bis 30 Jahren, dass die Völkerwanderung nur ein Mythos sein könnte. Zu den führenden Köpfen dieser Zweifler gehört Hubert Fehr, der lange Zeit an der Universität Freiburg forschte und seit 2016 an leitender Stelle im Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege im Regierungsbezirk Schwaben tätig ist.

Bei seiner Gegenargumentation kann er sich künftig auf eine Studie stützen, die in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins »Nature« erschienen ist und »die mithilfe von altem Erbgut dem traditionellen Bild der Völkerwanderung diametral widerspricht«, sagt Fehr, der an der Untersuchung selbst nicht beteiligt war. Die jetzt veröffentlichten Ergebnisse seien das Resultat »einer sehr guten Zusammenarbeit von Naturwissenschaft, Geschichte und Archäologie«.

An der Universität Tübingen waren es vor allem die Historiker Mischa Meier, Steffen Patzold und Sebastian Schmidt-Hofner, die darüber diskutierten, ob die Völkerwanderung jemals so stattgefunden hat. Um ihre Zweifel an der vermuteten Massenbewegung zu untermauern, bat das Tübinger Trio nicht nur den Freiburger Archäologen Sebastian Brather um Hilfe, sondern auch den Paläogenetiker Joachim Burger von der Universität Mainz. Der stellte ein Team zusammen, das von Forschern der Universitäten Mainz, Tübingen und Fribourg in der Schweiz geleitet wurde. In dieser Gruppe spielten auch die Staatssammlung für Anthropologie in München und die archäologische Denkmalpflege in Bayern und Hessen eine zentrale Rolle.

Gemeinsam stemmte die Gruppe ein Forschungsprojekt, das jetzt in die »Nature«-Publikation mündete. Dafür hat sie das Erbgut von 258 Menschen untersucht, die ungefähr 400 bis 700 Jahre nach der Zeitenwende im heutigen Hessen und Bayern auf ursprünglich römischem Gebiet gestorben waren. Welche Geschichte vom Ende des Römischen Reichs würden ihre Gene erzählen?

Schmucklamm aus Pförring in Bayern |

In einem Kammergrab des 5. Jahrhunderts haben Archäologen zahlreiche identische Schmuckstücke aus Silberblech entdeckt. Sie gehörten einer Frau der Oberschicht und stellen Lämmer dar, die hinter sich blicken. Die Tiere zierten einst ein Stirnband und könnten bereits christliche Symbolik darstellen.

Ein Friedhof in Niederbayern

Ein großer Teil der Proben stammte von einem Gräberfeld bei Altheim in der Nähe der heutigen Stadt Landshut in Niederbayern, einstmals die Provinz Raetia secunda. Dazu kamen Erbgutanalysen aus Weilheim in Bayern sowie aus dem Rhein-Main-Gebiet, aus Büttelborn und Mömlingen. »Gegen Ende der Römerzeit begannen die Menschen, ihre Toten in Reihengräbern zu bestatten. Das waren die Vorläufer unserer mitteleuropäischen Friedhöfe«, erklärt der Projektleiter Joachim Burger. »Diese Bauern legten damals bis zu einem Drittel ihres beweglichen Besitzes einschließlich wertvoller Dinge mit ins Grab.«

Solche Funde aus den Grenzgebieten des Römischen Reichs sind für die Forschung sehr wichtig: »Historiker haben für diese Regionen nur wenige Schriftquellen, und die beziehen sich oft auf die besseren Kreise der Gesellschaft«, weiß Steffen Patzold von der Universität Tübingen, der das Projekt mitgeleitet hat. Schreibmaterial für Alltäglicheres sei damals oft noch Papyrus gewesen, das jedoch relativ rasch zerfiel.

Auf den untersuchten Gräberfeldern waren dagegen keine höheren Schichten, sondern einfache Bauern bestattet. Und was deren Erbgut verriet, passt überhaupt nicht ins Bild einer plötzlichen Masseneinwanderung: »Die Vorfahren dieser Menschen waren vier bis sechs Generationen vorher aus Regionen zugewandert, die irgendwo zwischen dem heutigen Niedersachsen und Schweden lagen«, fasst Joachim Burger ein zentrales Ergebnis zusammen. Da die ältesten Gräber in Altheim ungefähr im Jahr 414 ausgehoben wurden, muss diese Einwanderung mehr als 100 Jahre früher stattgefunden haben. Mit einem plötzlichen Kollaps des Reichs lässt sie sich folglich nicht in Verbindung bringen.

