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Spätburgunder in Frankreich: Unverändert seit rund 600 Jahren

Wein hat in Frankreich eine lange Tradition und entsprechend viele Liebhaber. Wann und wie sich der Anbau dort entwickelte, darüber war bisher aber wenig bekannt. Bis jetzt.
Ein Gemälde einer lebhaften Szene in einem Innenraum, die eine Gruppe von Menschen zeigt, die an einem Tisch sitzen und feiern. Eine Frau in einem grünen Kleid hält ein Glas, während ein Mann Wein einschenkt. Auf dem Tisch liegen Trauben und ein Brotlaib. Ein Hund steht aufmerksam daneben. Im Hintergrund spielt ein Musiker ein Blasinstrument. Ein Papagei sitzt auf einem Regal, und ein Vogelkäfig hängt an der Wand. Die Atmosphäre ist fröhlich und gesellig.
Hoch das Glas! Wein kredenzt! Der Niederländer Jan Steen malte um 1668/70 eine Familie beim geselligen und wenig vorbildhaften Beisammensein, wie Steen scherzhaft zeigen wollte.

»Im Wein liegt die Wahrheit«, um ein Sprichwort zu zitieren, das Plinius der Ältere überlieferte – und gemeint war die Wahrheit über den Menschen, wohlgemerkt. Wein ist seit Jahrtausenden ein fester Bestandteil der menschlichen Trinkkultur: Er ist auf Fresken in Pompeji verewigt und wird in epischen Gedichten wie der »Ilias« und »Odyssee« besungen. Er ließ sich im Grab von Pharao Tutanchamun nachweisen, ebenso fanden sich Spuren davon auf 9000 Jahre alter Keramik in China, und er wird in der Bibel erwähnt. Trotz der Allgegenwart und anhaltenden Beliebtheit des Weins konnten Fachleute bislang nicht genau bestimmen, wann und wie Menschen das Getränk erstmals in der Form herstellten, wie wir es heute kennen.

Nun ist man des Rätsels Lösung etwas nähergekommen: Eine Studie über alte Traubenkerne aus Fundstellen in ganz Frankreich ergab, dass Menschen mindestens eine Rebsorte bereits seit Hunderten von Jahren konsumieren. Die Forschungsergebnisse wurden am 24. März 2026 in der Fachzeitschrift »Nature Communications« veröffentlicht.

Die Forscher analysierten das Genom von 54 Traubenkernen, die von wilden und domestizierten Gewächsen stammten. Diese fanden sich fast alle an archäologischen Stätten in Frankreich (ein Fundplatz liegt auf Ibiza) und datieren in eine Zeit von etwa 2300 v. Chr. bis 1500 n. Chr., also von der Bronzezeit bis ins späte Mittelalter – ein Zeitraum von fast 4000 Jahren.

Vermehrung von Wein durch Stecklinge

Das Erbgut dieser Kerne verglichen die Wissenschaftler mit der DNA moderner Rebsorten. Das erbrachte eine »sehr überraschende« Erkenntnis, erklärt Studienleiter Ludovic Orlando, Forschungsdirektor am Zentrum für Anthropobiologie und Genomik an der Universität Toulouse. Denn einige der alten Reben seien durch Stecklinge vermehrt, also geklont worden.

Beginnend in der mittleren Eisenzeit in Europa, zwischen 625 und 500 v. Chr., wiesen mehrere Traubenkerne dieselbe oder eine sehr ähnliche DNA auf. Das bedeutet: Winzer im gesamten Gebiet des heutigen Frankreichs waren dazu übergegangen, statt wilde Weinstöcke immer wieder neu zu domestizieren, bestehende Pflanzen direkt zu vermehren – sie legten demnach mithilfe von Stecklingen neue Weinfelder an. Die Ergebnisse geben Aufschluss über die Geschichte des Weins in Frankreich.

Als besonders interessant erwies sich die Probe einer im Mittelalter geklonten Rebe; sie sei genetisch identisch mit heutigem Pinot Noir oder Spätburgunder. Diese Rebsorte werde heute weltweit angebaut, so Orlando. »Wir haben also genau dieselbe Pflanze gefunden, vor 600 Jahren im 15. Jahrhundert«, erklärt der Archäogenetiker. Demnach ist Spätburgunder nicht nur seit Jahrhunderten beliebt, sondern die Menschen mochten ihn auch so sehr, dass sie ihn in all dieser Zeit kaum verändert haben.

Geschmackssache, keine Genetik

Ob der heutige Spätburgunder noch genauso schmeckt wie der im ausgehenden Mittelalter, lässt sich aus der DNA aber nicht ablesen. Wein ist ein vielseitiges Erzeugnis, dessen Geschmack von der Rebsorte, dem Gärungsprozess, der Umgebung und den Zusatzstoffen abhängt. Allerdings kann das Erbgut beispielsweise Aufschluss über den Zuckergehalt und die Traubengröße geben. Es gibt also noch viel über die Geschichte des Weins und – wie Plinius der Ältere schrieb – über uns selbst zu lernen.

»Wein und Trauben sind etwas Biologisches und etwas Kulturelles«, erklärt Archäogenetiker Orlando. »Überlegen Sie einmal, was Ihr Lieblingswein oder mein Lieblingswein ist – das sagt etwas über Sie aus, ebenso wie über Ihre Kultur.«

  • Quellen
Noraz, R. et al., Nature Communications 10.1038/s41467–026–70166-z, 2026

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