»Zumal das Erbgut zeigt, dass kleine Familienverbände in das Römische Reich einwanderten, während Hinweise auf eine Massenwanderung völlig fehlen«, erklärt der Mainzer Forscher weiter.

Kleiner Grenzverkehr

Stattdessen scheinen die »Barbaren« den Limes in ähnlicher Weise gequert zu haben, wie heute die Menschen von Deutschland in die Schweiz pendeln oder von Tschechien nach Deutschland. »In anderen Regionen des Reichs wissen wir von Helfern, die ähnlich wie derzeit Spargelstecher in der Saison zur Ernte kamen«, sagt der Tübinger Historiker Schmidt-Hofner.

Bald blieben diese aus dem Norden kommenden Menschen im Römischen Reich, lebten als Bauern in ihren kleinen Dörfern – und verstanden sich vermutlich längst als Römer. Joachim Burger erinnert die damalige Situation an Lateinamerikaner, die heute in die USA kommen: Sehr rasch nehmen sie die Verhaltensweisen der alteingesessenen US-Amerikaner an, manche wirken sogar authentischer als diese. So auch in den Provinzen am Limes: »Nach einiger Zeit dürften alle Latein gesprochen haben, während gallische Begriffe nur in gewissen Flurbezeichnungen überlebten«, meint der Mainzer Forscher. Lediglich bei der Wahl ihrer Ehepartner blieben sie ihrer alten Heimat treu: Man heiratete offenbar bevorzugt seinesgleichen.

Was sie nicht hinderte, die römischen Gepflogenheiten und das sich gerade durchsetzende Christentum in ihr Familienleben zu integrieren. Die Erbgutanalysen zeigen sehr deutlich, dass die Menschen nur einen Partner wählten, an den die Frauen sogar über den Tod hinaus gebunden waren: Witwen heirateten nicht den Bruder ihres verstorbenen Gatten wie andernorts üblich, sondern blieben anscheinend allein, sagt Burger. Vermutlich genau so, wie es die Kirche verlangte. Als »supergute Christen« beschreibt sie der Historiker Patzold.

Daneben zeigt sich bei den römischen Bauern, die von den einstigen Nordeuropäern abstammten, eine weitere, modern anmutende Sitte: Der Besitz wurde zwar normalerweise auf Söhne vererbt, »in Altheim aber konnte der ›pater familias‹ auch eine Tochter erben lassen«, sagt Schmidt-Hofner. Das ergibt sich aus den Abstammungslinien, die das Forscherteam aus den Erbgutdaten rekonstruierte. Auch diese Sitte hat sich in Mitteleuropa bis ins 21. Jahrhundert hinein gehalten.

Nach dem Zusammenbruch

Im Jahr 476 wurde der letzte Kaiser des Weströmischen Reichs abgesetzt. In der Folge brachen die staatlichen Herrschaftsstrukturen zusammen – auch im heutigen Bayern und Hessen (mehr dazu: »Als Passau in den Abgrund blickte«). An den Sitten der Bauern an der Grenze des Reichs änderte das zunächst wenig. Und doch hat dieser Kollaps im Erbgut und letztlich auch in der Gesellschaft tiefe Spuren eingekerbt. »Die Situation wäre vergleichbar damit, dass sich heute die USA aus Europa zurückziehen und sich gleichzeitig die Bundesrepublik Deutschland als Staat auflöst«, sagt Patzold.

Durchlässiger Grenzwall |

Die genetischen Untersuchungen zeigen: Der Limes erlaubte Menschen aus weiter nördlich gelegenen Regionen Europas, sich innerhalb der Reichsgrenzen niederzulassen – auch bereits lange vor dem »Fall«. Dieses rekonstruierte Limeskastell befindet sich bei Pfünz im Altmühltal.

Danach taucht auf den Friedhöfen Erbgut auf, das auf eine genetische Herkunft vor allem aus Südosteuropa deutet. Doch es finden sich auch Spuren von Menschen aus Regionen wie dem italienischen Stiefel, den Britischen Inseln oder sogar dem Westen Asiens. Das heißt aber nicht, dass plötzlich Südosteuropäer aufbrachen und ins heutige Niederbayern übersiedelten. Viel wahrscheinlicher ist, dass diese Gruppen bereits zu Zeiten des Römischen Reichs nebeneinander in der Region lebten. In Südeuropa hatten die Römer beispielsweise viele Männer für ihre Hilfstruppenkontingente rekrutiert.

Nach dem gewaltigen Umbruch seien die Menschen in Bewegung gekommen, erklärt Schmidt-Hofner. Dann mischten sich plötzlich Soldaten, Stadtbewohner und Bauern. »Anscheinend haben diese vorher isolierten Gruppen sofort nach dem Kollaps auch in andere Gemeinschaften hineingeheiratet«, sagt Joachim Burger. »40 oder 50 Jahre später tauchen die gemeinsamen Kinder dann auf den Friedhöfen auf.« Ab dem frühen 7. Jahrhundert ähnelt die Population in genetischer Hinsicht bereits der des modernen Mitteleuropas.

»Das Bild dieser Zeit wird komplizierter«, sagt Hubert Fehr dazu. Das wird sich wahrscheinlich in Zukunft fortsetzen. Dann sollte eine ähnlich interdisziplinäre Forschung auch andere Gebiete dieser Epoche wie die heutigen Niederlande und das Hinterland von Köln oder auch Trier und Umgebung untersuchen. Vielleicht gibt es dann, ähnlich wie in der vorliegenden Studie, weitere verblüffende Ergebnisse, die mit Mythen wie der Völkerwanderung aufräumen. Oder sie vielleicht sogar für andere Regionen untermauern.

Wer ist wer im Dorf?

Zu den Toten in den frühmittelalterlichen Gräberfeldern gibt es keinerlei biografische Daten. Oft lässt sich auch nur grob eingrenzen, wann ein Grab angelegt wurde. Trotzdem gelang es den Autoren der »Nature«-Studie, an vergleichsweise genaue Lebensdaten zu kommen. Sie nutzten dazu eine methodische Neuerung, die sie »Chronograph« nennen. Diese ermittelt das wahrscheinliche Geburts- und Sterbejahr einer bestatteten Person, indem sie alle vorliegenden Daten miteinander verrechnet, etwa das aus den Knochen erschlossene Alter des Individuums und eine etwaige Radiokarbondatierung der Bestattung.

Der Clou: Das Ergebnis wird umso genauer, je mehr nahe Angehörige der Person auf einem Gräberfeld identifiziert werden können, weil dann auch deren Daten mit in die statistische Berechnung einfließen. So lässt sich das Geburts- und Sterbejahr immer weiter eingrenzen, im Fall von Altheim bei der Hälfte der Individuen auf knapp 30 Jahre genau, bei vielen der Individuen sogar noch genauer.

In Altheim gelang dem Team dadurch ein Einblick in die Demografie eines ganzen Dorfs. Sie entdeckten ein außerordentlich dichtes Familiennetzwerk, das die 112 genetisch untersuchten Individuen miteinander verband. Anhand der DNA der Toten ließ sich zudem ablesen, wer zu den länger ansässigen nordeuropäischen Bauern gehörte und wer aus einer anderen Gruppe des Römischen Reichs stammte.

Auch einige statistische Eckdaten zur damaligen Bevölkerung sprangen bei der Untersuchung heraus. Die durchschnittliche Lebenserwartung lag demnach für Männer bei 43 Jahren und für Frauen bei knapp 40 Jahren, auch aufgrund einer hohen Kindersterblichkeit von acht bis zehn Prozent. Etwa ein Viertel aller Kinder hatten mit zehn Jahren bereits einen Elternteil verloren und wuchs als Halbwaise auf, Vollwaisen waren aber sehr selten. Zwei Drittel aller Zehnjährigen hatten zudem noch mindestens einen Großelternteil. Anders als in anderen frühmittelalterlichen Gemeinschaften, wo Mädchen jung verheiratet wurden, waren in Altheim Mutter und Vater in den allermeisten Fällen gleich alt. Geheiratet wurde vermutlich mit Mitte 20. Im Schnitt trennten die Generationen rund 28 Jahre. (jad)

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  • Quellen
Blöcher, J. et al., Nature 10.1038/s41586–026–10437–3, 2026

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